Bayer Leverkusen

Aus dem einstigen "Capitano" wird Michael Ballast

Einst rettete Ballack die Ehre der Nation. Die tritt den alternden Star nun mit Füßen. Erinnerungen an Beckenbauer und Müller werden wach.

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Fassungslos schlagen die Kritiker von Michael Ballack dieser Tage die Hände über dem Kopf zusammen und fragen sich, wann dieser sture Bock endlich kapiert, dass es Zeit ist, seine Memoiren zu schreiben, das Hündchen spazieren zu führen oder am Chiemsee Frisbee zu spielen. Hat da ein ehemaliger Weltstar sein Verfallsdatum verpasst?

Auf der Suche nach einer Antwort haben wir uns vor dem Hintergrund dieser sich stündlich verschärfenden Tragödie übers Wochenende ins sportlich-literarische Lebenswerk von Ernest Hemingway vertieft.

Und tatsächlich hat der große Dichter am trefflichen Beispiel zweier Legenden des Baseballs für die Nachwelt aufgeschrieben, woran ein großer Athlet zu erkennen hat, wann ihm die Stunde schlägt: „Joe DiMaggio hat seine Rekorde in die Annalen eingetragen, ebenso Ted Williams – und dann, an einem besonders guten Tag, als die guten Tage rarer zu werden begannen, haben sie ihre Schuhe an den Nagel gehängt. So hat ein Meister abzutreten.“

Hemingway wohl nicht gelsen

Weil Ballack den großen Hemingway offenbar nicht liest, liest ihm jeder Kleindichter zur Strafe neuerdings die Leviten. Mit dem erhobenen Zeigefinger stehen seine Kritiker Schlange und werfen ihm die hässlichsten Dinge vor – vor allem seine Unfähigkeit, die Gesetze des Geschäfts so zu akzeptieren, wie sie sind: brutal und unmenschlich.

Motto: Wann begreift er wohl, dass Fußball keine Denkmalpflege und die Uhr mit 35 Jahren abgelaufen ist? Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, der Mohr hat zu gehen, und zwar dalli-dalli.

Der große Ballack endet bitter – als Michael Ballast.

Wenn wir seine Feinde richtig verstehen, riecht er schon ranzig, und mit etwas bösem Willen konnten wir seine dazugehörige Leichenstarre aus den Fernsehbildern herausinterpretieren, die ihn am Samstag auf der Leverkusener Ersatzbank in Bremen zeigten.

Hinz und Kunz haben sich gegen den Mann verschworen, der in der ärmlichsten Zeit des deutschen Fußballs als unser letzter nennenswerter Kicker von Welt das Fähnlein hochhielt – und vermutlich hat sich „Blacky“ Fuchsberger von Ballack inspirieren lassen, als er auf den Buchdeckel seiner Memoiren „Älterwerden ist nichts für Feiglinge“ schrieb.

Auf der Ersatzbank hat sich Ballack am Samstag wenigstens noch verstecken können – aber irgendwann schickte ihn sein Trainer Robin Dutt dann zum Warmlaufen in Form des öffentlichen Spießrutenlaufens . Wenn eine Sau durchs Dorf getrieben wird, ist das weniger schlimm, denn der tut es nicht weh – sie ist ja kein Mensch.

Ballack aber braucht eine verdammt dicke Haut auf der Zielgeraden seiner Karriere. Feuer frei hat Wolfgang Holzhäuser, Leverkusens Geschäftsführer, in der vergangenen Woche gesagt und mit seinem Star abgerechnet: Fehleinkauf, Erwartungen nicht erfüllt.

Eine deftige Attacke

Das war eine deftige Attacke, allerdings hätte sich Holzhäuser genauso vor den Spiegel stellen und sich selbst beschimpfen können – denn wer einen sündhaft teuren Altstar holt, muss ihn stark machen und spielen lassen, sonst kracht’s. Jetzt kracht’s, und schuld ist Ballack.

Nein, Mitleid muss keiner mit ihm haben. Das Schmerzensgeld stimmt, der weitgereiste Routinier wird in seinem Leben nie mehr verhungern müssen – aber auf seine alten Tage kassiert er einfach den einen oder anderen Tritt zuviel.

Der erste Tritt war der des Rowdys Boateng. Ballack lag kaum im Gipskorsett, da fand sein Vertreter Lahm derart Gefallen an der nationalen Kapitänsbinde, dass der nächste Tritt folgte. Der dritte Tritt war dann der von „Jogi“ Löw unter dem Jugendmotto: Der „Capitano“ ist lahm, es lebe der Lahm. So gab ein Tritt den anderen, und mit dem letzten Tritt wird er jetzt vollends ans Bayer-Kreuz genagelt.

Gewiss, der Michael hätte den Ballack neulich dazu überreden müssen, trotz seiner Auswechslung im Spiel gegen Mainz dem Trainer einen warmen Handschlag nicht zu verweigern. Aber war dieser Fehlauftritt als beleidigte Leberwurst für einen, der seit bald zwei Jahren nur noch unter Tritten und Rücktritten leidet, als menschliche Regung nicht nachvollziehbar?

Wir sind uns, mit Ausnahme von Ballack und dessen engster Verwandtschaft, absolut einig: Es gibt gute Gründe, warum ihn Lahm, Löw, Dutt, Völler und Holzhäuser nicht mehr wollen . Aber muss es auch Ballack verstehen?

Er war uns eine Karriere lang herzlich willkommen als bissiger Bandenchef – und nun soll er plötzlich als zahnloses Weichei kuschen und sich, nachdem er schon unschuldig weggetreten wurde, auch freiwillig vollends zurücktreten lassen?

Grässliche Beispiele

Ballacks Kritiker verlangen zu viel. Sie denken in der Kategorie von Flachlandtirolern, sie waren selber nie Weltstar, sie haben nicht die blasseste Ahnung von der magnetischen Anziehungskraft des Blitzlichtgewitters – und keine Angst vor dem Absturz ins Loch und in die Leere nach dem letzten Spiel.

Dass einer eher zu spät als zu früh aufhört, ist menschlich. Deshalb verpassen so viele den Tag ihres Rücktritts. Grässliche Beispiele gibt es wie Sand am Meer, wir sagen nur Maradona. Und bei Günter Netzer füllen sich heute noch die Tränensäcke unter den Augen, wenn er erzählt, wie tragisch es in seiner Zeit bei Real Madrid mit den dortigen alten Kanonen ausging: „Am Ende haben sie sie mit dem Lasso vom Platz holen müssen.“

Es war peinlich – aber wie soll einer, der beim königlichsten Verein der Welt ein gekröntes Haupt war, über Nacht diesen drohenden Verlust an Verehrung verkraften?

Was erwartet Ballack?

Was Ballack diesbezüglich durch den Kopf schießt, können wir nur ahnen – aber was er erwartet, soviel wissen wir sicher, ist ein Bonus. „Springen wir so mit verdienten Spielern um?“, hat er sich beklagt, als es in der Nationalmannschaft seinerzeit den alternden Kumpel Torsten Frings erwischte.

Die Antwort ist ja. Selbst die Größten unter den Alten sind am Ende oft genug arm dran, wir können dazu Gerd Müller verhören. „Ohne den Gerd“, sagt Franz Beckenbauer immer mit Blick auf das prächtige Bayern-Imperium an der Säbener Straße, „wären wir heute noch in unserem alten Holzhäusl.“

Der größte Bomber aller Zeiten war das – aber am Ende fühlte er sich etwas lumpig zur Seite geschoben, er passte seinem letzten Trainer Pal Csernai nicht mehr in den Kram und endete im Exil in Florida.

Flüchtet Ballack?

Und vergessen wir auch nicht den „Kaiser“ himself, sogar den hat es erwischt, anno ’77. In seinen Memoiren hat er später enthüllt, dass ihm der Trainer Udo Lattek und die Jungspunde Paul Breitner und Uli Hoeneß in seiner Bayern-Endphase das Leben nicht direkt erleichtert haben, hören wir kurz rein: „Hoeneß, Breitner und Lattek bildeten eine verschwörerische Allianz. Eine spöttische Bemerkung beim Essen, eine kleine Bösartigkeit beim Training, die Luft hatte plötzlich einen giftigen Geruch. (...) Es entwickelte sich eine gewisse Feindseligkeit. (...) Ich fühlte mich wie in einem Rudel von Wölfen.“

Zu Cosmos New York hat er sich mit seinen Bisswunden dann in Sicherheit gebracht, worauf der damalige DFB-Präsident Neuberger über die dortige „Operettenliga“ lästerte und auf Beckenbauers Dienste bei der WM 1978 verzichtete – der tröstete sich halbwegs, indem er seine Karriere neben König Pele krönte.

Flüchtet auch Ballack am Ende ins Land der unbegrenzten Alterschancen? Flüchten muss er jedenfalls, denn in der öffentlichen Wahrnehmung steht er inzwischen nicht mehr da als Leithengst und bestes Pferd im Stall, sondern wie ein alter Gaul, dem das Wiehern vergangen ist und der deshalb kein Zuckerbrot mehr kriegt, sondern die Peitsche.

DFB-Sportdirektor Matthias Sammer rät Ballack zu einem Abschied. „Wir reden über Fußball und über einen Fußballer. Wenn ich Fußballer wäre, musst du sofort weggehen von Bayer Leverkusen. Michael schütze ich immer und überall, aber wenn es um Fußball geht, musst du morgen zu Bayer gehen und schauen, wie er das über die Bühne bringt. Entweder er verlässt den Verein sofort oder ich diene dem Verein, weil ich da ein richtig gutes Gehalt bekomme“, sagte Sammer in der TV-Sendung „Sky90“.

Blitzableiter

Das Standgericht des Fußballgeschäfts kennt keine Gnade aufgrund alter Verdienste, und Ballack kriegt das dieser Tage mit dem Holzhammer und dem Holzhäuser beigebracht, auch wenn Letzterer übers Wochenende einen Sack Kreide gefressen und für den Rest der Saison prophezeit hat: „Ballack wird noch gute Spiele für uns bestreiten.“

Böse Zungen vermuten jetzt, dass er bleiben soll, weil er sich als Sündenbock prima macht – solange der umstrittene Star ablenkt vom Trainer Dutt , hat der seine Ruhe.

Michael Ballack wird also noch als Blitzableiter benötigt. Wenigstens das.