Fussball-Bundesliga

Die Europa-Träumer vom HSV in Abstiegsangst

In Hamburg träumten sie schon von Europa. Doch nach der Blamage gegen Dortmund steckt der HSV im Abstiegskampf. Und für neue Spieler fehlt das Geld.

Am Dienstagabend trifft sich der Aufsichtsrat des Hamburger SV im Stadionrestaurant „Die Raute“ zu einer Sitzung. Auf der Tagesordnung steht unter anderem eine Präsentation von Frank Arnesen , der den Kontrolleuren einen Zwischenbericht über seine Arbeit abstatten soll. „Dabei geht es in erster Linie um die Nachwuchsarbeit und den Ausbau unseres Scoutingsystems“, sagte der Sportdirektor.

Doch nach der fürchterlichen Leistung zum Auftakt der Rückrunde dieser Bundesliga-Saison gegen Borussia Dortmund (1:5) muss er sich auf einige kritische Fragen zur aktuellen Situation einstellen. Durch die Niederlage ist der HSV auf Platz 14 abgerutscht, der Vorsprung auf die Abstiegszone beträgt zwei Punkte.


Arnesen will "Ruhe bewahren"

„Ich denke, es ist in dieser Phase sehr wichtig, dass wir die Ruhe bewahren. Das werde ich vorleben – und das erwarte ich auch aus dem Umfeld“, sagte Arnesen, der sich im Verlauf der Winterpause ebenso wie Trainer Thorsten Fink sowie Kapitän Heiko Westermann enorm optimistisch geäußert und dadurch hohe Erwartungen geweckt hatte.

Trotz der schwierigen Ausgangslage – die Hamburger schlossen die Hinrunde auf Rang 13 der Tabelle ab – gaben Verantwortliche und Profis die Qualifikation für den internationalen Wettbewerb als Ziel aus.

Nach der herben Klatsche im eigenen Stadion gegen den Meister war davon keine Rede mehr. „Es ist legitim, dass die Frage gestellt wird, ob der HSV ein Abstiegskandidat ist“, sagte Arnesen, und Fink fügte hinzu, dass er „mit einem Auge nach unten schielen“ würde.

Der Trainer verzichtete nach dem Spiel auf eine taktische Aufarbeitung und eine Fehleranalyse. Es erschien ihm wichtiger, mentale Blockaden zu lösen: „Erschreckend war für mich, dass wir so mutlos aufgetreten sind. Ich verstehe nicht, warum die Mannschaft so schnell das Vertrauen in sich verliert. Das ist das Kernproblem, das müssen wir entschlüsseln“, sagte Fink.

Abwehrchef Westermann schloss sich der Einschätzung des Trainers an. Auf dem Platz sei er sich verloren vorgekommen. „Einige Spieler wollten den Ball gar nicht haben, die haben sich versteckt. So kam es zu vielen Ballverlusten, das hat Dortmund in die Karten gespielt. Sie waren eine Klasse besser – und wir waren zwei Klassen schlechter als gewöhnlich. Dann entsteht so ein bitteres Ergebnis.“

Trotz des erschreckend schwachen Auftritts in allen Mannschaftsteilen waren die Verantwortlichen um eine nüchterne Einordnung bemüht. „Wir haben von den zurückliegenden zehn Bundesliga-Spielen doch nur dieses eine gegen Borussia Dortmund verloren.

Es bedeutet einen heftigen Rückschlag, aber daraus lese ich keinen Trend ab“, sagte Arnesen und betonte, dass bei ihm trotz der Vorführung durch Dortmund „kein Zweifel“ an der Qualität des Kaders aufkomme.

Die Frage eines Reporters, ob sich der HSV vor dem Ende dieser Transferperiode bis zum 31. Januar nach Verstärkungen umsehe, beantwortete der Sportdirektor mit einem Lächeln. Dann fügte er hinzu: „Ich kann auf jeden Fall ausschließen, dass es eine ‚große Lösung’ geben wird. Oder haben Sie etwas Geld für mich?“ Das zurückliegende Geschäftsjahr schlossen die Hanseaten mit einem Verlust in Höhe von 4,8 Millionen Euro ab. Und Vereinsboss Carl-Edgar Jarchow kündigte bereits an, dass auch für die laufende Serie ein Minus drohe.

Im Abstiegskampf muss es das vorhandene Personal richten, davon war Fink auch ausgegangen, als er Mitte Oktober den Schweizer Meister und Champions-League-Teilnehmer FC Basel verlassen hatte, um Aufbauarbeit beim HSV zu leisten. „Damals wurde mir der Auftrag erteilt, den Verein in der Bundesliga zu halten. Ich bin fest davon überzeugt, dass wir stark genug sind, um uns im gesicherten Mittelfeld zu platzieren“, sagte der Trainer.


Fink fordert Klasse statt Masse

Im Hinblick auf die kommende Saison, für die der Vorstandsvorsitzende Jarchow kürzlich „Platz eins bis sechs“ vorgeben hatte, erhöht Fink jedoch den Druck auf seine Vorgesetzten: „Wenn wir im Sommer richtig durchstarten wollen, dann müssen wir uns gezielt verstärken. Mit Klasse statt Masse.“

Doch zunächst muss sich der HSV im sportlichen Existenzkampf erfolgreich zur Wehr setzen. In der ersten Saisonhälfte stand nach sechs Spielen nur ein Punkt zu Buche, das Team belegte den letzten Tabellenplatz.

Am Samstag geht es zu Hertha BSC nach Berlin, dann kommen die Bayern in den Volkspark. Es folgen Partien in Köln, gegen Bremen und in Mönchengladbach.

„Das Programm hat es in sich, das wissen wir. Aber deshalb bricht bei uns keine Panik aus. Am Ende wird abgerechnet“, sagte Sportdirektor Arnesen, der sich mit aller Macht vor die Mannschaft stellt: „Schon bei Hertha werden wir einen anderen HSV sehen – mutig und stolz.“