Punktgleich mit Bayern

Schalkes Angst vor feuchten Träumen

Die spielerische Leichtigkeit, mit der Schalke Stuttgart bezwang, verblüffte sogar Huub Stevens. Doch von Titelträumen wollen Trainer und Manager nichts hören.

Es waren zehn Sekunden zum Träumen. Exakt so lange hatte der schönste Spielzug der Schalker am Samstag beim 3:1 (1:0) über den VfB Stuttgart gedauert: Zehn Sekunden von der Balleroberung durch Klaas-Jan Huntelaar, über fünf zielsichere Kurzpässe von Ciprian Marica, Raul, Julian Draxler, Raul und erneut Huntelaar, bis hin zur Vollendung durch Draxler, der den Ball zum entscheidenden 3:0 ins Stuttgarter Tor schlenzen konnte.

Wenn Klasse und Offensivpotenzial der Mannschaft von Huub Stevens noch eines Beweises bedurft hätten – der Spielzug aus der 80. Minute hätte alle Skeptiker überzeugt. „Für mich persönlich ist es ein Traum, mit diesen Spielern zusammen zu spielen“, sagte Draxler nach seinem ersten Bundesligator seit dem 1. April 2011 bescheiden: „Solch eine Kombination ist unfassbar.“


"Damit hätte ich nicht gerechnet"

Die spielerische Leichtigkeit, mit der die Schalker ihren bereits zwölften Saisonsieg erringen konnten, verblüffte nicht nur die eigenen Anhänger, sondern auch ihren Trainer. „Nein, damit hätte ich nicht gerechnet“, sagte Stevens, der den Traditionsverein in nicht einmal fünf Monaten auf eine Spitzenposition, punktgleich mit dem FC Bayern, geführt hat. Doch der Auffassung, Schalke könne tatsächlich Deutscher Meister werden, will der Niederländer nichts wissen: „Das ist nur eine Momentaufnahme. Wir sind noch nicht die Mannschaft, die die nötige Stabilität hat. Damit wir oben mitmischen können, muss alles gut passen und laufen.“

Derzeit läuft es jedoch besser als erwartet. In den vergangenen neun Spielen gab es nur eine Niederlage, und speziell was Zielstrebigkeit und Homogenität angeht, wurden große Fortschritte gemacht. Aus einer Ansammlung von starken Individualisten, speziell im Offensivbereich, wurde ein Team geformt, das mittlerweile in fast allen Mannschaftsteilen über gute Alternativen verfügt.


Matip überzeugt im defensiven Mittelfeld

Auf der Position im defensiven Mittelfeld überzeugte Joel Matip, der die Schalker nach drei Minuten in Führung gebracht hatte. Der aus Hoffenheim ausgeliehene Stürmer Chinedu Obasi gab ein starkes Debüt als Vertreter von Jefferson Farfan. Und der 18-jährige Draxler, eines der größten deutschen Mittelfeldtalente, kam am Samstag von der Bank und gab dem Spiel sofort neue Impulse.

Die zum Großteil von Felix Magath zusammenstellte Mannschaft wurden von dessen Nachfolgern Ralf Rangnick und Stevens geschliffen und weiterentwickelt. Mittlerweile greifen Automatismen, die sich wegen der hohen personellen Fluktuation der vergangenen Jahre zunächst nur schwer entwickeln konnten. Die Phasen, in denen die Schalker ähnlich schnellen und modernen Kombinationsfußball spielen wie die Konkurrenten aus München, Dortmund und Mönchengladbach, nehmen zu.

Eine Entwicklung, mit der zu Saisonbeginn nur wenige gerechnet haben. „Ich bin positiv überrascht, dass es die Mannschaft geschafft hat, sich so zu einer Einheit zu formieren“, sagt Horst Heldt. Rangnick und Stevens, betont der Manager, hätten dies „hervorragend“ hinbekommen. Speziell Stevens, dessen Verpflichtung mit viel Skepsis aufgenommen worden war, sei nicht nur „ein Glücksfall“, sondern „ein Segen“.

Sollte die Konkurrenz Schwächen zeigen, könnte die Saison womöglich ein unerwartet sensationelles Ende nehmen. Die Münchener und die Dortmunder hätten ihnen zwar einiges voraus, sagt Torjäger Klaas-Jan Huntelaar, „aber wenn die Bayern so wie am Freitag ihre Punkte nicht holen, können wir aufholen“. Wahrscheinlich sei dies jedoch nicht. „Wir können uns gut selbst einschätzen“, betont Manager Heldt.

Wird Rauls Vertrag verlängert?

Er kennt die Probleme, die die Schalker Glückseligkeit bedrohen: Zum einen fällt Benedikt Höwedes, der Kapitän und Abwehrchef, wegen eines Jochbeinbruchs vier bis sechs Wochen aus; Heldt zieht deswegen sogar in Erwägung, noch kurzfristig noch einen Verteidiger zu verpflichten. Zum anderen steht noch im Januar ein wichtiger Termin mit Raul an. Die Fangemeine erwartet, befeuert durch öffentliche Andeutungen von Aufsichtsratchef Clemens Tönnies, eine Vertragsverlängerung mit dem Star.

Doch was passiert, wenn es keine Einigung mit dem mittlerweile 34-jährigen Spanier geben sollte, der für einen neuen Kontrakt erhebliche finanzielle Einbüßen in Kauf müsste? Enttäuschung bei den Anhängern wäre die Folge, Heldt würde wohl in Erklärungsnot geraten. Deshalb versucht der Manager bewusst, einen Kontrapunkt zu dem äußerst optimistischen Tönnies („Ich habe ein sehr gutes Gefühl“) zu setzen. Die Signale, die Raul aussende, seien zwar „rundweg positiv“, so Heldt, doch es müsse abgewartet werden, was die Gespräche ergeben. Er jedenfalls habe noch keinen Spieler erlebt, der freiwillig auf Geld verzichtet.

Auch deshalb halten sich Heldt und Stevens so bedeckt, was mögliche Titelchancen angeht. Um die klein zu reden, spielte das Duo Samstag nach dem Schlusspfiff verbal Doppelpass. „Träume sind schön“, sagte Stevens. Und Heldt vervollständigte: „Wir müssen nur aufpassen, dass es am Ende nicht feuchte Träume werden.“