X-Games

Höher, gefährlicher – nichts aus Burkes Tod gelernt

Während die Ski-Freestyle-Kollegen noch um die verstorbene Sarah Burke trauern, versprechen die X-Games in Aspen mehr Spektakel und Risiko als je zuvor.

Foto: picture-alliance / s03/ZUMA Pres/s03

Anna Segal und Sarah Burke waren gute Freundinnen. Die Australierin und die Kanadierin gehörten zu den Superstars des Wintersports, vor anderthalb Jahren flogen sie gemeinsam in der Action-strotzenden Skidokumentation „Say my name“ über die Leinwand.

Der Zuschauer bekam in dem Streifen zwei lebensfrohe, hübsche Frauen präsentiert, die sich steilste Hänge hinabstürzten und über Felskanten sprangen, als gäbe es nichts normaleres auf der Welt. Danach lachten beide in die Kamera, in einer Szene bewarfen sie sich gackernd mit pulverigem Schnee.

Jetzt sagt Anna Segal: „Ich denke, nach den jüngsten Ereignissen sollten manche Events abgesagt oder zumindest verschoben werden.“ Mit den jüngsten Ereignissen meint sie den Tod ihrer Freundin Sarah Burke.

Erst eine Woche her

Der liegt gerade einmal eine Woche zurück, wenn am Donnerstag die 16. Winter-X-Games in Aspen im US-Bundesstaat Colorado beginnen. Weite Teile der Szene waren und sind noch immer erschüttert vom Schicksal der sechsmaligen Gewinnerin dieser Veranstaltung, die im Alter von 29 Jahren im Training unglücklich auf den Kopf gestürzt und nach einem neuntägigen Koma verstorben war.

Der Veranstalter hingegen erlaubt seinen Athleten nur noch eine kurze Trauerphase. Im Rahmen der Eröffnungsfeier der selbsterklärten Olympischen Spiele der Extrem- und Actionsportarten wird ein Banner mit ihrem Konterfei gehisst. Ein paar Klaviertöne noch und einige warme Worte, dann beginnen die Wettbewerbe, die spektakulärer und halsbrecherischer werden sollen als je zuvor.

Seit der US-Fernsehsender ESPN die X-Games 1995 und die Winterversion zwei Jahre später ins Leben gerufen hat, ist aus einem trendigen Szenetreff ein millionenschwerer Industriezweig geworden. Der Amerikaner Shaun White etwa, mit mehr als zehn Millionen Dollar Jahresverdienst der Krösus des Wintersports, verdankt seine Popularität vornehmlich den X-Games.

Sponsoren rangeln um die besten Positionen für ihre Werbebanden, mehr als 100.000 Zuschauer werden in diesem Jahr an den vier Veranstaltungstagen in den Rocky Mountains erwartet, das Fernsehen übertragt 25 Stunden live. Die Olympischen Spiele, die ihr Programm nach und nach mit Snowboard- und Freestyle-Wettbewerben verjüngen, haben für die Stars der Snowboard- und Freestyle-Disziplinen eine nachrangige Bedeutung.

Weil alle Beteiligten von dieser Aufwärtsspirale profitieren wollen, bewirbt ESPN die diesjährigen X-Games mit so vielen Nachtrennen wie noch nie. Außerdem wurde eine 24 Meter hohe Sprungschanze errichtet, die den Athleten erstmals drei Umdrehungen in der Luft erlauben soll. Höheres Risiko heißt mehr Spektakel. Und Spektakel lässt sich am besten vermarkten, so in etwa sehen sie das bei ESPN. Doch erstmals stoßen sie damit auf Widerstand.

Sportler wie Anna Segal denken anders. „Sie sagen, dass du immer aussteigen kannst, wenn dir die Umstände nicht behagen“, berichtet sie. „Aber in Wahrheit hast du kaum eine Wahl, wenn es um 25.000 Dollar Stargeld geht, mit dem du die nächsten Trainingslager finanzieren musst. Dann spürst du den Druck.“

Auf dem Prüfstand

Druck ist eines jener Wörter, die sie in den Trendsportarten besonders ungern hören. Unbeschwert und heiter sollen die Protagonisten der jungen Disziplinen wirken. Anders also als die Kollegen, die Woche für Woche verbissen um Weltcuppunkte kämpfen und dabei keine Zeit mehr haben, die eigene Coolness zu pflegen.

Der Tod von Sarah Burke stellt diesen Habitus nun auf den Prüfstand – zumindest bei den Athleten scheint ein Umdenken einzusetzen. Russ Henshaw, Segals Landsmann, startet ebenfalls in Aspen und sagt mit dem Blick auf das Schicksal Burkes: „Am Ende des Tages muss die Sicherheit der Sportler wichtiger sein als eine gute TV-Show.“

Wie weit der Weg bis dahin noch ist, erfuhr er vor Wochenfrist am eigenen Körper. Bei der Generalprobe für die X-Games in Vermont war der Schneefall derart dicht, dass Henshaw und einige Mitstreiter eine kurzfristige Verschiebung um einen Tag forderten, weil sie Angst um ihre Sicherheit hatten.

TV-Sender pochen auf ihre Rechte

Sie blitzten ab und mussten raus ins Schneegestöber, die übertragenden Fernsehsender pochten auf ihre Rechte. „Wir müssen das Beste daraus machen und dürfen nicht klein beigeben“, fordert Henshaw. Bei den X-Games wird er jedoch genau wie Anna Segal an den Start gehen. Für den Boykott reicht der Oppositionswille dann doch nicht.

Rory Bushfield hingegen wird nicht nach Aspen reisen und er wird sich das Event auch nicht im Fernsehen anschauen. Der Ehemann von Sarah Burke, selbst ein berühmter Extremskifahrer, sagt, er könne es nicht ertragen. Außerdem hat er ohnehin genug damit zu tun, die 550.000 Euro Klinikkosten für seine Frau zusammenzutragen.

Bisher ist rund die Hälfte des Betrages auf einem Spendenkonto eingegangen. Der Rest soll bei den X-Games zusammenkommen. Dort gibt es genug Kandidaten, die sich damit ein reines Gewissen kaufen wollen.