Berliner Tennisstar

Lisicki glaubt trotz Niederlage an die Top Ten

Ganz nah dran: Gegen Maria Scharapova gewinnt Sabine Lisicki im Achtelfinale der Australian Open nach furioser Aufholjagd den ersten Satz, doch dann fehlt leider die Konsequenz. Trotzdem blickt die Berlinerin optimistisch nach vorn.

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Als Sabine Lisicki am Ende des unglücklichen Tennisabends mutterseelenallein zurückschritt in die Umkleidekabinen der Rod-Laver-Arena, da passierte sie auch noch einmal die Bildergalerie der großen Turnierchampions. Ein wenig versonnen schaute sie zu den Fotos von Steffi Graf, Martina Navratilova, Monica Seles oder Martina Hingis. Dabei schlich sich ein trotziger Ausdruck in ihr Gesicht. Kurz darauf erklärte sie, warum: „Ich will hier auch einmal den Pokal holen. Und ich weiß, dass es möglich ist.“

An diesem drückend heißen Montagabend war ihre aktuelle Melbourne-Mission zwar gescheitert, bei einem knapp verlorenen 6:3, 2:6, 3:6 gegen die unbeugsame Maria Scharapowa, doch als eine kommende Titelanwärterin im Welttennis hatte sich die Berlinerin gleichwohl angekündigt – in Melbourne potenziell genau so wie in Paris, London oder auch New York. „Sabine ist nur noch einen winzigen Hauch von den Besten der Besten entfernt“, sagte die amerikanische Fed-Cup-Chefin Mary Joe Fernandez beeindruckt und sprach vom „intensivsten Spiel, das dieses Turnier bisher gesehen hat“. Hocherhobenen Hauptes konnte die 22-jährige Deutsche den Schauplatz allemal verlassen, nach einem Spiel, das sie nur verlor, weil sie bei zwei, drei Big Points der 2:35-Stunden-Schlacht nicht über die nötige Coolness und Cleverness verfügt hatte.

Im Formel-Eins-Tempo

Welch eine Partie aber bekamen die 16000 Zuschauer auf dem Centrecourt zu sehen: ein Tennisspiel, das wie ein Pistolenschießen um zwölf Uhr mittags im Western wirkte. Ein Kampf zweier starker Egos, ein Psychoduell und ein Schlagabtausch, der im Formel-Eins-Tempo über die Bühne ging. Es war ein atemloses Match ohne Kompromisse, ein Spiel ohne wirkliche Pausen. „Das war pure Weltklasse“, sagte Bundestrainerin Barbara Rittner, „Sabine hat mit enormer Zuversicht gespielt, mit einer Haltung, die imponierend war. Da sind sich zwei Spielerinnen auf Augenhöhe begegnet.“

Centrecourt-Abendvorstellung, ausverkauftes Haus, mittendrin im Rampenlicht – es war ganz nach Lisickis Geschmack, jene große, glamouröse Bühne, die sie so inspiriert. Und nach einem jähen 0:3-Rückstand gegen die sofort mit aller Macht losballernde Russin fand auch die Berlinerin schnell zu jener Statur, die sie etwa in Wimbledon vergangenes Jahr bis ins Halbfinale getragen hatte. Wie im Rausch gewann sie die nächsten sechs Spiele zur 1:0-Satzführung. „Für solche Spiele lebt man doch als Profi“, sagte sie, schwankend zwischen Enttäuschung und Genugtuung, einen starken Saisonstart hingelegt zu haben. Für alle, die es vergessen hatten, erinnerte sie daran, „dass ich hier im letzten Jahr in der zweiten Qualifikationsrunde ausgeschieden bin“. Da könne man „bei allem Ärger über dieses Scheitern gegen Maria auch etwas Positives aus diesen Australian Open ziehen“.

Gegen eine Wettkämpferin wie Scharapowa fehlten ihr noch etwas Matchhärte, Routine und Abgebrühtheit. Sechs verlorene Spiele in Serie, einen bitteren Rückstand und einen drastischen Leistungseinbruch im ersten Satz steckte die „Königin der spitzen Schreie“ („The Age“) ungerührt weg – eine stahlharte Diva, die immer an ihre Chance glaubt. „Sie ist wie ich, sie gibt nie auf. Das ist auch der Reiz in diesen Matches“, sagte Lisicki, „aber ich war ganz, ganz nah an ihr dran. Näher als in jedem Spiel zuvor.“ In den vorangegangenen beiden Vergleichen hatte sie keinen Satzgewinn geschafft.

Es war, nach dem 1:1-Satzausgleich Scharapowas, schließlich das dritte Spiel im dritten Satz, das die Niederlage Lisickis besiegelte. Zwölfeinhalb Minuten dauerte dieser Kleinkrimi, gleich fünf Mal hatte Lisicki Breakball zur 2:1-Führung, doch fünf Mal wehrte Scharapowa ab. „Wie die sich aus solchen Situationen befreit, ist schon brutal“, sagte Rittner. Die verpassten Chancen kamen nicht wieder, nicht an diesem Tag, der mit Scharapowas Vormarsch ins Viertelfinale endete. Aber auch mit Lisickis Erkenntnis: „So wie ich heute gespielt habe, müsste ich bald in den Top Ten sein.“

Lisicki spielt So., 29. Januar 2012, bei den Havellandhalle Arcaden Classics gegen Julia Görges (Alte Dorfstr. 32, Seeburg, bei Berlin-Spandau)