Sportlegende

Andere prügelten härter, Ali tanzte im Boxring

Am Dienstag wird Muhammad Ali 70 Jahre alt. Einen so brillanten wie politischen Athleten wie ihn wird es wohl nie wieder geben.

Auch seinen vorerst letzten Kampf hat Muhammad Ali gewonnen. In mehreren persönlichen Schreiben setzte er sich 2010 bei Ayatollah Ali Chamenei für die Freilassung dreier inhaftierter Amerikaner ein: „Bitte zeigen Sie der Welt Ihr Mitgefühl.“ Ali gelang, was zuvor die Diplomaten bis hin zu Außenministerin Hillary Clinton jahrelang vergeblich versucht hatten – sein Wort, sein Idealismus, sein Charme erweichten auch den größten Hardliner.

Am Samstag waren die drei ehemaligen Geiseln unter den Gästen, als in Louisville/Kentucky die Feierlichkeiten zum 70. Geburtstag des Mannes begannen, der beileibe nicht nur nach eigener Einschätzung „The Greatest“ ist. Sieben Tage – einen für jedes Lebensjahrzehnt – wird die Party in Alis Geburtsstadt dauern und damit doch nur der Auftakt sein für einen Monat der Festivitäten. Der Haupt- und Schlussakt steigt am 18. Februar im MGM Grand Garden von Las Vegas; dort wo heutzutage die bedeutenden Schwergewichtler boxen.

Es waren eben noch andere Zeiten

Alis größte Kämpfe fanden an allen möglichen Orten statt, die berühmtesten in so exotischen Ländern wie Zaire („Rumble in the Jungle“ gegen George Foreman) und den Philippinen („Thrilla in Manila“ gegen Joe Frazier). Es waren eben noch andere Zeiten.

Und auch deshalb war er ein größerer Sportler, als man ihn je wieder gefunden hätte. Ali transzendierte den Boxring, und es ging dabei um etwas, von dem sich heutige Athleten tunlichst fernhalten. Es ging um Politik. Ali verzichtete für seine Überzeugungen sogar auf die potenziell besten Jahre seiner Karriere.

„Zu mir hat nie ein Vietkong ‚Nigger’ gesagt“ – dieser Satz durchzuckte 1967 die USA; in wenigen Worten begründete Ali seine Kriegsdienstverweigerung und geißelte gleichzeitig den Rassismus in seiner Heimat. Ohne seine ganz spezielle Sprache, die Zuspitzungen, die Gleichnisse, die Rapverse wäre Alis Legende nicht dieselbe geworden.


Mund als Waffe

Sein Mund war eine Waffe, gefürchtet nicht nur von den Gegnern, die er bis zur Lächerlichkeit demütigen konnte, sondern auch von den Autoritäten. Wegen seiner Absage an den Vietnam-Krieg wurde Ali zwar vor Gericht auf Kaution freigelassen. Von den Boxverbänden blieb er jedoch lange dreieinhalb Jahre gesperrt.

Die anderen Waffen waren, natürlich, seine Hände und Beine. „Float like a butterfly / sting like a bee / his hands can’t hit / what his eyes don’t see“ („Schwebe wie ein Schmetterling / Stich wie eine Biene / Seine Hände können nicht treffen / was seine Augen nicht sehen“) – poetischer als alle Box-Schriftsteller hat Ali seinen Stil im berühmten Rap vor dem Dschungel-Kampf 1974 gegen Foreman selbst beschrieben.

Foreman und Frazier prügelten härter, aber er, bei seinem Olympiasieg 1960 noch Halbschwergewichtler, tanzte im Ring.

Seine Schnelligkeit im Ausweichen und Austeilen definierte seinen Stil; seine Eleganz hob die Faustkämpfe der schweren Männer auf eine neue ästhetische Ebene. „Boxen ist, wenn viele Weiße dabei zusehen, wie sich zwei Schwarze gegenseitig verprügeln“, hat Ali einmal gesagt und gelegentlich mit seinem Beruf kokettiert: „Es ist nur ein Job. Gras wächst, Vögel fliegen, Wellen schlagen in den Sand. Ich verprügle andere Leute.“

Unbestritten ist, dass das Boxen mit ihm seine größte Epoche erlebte, dass seine einmalige Art zu kämpfen und davor wie danach den Mund aufzureißen, die Menschen weltweit in ihren Bann zog. Als er 1971 im New Yorker Madison Square Garden erstmals gegen Frazier antrat („Kampf des Jahrhunderts“), ließ sich Frank Sinatra als Fotograf akkreditieren – er wäre sonst nicht an eine Karte gekommen.

Brutaler Abnutzungskampf

Ali verlor an jenem Abend seinen ersten Profikampf, und der Fight wurde in vielen amerikanischen Städten von Ausschreitungen begleitet. Frazier galt als angepasster Schwarzer; Ali dagegen war 1964 zum Islam übergetreten und hatte dabei seinen Geburtsnamen abgelegt („Cassius Clay ist ein Sklavenname“). Die politischen Konnotationen nahmen in der Folge etwas ab, Ali gewann einen Rückkampf 1974 und auch das dritte Duell beider 1975 in Manila – nach 14 Runden brutalem Abnutzungskampf bei unmenschlicher Hitze und Feuchtigkeit.

Dieser Kampf rangiert immer weit vorn, wenn über die Folgen der Boxkarriere für Alis heutigen Zustand gemutmaßt wird. Knapp 30.000 Kopfschläge musste er in seiner Laufbahn einstecken, trotz ärztlicher Warnungen boxte er noch bis 1981 weiter. Drei Jahre später wurde bei ihm Parkinson diagnostiziert.

Von seinen insgesamt 50 Profigegnern hat Ali genau die Hälfte überlebt, doch mittlerweile ist er sehr schwach. Nach seinem Besuch der Beerdigung von Frazier vor zwei Monaten musste er ins Krankenhaus, da fürchteten viele schon das Schlimmste. Umso erleichterter waren sie, als er am Samstag dem Auftakt der Geburtstags-Feierlichkeiten mit seiner vierten Ehefrau Lonnie persönlich beiwohnte.

„Möglicherweise überlebt er uns alle“, schrieb sein alter Rivale und heutige Freund George Foreman „Morgenpost Online“: „Und wissen Sie warum? Weil er der Größte ist“.

Tatsächlich hat sich Ali nie von seiner Krankheit unterkriegen lassen. 1996 rührte er die Welt, als er mit zittriger Hand das olympische Feuer von Atlanta entzündete. So lange es möglich war, reiste er 200 Tage im Jahr um den Globus. Bis heute sammelt er Geld für seine Stiftung und kämpfte den großen Kampf seines Lebens. „Ich wünschte, die Menschen würden jeden anderen auch so lieben wie sie mich lieben“, hat er einmal gesagt: „Es wäre eine bessere Welt.“