Australian Open

Lisicki will die Nummer eins der Welt werden

Sabine Lisicki spricht im Interview mit Morgenpost Online über private und berufliche Ziele, ihre lange Verletzungspause und die Widerstände in ihrem Leben.

Angeführt wird das deutsche Team bei den Australian Open nach Andrea Petkovics Absage von Sabine Lisicki, Wimbledon-Halbfinalistin und Nummer 15 der Welt. Die 22 Jahre alte Berlinerin war 2010 wegen einer Operation am Sprunggelenk lange ausgefallen und hatte sich 2011 sensationell zurück in die Spitze gekämpft. Nach einer Bauchmuskelzerrung zu Jahresbeginn ist sie wieder fit und trifft Dienstag in ihrem Erstrundenmatch auf Qualifikantin Stefanie Vögele aus der Schweiz.

Morgenpost Online: Frau Lisicki, wofür lohnt es sich zu kämpfen?

Sabine Lisicki: Für meine Träume.

Morgenpost Online: Welche haben Sie?

Lisicki: Ein Grand-Slam-Turnier zu gewinnen und die Nummer eins der Welt zu werden.

Morgenpost Online: Und abseits des Platzes?

Lisicki: Mit der Familie glücklich zu sein und gesund zu bleiben.

Morgenpost Online: Und bezogen auf das deutsche Frauentennis?

Lisicki: Ich hätte gern wieder ein großes Turnier in Berlin. Die German Open hier vermisse ich sehr; ich hoffe, dass sie irgendwann wieder zurückkehren. So lange wir Frauen gut spielen, wird das Interesse der Öffentlichkeit steigen – und dann kommen hoffentlich auch wieder mehr Turniere nach Deutschland. Es bringt so viel Spaß, in Deutschland zu spielen, und ich würde so gern wieder in Berlin aufschlagen.

Morgenpost Online: 2011 stürmten Sie von Platz 218 auf Position 15 der Weltrangliste. Wie haben Sie sich wieder aufgerappelt?

Lisicki: Es war die Leidenschaft zum Sport, der Wunsch und unbedingte Wille, wieder auf dem Platz zu stehen. Es ist einfach einzigartig, die Energie des Publikums zu spüren. Dieses Gefühl kann ich nirgendwo anders erleben. Und natürlich haben mir meine Eltern sehr geholfen, mir immer Rückhalt gegeben. Das gesamte Umfeld ist für mich sehr wichtig – alle müssen zusammenarbeiten, sonst funktioniert so ein Tennisleben nicht.

Morgenpost Online: BBC-Moderatorin Sue Barker sagte bei den Wimbledon-Übertragungen, Sie hätten die Herzen der Menschen im Sturm erobert, mit Ihrem Spiel und Ihrer unglaublichen Willenskraft. Woher nehmen Sie diese Kraft?

Lisicki: Ich bin eine große Kämpferin. Egal, wie viele Steine mir in den Weg gelegt werden, egal, wie oft ich hinfalle: Ich stehe immer wieder auf. Das war von klein auf so. Ich hatte schon immer diesen Siegeswillen, wollte immer die Beste sein – in der Schule, auf dem Platz, bei Spielen. Das bin ich.

Morgenpost Online: Das klingt, als sei Ihnen nichts einfach so zugeflogen.

Lisicki: Ich musste mir alles hart erkämpfen, mir wurde nichts geschenkt. Und genau das hat mich stark gemacht.

Morgenpost Online: Können Sie ein Beispiel geben?

Lisicki: Es gab wirklich sehr viele Sachen, viele Kleinigkeiten. Ich konnte zum Beispiel alles in der Schule, habe die Tests mitgeschrieben – und nur, weil ich wegen meines Sports nicht immer anwesend war, wurde ich in den Noten herabgestuft. Bei solchen Dingen habe ich gedacht: Das kann doch nicht sein! Oder nehmen wir die Sponsorensuche, die nicht immer einfach war. Wir mussten alles selbst machen. Ich bin zu einem großen Teil dank meiner Eltern dahin gekommen, wo ich jetzt bin.

Morgenpost Online: Kann Sie nichts aus der Bahn werfen?

Lisicki: Dadurch, dass ich eine Kämpferin bin und beim Sport mit Leidenschaft dabei bin, kann mich nichts umwerfen. Natürlich dachte ich irgendwann: Warum muss das immer mir passieren? Diese Gedanken kamen vor allem bei der Fußverletzung im Jahr 2010. Aber sie tauchen dann nur ganz kurz in meinem Kopf auf. Ich blende sie sehr schnell wieder aus, weil der Gedanke, wieder auf den Platz zu wollen, viel stärker ist. Aber diese Verletzung war definitiv mein bisher schwerster Kampf.

Morgenpost Online: Warum?

Lisicki: Zurückzukommen war viel härter, als ich es mir vorgestellt hatte. Viel schwieriger. Wenn du auf Platz 24 in der Weltrangliste stehst und auf 218 fällst, ist das für niemanden leicht. Ich war in Grand Slams gesetzt, und auf einmal stand ich nicht mal mehr in der Qualifikation zu Grand Slams – das sind Welten, für einen Tennisspieler unvorstellbar. Es war nicht leicht, aber ich habe mich da durchgekämpft und bin letztlich viel, viel stärker zurückgekehrt.

Morgenpost Online: Sie waren Ende des Jahres wieder eine Zeit lang mit Ihren Eltern in Berlin. Können Sie sich nicht vorstellen, dort zu bleiben?

Lisicki: Was die Trainingsmöglichkeiten angeht, ist Florida einfach besser. Ansonsten aber liebe ich es, in Berlin zu sein. Ich genieße jede Minute, schließlich leben auch meine Freunde hier. Aber ich bin Tennisspielerin, und da muss ich den besten Weg für mich finden, um das Optimum herauszuholen. Und das bedeutet, in Florida zu trainieren – und ab und zu auch hier zu sein, wo ich am Olympiastützpunkt im Fitness- und Physiotherapiebereich bestens betreut werde. Ich könnte nicht nur in Florida wohnen, das würde ich nicht aushalten.

Morgenpost Online: Warum nicht?

Lisicki: Es ist sehr schön dort, unbestritten, aber ich bin nun mal Berlinerin, das ist meine Heimat. Und irgendwann will ich auch nach Hause, zu meinen Freunden und wieder Berlin als Stadt erleben. Das vermisse ich, wenn ich in Florida oder anderswo unterwegs bin. Wir leben aus Koffern, zu Hause sind wir sehr selten – ob nun in Berlin oder Florida. Wir wohnen viel in Hotels, das ist unser Leben.

Morgenpost Online: Mögen Sie es?

Lisicki: Ich habe mich daran gewöhnt, sehr gut sogar.

Morgenpost Online: Ihren Vater, der gleichzeitig Ihr Trainer ist, sehen Sie im Gegensatz zu Ihren Freunden oft. Das Wort „Tennisvater“ ist aber eher negativ besetzt.

Lisicki: Es gab sehr viele Vorurteile. Auch dadurch wurden uns Steine in den Weg gelegt – wieder eine Sache, bei der wir kämpfen mussten. Aber jeder muss seinen Weg finden, der für ihn am besten funktioniert. Und für mich ist es der, dass mein Vater auch mein Trainer ist. Es funktioniert gut, ich habe viel geleistet. Wenn es mit uns beiden nicht funktionieren würde, könnte ich die Dinge anders handhaben, aber dafür gibt es keinen Grund. Es ist wichtig, immer ehrlich zu sein. Wenn das alles klappt, musst du dir nicht so viele Gedanken darüber machen, was andere Menschen sagen.