Deutsches EM-Desaster

"Zeigen, dass wir einen Arsch in der Hose haben"

Nach dem EM-Fehlstart werden die Deutschen heftig kritisiert. Gegen Mazedonien steht das Team von Hanball-Bundestrainer Martin Heuberger unter großem Druck.

Die Nacht war kurz und gruselig. Mit tiefen Augenrändern schlurften die deutschen Handballer um Kapitän Pascal Hens am Montagnachmittag zum Training. Die Euphorie ist im deutschen Lager erst einmal Ernüchterung gewichen. Während es am Tag nach dem EM-Fehlstart heftige Kritik hagelte, hat Bundestrainer Martin Heuberger das Spiel gegen Mazedonien am Dienstag (18.15 Uhr/ARD) zur Charakterfrage erklärt. Bei einer weiteren Pleite droht in Serbien der vorzeitige Vorrunden-K.o. - und damit das Aus aller olympischen Träume.

Halb drei Uhr in der Nacht war es, als Pascal Hens in seinem Zimmer das Licht ausknipste. Richtig gut schlafen konnte er nicht nach d er blamablen 24:27-Pleite gegen Tschechien . Schlampige Würfe, schwache Abspiele und eine katastrophale Chancenverwertung: der desolate EM-Auftakt vom Sonntag - ein Horrostreifen.


Alles oder nichts gegen Mazedonien

„Wir müssen uns deutlich steigern, ansonsten kann nach dem Mazedonien-Spiel schon alles vorbei sein“, sagte Hens. Der Rückraumspieler vom deutschen Meister HSV Hamburg sprach am Montag von einem „Alles-oder-Nichts-Spiel“ gegen Mazedonien. Er schränkte aber auch ein: „In dem Hexenkessel vor über 4000 frenetischen Fans wird das sicher nicht einfacher als gegen Tschechien.“

Auch bei den Verantwortlichen des Deutschen Handball-Bundes (DHB) stand der spielfreie Tag ganz im Zeichen der Aufarbeitung der schlimmen Vorkomnisse am Vorabend. „Es ist sehr schwer, eine Erklärung dafür zu finden“, sagte DHB-Manager und Weltmeistertrainer Heiner Brand bei "Sport1": „Ich war eigentlich davon ausgegangen, dass die Mannschaft auch aus den Erfahrungen der letzten Jahre etwas gelernt hätte und hochmotiviert und mit unheimlichem Kampf und Begeisterung in das Spiel gehen würde.“

DHB-Vizepräsident Horst Bredemeier schlug in die gleiche Kerbe. „Wir müssen jetzt zeigen, dass wir einen Arsch in der Hose haben“, sagte Bredemeier: „Gegen Tschechien hat der absolute Wille gefehlt.“

Trainer Martin Heuberger erhob die Partie gegen den Außenseiter derweil zum Charaktertest. „Wer es jetzt nicht begriffen hat“, sagte Heuberger, holte tief Luft und ließ den Satz unvollendet im Raum stehen. Stattdessen ging er zum Angriff über. „Wir werden den Kopf jetzt ganz sicher nicht in den Sand stecken“, sagte Heuberger, „und mit viel Begeisterung in das Spiel gehen“.


"Jeder kocht sein eigenes Süppchen"

Genau an dieser hatte es gegen Tschechien gefehlt. Experten machen sich große Sorgen um die deutsche Mannschaft. „Die Leistung lässt für den weiteren Turnierverlauf nicht viel Hoffnung zu“, sagte der ehemalige Welthandballer Daniel Stephan: „Jeder kocht sein eigenes Süppchen. Sie kämpfen zwar, aber nebeneinander her, jeder für sich.“

Der frühere Spielmacher bemängelte vor allem den Auftritt von Hens. „Er war kein Leitwolf, wirkte fast wie ein Fremdkörper“, sagte Stephan, der mit Hens 2004 noch zusammen Europameister geworden war.„Er sollte als Führungsspieler vorweg gehen, das habe ich aber nicht gesehen“, sagte Stephan. Hens hatte gegen Tschechien keinen Treffer erzielt und war bereits früh ausgewechselt worden.



Gegen Mazedonien sieht Stephan aber auch den Bundestrainer in der Pflicht. „Es muss eine Trotzreaktion her. Die Mannschaft muss auf dem Platz enger zusammen rücken - da ist auch Martin Heuberger gefragt.“

Damit wird es allerdings kaum getan sein. Wenig Durchsetzungsvermögen, mangelnde Chancenverwertung und ein katastrophales Überzahlspiel - vor dem richtungweisenden zweiten Spiel gibt es viele Baustellen. Konstanz ist im deutschen Team, das mit sieben Weltmeistern von 2007 gespickt ist, ein Fremdwort. Die Spieler scheinen im Nationaltrikot zu verkrampfen. „Da ist irgendwie ein Knoten drin“, sagt Linksaußen Uwe Gensheimer: „Uns fehlt die Lockerheit.“


Steigerung in allen Bereichen nötig

Ob die ausgerechnet gegen Mazedonien zurückkommt, steht in den Sternen. Dabei bedarf es einer Steigerung in allen Bereichen, um den Traum von den Olympischen Spielen am Leben zu halten. Denn sollte die deutsche Auswahl bei einem gleichzeitigen Erfolg Schwedens gegen Tschechien am Dienstag verlieren, wäre der Vorrunden-K.o. besiegelt. Der Traum von Olympia vorbei - eine Horrorvorstellung für den deutschen Handball.