Australian Open

Lisicki freut sich auf Spiel gegen Scharapowa

Wie weit trägt der Aufschwung der deutschen Damen? Nach Kerber misst sich nun Sabine Lisicki im Achtelfinale an der Russin Maria Scharapowa. Die wirkt robuster und austrainierter denn je.

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Vor einem Jahr in Melbourne war Sabine Lisicki ziemlich weit unten. Vergessen ihr hoffnungsvoller Karrierestart, statt dessen Zweifel und Frust. Wegen einer hartnäckigen Knöchelverletzung war die Berlinerin in der Weltrangliste von Platz 24 auf Rang 218 abgestürzt. Beim ersten Grand-Slam-Turnier des Jahres unterlag sie in Runde zwei – der Qualifikation.

Viel ist passiert seitdem. Schritt für Schritt kämpfte sich Lisicki wieder nach oben, erst durch Qualifikationen, dann durch Hauptrunden, schließlich ins Halbfinale von Wimbledon. Als erste Deutsche seit Steffi Graf, wie stets betont wurde – die deutschen Tennis-Fans wagten nach über einem Jahrzehnt der Enttäuschung mal wieder zu schwelgen. Auch wenn in der Vorschlussrunde dann Maria Scharapowa zu stark war.

Am frühen Montag mitteleuropäischer Zeit geht es für Sabine Lisicki im Achtelfinale der Australian Open erneut gegen Maria Scharapowa. Und obwohl die Russin wieder zu favorisieren ist, obwohl Lisickis Aufstieg nicht ganz so rasant weiter ging, wie sich das mancher nach Wimbledon erhofft haben mag – der Vergleich mit Melbourne vor einem Jahr rückt die Perspektive ganz gut zurecht. Sabine Lisicki steht jetzt auf Platz 15 der Weltrangliste, sie ist eine etablierte Spitzenspielerin. „Ich kann stolz auf mich sein“, sagt sie beim Blick zurück.

Wenn es eines gibt, auf das sich die 22-Jährige in ihrer noch jungen Karriere immer verlassen konnte, dann sind das tatsächlich ihre Comeback-Qualitäten – im großen Bogen wie im kleinen eines einzelnen Matches. „Ich bin halt eine Kämpferin“, sagt sie. Bei ihrem Drittrunden-Sieg am Sonnabend gegen Swetlana Kusnezowa etwa begann sie so schlampig, dass sie erst im dritten Spiel des zweiten Satzes erstmals ihren Aufschlag durchbrachte, dabei ist der eigentlich ihre größte Waffe. „Come on“, feuerte sich Lisicki an, und in der Folge schaffte sie es, das Spiel zu drehen. Immer mehr war es nun die ehemalige Paris- und US-Open-Siegerin Kusnezowa, die ihre Chancen verschluderte. Nach knapp zwei Stunden hatte Lisicki die im Ranking vier Plätze hinter ihr geführte Russin mit 2:6, 6:4, 6:2 niedergerungen.

Kampfgeist im Gepäck

„Natürlich freue ich mich auf dieses Spiel“, sagte Lisicki danach im Hinblick auf das bevorstehende Wiedersehen mit Scharapowa. Irgendwelche Revanchegelüste wegen Wimbledon „spielen keine Rolle“, versicherte sie. Es geht um das Jetzt und Hier. Und da bedeutet so ein Spiel gegen einen Superstar des Sports eine große Chance. Die Chance, den nächsten Schritt zu machen.

Denn darauf wartet das heimische Publikum ja irgendwo schon. Nach einer erfreulichen Entwicklung der letzten Monate gibt es im deutschen Damen-Tennis eine viel versprechende Auswahl an sehr guten Spielerinnen. Da ist Lisicki, da ist die in Melbourne verletzt fehlende Weltranglisten-Zehnte Andrea Petkovic (24), da ist US-Open-Halbfinalistin Angelique Kerber (23), da sind Julia Görges (23) und Mona Barthel (21 ) , die voriges Wochenende das Vorbereitungsturnier in Hobart gewann. „Wie viele sind wir jetzt?“, fragte Lisicki dieser Tage in Melbourne, „fünf in den Top 50? Wer hätte das vor ein paar Jahren gedacht.“

Petkovic schrieb derweil Fed-Cup-Teamchefin Barbara Rittner, sie habe jetzt „die Qual der Wahl“ bei der Zusammenstellung ihres Teams für das Erstrundenmatch gegen Titelverteidiger Tschechien Anfang Februar. Was jedoch noch fehlt, sind Konstanz und die ganz großen Siege. Dass es eine oder mehrere Spielerinnen der neuen deutschen Tennis-Welle regelmäßig in die Schlussrunden der Grand-Slam-Turniere schaffen. Dass sie Champions wie Scharapowa auch dann auf Augenhöhe begegnen, wenn sich diese in Topform befinden.

Angelique Kerber ist das nicht gelungen. Die Kielerin unterlag Scharapowa deutlich mit 1:6, 2:6. Immerhin, beide Akteurinnen waren sich danach einig, dass das Spiel nicht so deutlich war wie das Ergebnis. „Im zweiten Satz wurde es ziemlich schwer“, sagte Scharapowa, „da hat sie einen Gang hoch geschaltet.“ Kerber kann in der Gewissheit die Heimreise antreten, der Russin mehr Spiele abgenommen zu haben als deren vorherige Gegnerinnen zusammen. Aber natürlich war sie letztlich chancenlos.

Eine entspannte Russin

Anders als voriges Jahr, als sie in der dritten Runde gegen Petkovic unterlag, scheint sich Scharapowa in bester Verfassung zu befinden. Die dreifache Grand-Slam-Siegerin (Wimbledon 2004, US Open 2006, Melbourne 2008) wirkt robuster und austrainierter denn je, nachdem sie letzte Saison endlich einmal weitgehend blessurenfrei durchspielen konnte. So entspannt bewegt sich die Weltranglisten-Vierte bislang durch das Turnier, dass es in ihren Pressekonferenzen mehr um ihr Privatleben geht als um ihre Matches. So verblüffte sie die Zuhörer nach dem Spiel gegen Kerber mit Einblicken in ihren Freizeitprogramm. In den tennisfreien Stunden von Melbourne blättert sie zur Zerstreuung nicht gerade in leichter Lektüre – sondern liest „1984“ von George Orwell. Einen Tag bevor Lisicki versuchen wird, Scharapowa aus ihrer Bierruhe zu bringen, schlugen in der Nacht zum Sonntag die beiden anderen verbliebenen Deutschen zu ihren Achtelfinal-Matches auf. Philipp Kohlschreiber hoffte dabei, gegen den ehemaligen US-Open-Champion Juan del Potro (Argentinien) erstmals in seiner Karriere das Viertelfinale eines Grand-Slam-Turniers zu erreichen. Derweil war die deutsche Damen-Equipe auch noch durch Julia Görges vertreten, die sich mit der Weltranglisten-Achten Agnieszka Radwanska (Polen) maß. Görges bestritt dabei das erste Grand-Slam-Achtelfinale ihrer Laufbahn – nachdem sie vorige Saison bei allen vier Stationen in der dritten Runde gescheitert war.

Wie gesagt, es geht aufwärts bei den deutschen Damen, nur: wie weit? Nationaltrainerin Rittner hat 2012 schon vor einigen Monaten zum „Jahr der Wahrheit“ ausgerufen. Und so ein Jahr der Wahrheit besteht nun einmal aus vielen Matches der Wahrheit. Für Lisicki steigt jetzt das erste. In Melbourne, gegen Scharapowa.

Duell der Generationen

Sabine Lisicki (22) aus Berlin ist seit 2006 auf der Tennistour und derzeit auf Platz 15 der Weltrangliste notiert. Von ihren bisher gespielten 300 Einzeln siegte sie in 187. In ihrer Karriere gewann sie drei Turniere, verdiente 1,9 Millionen Dollar Preisgeld. Das Highlight der Karriere war sicherlich der Einzug ins Einzelhalbfinale von Wimbledon im Jahr 2011, das sie gegen Scharapowa verlor.

Maria Scharapowa (26): Kaum eine Spielerin ist schillernder als die Russin, die seit 2001 Tennisprofi ist (516 Matches, nur 104 Niederlagen, 24 Turniersiege). Über 16 Millionen Dollar hat die dreifache Grand-Slam-Siegerin bislang verdient, dazu kommt ein Vielfaches an Sponsorengeldern. Scharapowa, aktuell die Nummer vier der Welt, war schon 17 Wochen die Nummer eins.