Multiple Frakturen

Fallrückzieher zerschlägt Prödls Gesichtsknochen

Beim Rückrundenstart erlitten Sebastian Prödl und Benedikt Höwedes schwerste Verletzungen im Gesicht. Die Brutalität im Strafraum ist ein gefährlicher Trend.

Foto: Bongarts/Getty Images / Bongarts/Getty Images/Getty

Bundesliga brutal: Zwei schwere Gesichtsverletzungen haben den Rückrundenauftakt der Fußball-Bundesliga überschattet und die Diskussion über die zunehmende Härte im deutschen Oberhaus im neuen Jahr gleich wieder angeheizt.

Schlimm traf es Benedikt Höwedes. Der Kapitän von Schalke 04 wurde beim 3:1 gegen den VfB Stuttgart von seinem Mannschaftskollegen Marco Höger unglücklich im Gesicht getroffen und erlitt einen Jochbeinbruch. Der Abwehrspieler muss operiert werden und wird bis zu zwei Monate pausieren müssen, was auch seine Chance auf ein EM-Ticket schmälert.

Genauso schwer erwischt wurde auch Sebastian Prödl (Werder Bremen), der im Match beim 1. FC Kaiserslautern (0:0) von seinem Gegenspieler Dorge Kouemaha mit dem Fuß im Gesicht getroffen wurde. Der Stürmer aus Kamerun hatte im eigenen Strafraum einen Fallrückzieher ausgeführt und dabei im Gesicht getroffen: Prödl erlitt einen Oberkiefer- und Nasenbeinbruch sowie eine Gehirnerschütterung, er fällt wohl zwei Monate aus.

„Das ist unfassbar für mich. Der Schiedsrichter hat mir in der Halbzeit gesagt, dass er es nicht gesehen hat. Die Aufnahmen widerlegen es - er hat es gesehen, und dafür habe ich kein Verständnis“, sagte Werder-Trainer Schaaf bei Liga total!: „Wenn sich der Schiedsrichter die Bilder anschaut, wird er schon wissen, was er gemacht hat.“

Im Gegensatz zum Schiedsrichter war Kouemaha kaum ein Vorwurf zu machen. Der Kameruner hatte den nach vorne stürmenden Prödl bei seinem Rettungsversuch nicht wahrgenommen. „Das tut mir sehr leid, aber ich habe ihn nicht gesehen“, sagte der Angreifer, der sich nach dem Abpfiff in der Bremer Kabine die Handy-Nummer Prödls besorgte. Auch Werder-Kapitän Clemens Fritz nahm Kouemaha in Schutz: „Ich mache ihm keinen Vorwurf und unterstelle ihm keine Absicht, weil Basti etwas von der Seite kam.“

Sportdirektor Klaus Allofs wurde in Anspielung auf das Unparteiischen-Trio noch deutlicher: „Es gab drei Leute im Stadion, die es nicht gesehen haben. Und die, die am Bierstand waren.“ Auch Ex-Weltschiedsrichter Markus Merk stellte als Sky-Experte Hartmann an den Pranger: „Das war ein hundertprozentiger Elfmeter, da gibt es keine zwei Meinungen.“

Prödl selbst meldete sich am Sonntagmorgen auf seiner Homepage sebastianproedl.com bei seinen Fans mit einem Foto von sich selbst, sichtlich angeschlagen, im Krankenbett. Dazu schrieb er die Zeilen: "Es geht mir - ehrlich gesagt - dreckig. Aber ich möchte mich allen herzlich bedanken, die an mich denken und mir in dieser schweren Zeit Zuspruch geben. Der Weg zurück wird nicht einfach, aber ich weiß schon jetzt, dass mich die Unterstützung durch meine Familie, Freundin, Freunde, Verein und alle Fans bald wieder zu alter Stärke zurückführen wird."

Gesichtsverletzungen schon Bundesliga-Tagesordnung

Es gibt unterschiedliche Meinungen darüber, ob der von allen Seiten propagierte Fair-Play-Gedanke nicht zusehends mit Füßen getreten wird, denn schwere Gesichtsverletzungen gehören in dieser Saison fast schon zur Tagesordnung an den Bundesliga-Wochenenden. Michael Ballack, Klaas-Jan Huntelaar (beide Nasenbeinbruch), Neven Subotic (Mittelgesichtsfraktur), Christian Tiffert (schwere Platzwunde) oder Sven Bender (doppelter Kieferbruch) können ein Lied davon singen.

Der Dortmunder Abwehrspieler Neven Subotic beklagte bereits Ende vergangenen Jahres den Verfall der Sitten: „Ich denke schon, dass in letzter Zeit der Ellbogen häufiger eingesetzt wird. Einige Spieler loten erst mal aus, was der Schiri durchgehen lässt und was nicht. Wenn sie merken, es geht mehr, kommt der Ellbogen verstärkt zum Einsatz“, beschrieb Subotic das Verhalten auf den Bundesligaplätzen.

Für DFB-Arzt Josef Schmitt besteht allerdings kein Grund zur Sorge. „Wir erleben derzeit einige Fälle. Einen direkten Trend würde ich daraus jedoch nicht ableiten“, sagte der Orthopäde der "Süddeutschen Zeitung".

Dass die Boxeinlagen in den Fußball-Stadien zunehmen, ist zwar statistisch nicht belegt, doch der Eindruck verhärtet sich. Höwedes erlitt seine schlimme Verletzung zwar bei einem Zusammenstoß mit einem Mitspieler, in der Regel sind es aber wie bei Kouemaha gegen Prödl brutale Attacken, die dem Gegenspieler den K.o. versetzen.

Ellenbogenchecks von Freiburgs Jan Rosenthal und Wolfsburgs Sotirios Kyrgiakos setzten zum Beispiel Ballack bzw. Subotic außer Gefecht. Die Schiedsrichter sind zwar angehalten, solche Attacken zu ahnden, haben es in der Hitze des Gefechts aber alles andere als leicht.

Der ehemalige DFB-Vorzeige-Schiri Merk weist darauf hin, das die Referees die Schwierigkeit haben, zwischen Zufall und Absicht zu unterscheiden: „Die Problematik liegt in der Wahrnehmung bei Luftkämpfen. Spieler argumentieren gern, dass sie die Arme brauchen, um Schwung zu holen. Für die Schiedsrichter ist es schwer zu entscheiden, ob ein Spieler den Gegner im Blick hat oder den Ball und die Arme nur fahrlässig mit hochnimmt.