Tennis

Sabine Lisicki will Nummer eins der Welt werden

Als große deutsche Hoffnung geht die Berlinerin Sabine Lisicki in die Australian Open. Im Interview mit Morgenpost Online spricht die 22-Jährige über Heimweh, ihr Verletzungspech und woher sie ihre Kraft nimmt.

Foto: dpa / dpa/DPA

Die neueste Hiobsbotschaft aus dem Krankenlager der deutschen Tennisspieler kommt von Florian Mayer: Der Weltranglisten-21. muss wegen einer Leistenverletzung auf die diesen Montag in Melbourne beginnenden Australian Open verzichten. Die gute Nachricht: Nach einer Bauchmuskelzerrung ist die Berlinerin Sabine Lisicki pünktlich zu dem ersten Grand-Slam-Turnier des Jahres wieder fit. Nach der Absage von Andrea Petkovic (Ermüdungsbruch im Rücken) ruhen die Hoffnungen jetzt vor allem auf der Wimbledon-Halbfinalistin des Vorjahres und Nummer 15 der Welt. Lisicki war 2010 wegen einer Operation am Sprunggelenk lange Zeit ausgefallen und hatte sich 2011 sensationell zurück in die Spitze gekämpft. Morgenpost Online sprach mit der 22-Jährigen, die am Dienstag in ihrem Erstrundenmatch auf Qualifikantin Stefanie Vögele aus der Schweiz treffen wird.

Morgenpost Online: Frau Lisicki, wofür lohnt es sich zu kämpfen?

Sabine Lisicki: Für meine Träume.

Morgenpost Online: Welche haben Sie?

Lisicki: Einen Grand Slam zu gewinnen und die Nummer eins der Welt zu werden.

Morgenpost Online: Und abseits des Platzes?

Lisicki: Mit der Familie glücklich zu sein und gesund zu bleiben.

Morgenpost Online: Und bezogen auf das deutsche Frauentennis?

Lisicki: Ich hätte gerne wieder ein großes Turnier in Berlin. Die German Open hier vermisse ich sehr; ich hoffe, dass sie irgendwann wieder zurückkehren. So lange wir Frauen gut spielen, wird das Interesse der Öffentlichkeit steigen – und dann kommen hoffentlich auch wieder mehr Turniere nach Deutschland. Es bringt so viel Spaß, in Deutschland zu spielen, und ich würde so gerne wieder in Berlin aufschlagen und die Unterstützung der Berliner genießen.

Morgenpost Online: 2011 war ein unglaubliches Jahr – Sie stürmten von Platz 218 auf Rang 15 der Weltrangliste. Wie haben Sie sich nach Ihrem Verletzungspech wieder aufgerappelt?

Lisicki: Es war die Leidenschaft zum Sport, der Wunsch und unbedingte Wille, wieder auf dem Platz zu stehen. Es ist einfach einzigartig, die Energie des Publikums zu spüren. Dieses Gefühl kann ich nirgendwo anders erleben. Und natürlich haben mir meine Eltern sehr geholfen, mir immer Rückhalt gegeben. Das gesamte Umfeld ist für mich sehr wichtig – alle müssen zusammenarbeiten, sonst funktioniert so ein Tennisleben nicht.

Morgenpost Online: BBC-Moderatorin Sue Barker sagte während der Wimbledon-Übertragungen, Sie hätten die Herzen der Menschen im Sturm erobert. Mit Ihrem Spiel, aber auch mit Ihrer unglaublichen Willenskraft. Woher nehmen Sie diese Kraft?

Lisicki: Ich bin eine große Kämpferin. Egal, wie viele Steine mir in den Weg gelegt werden und egal, wie oft ich hinfalle, ich stehe immer wieder auf. Das war von klein auf so. Ich hatte schon immer diesen Siegeswillen, wollte immer die Beste sein – in der Schule, auf dem Platz, bei Spielen. Das bin ich.

Morgenpost Online: Klingt, als sei Ihnen nichts einfach so zugeflogen.

Lisicki: Ich musste mir alles hart erkämpfen, mir wurde nichts geschenkt. Und genau das hat mich stark gemacht.

Morgenpost Online: Können Sie ein Beispiel nennen?

Lisicki: Es gab wirklich sehr viele Sachen, viele Kleinigkeiten. Ich konnte zum Beispiel alles in der Schule, ich habe die Tests mitgeschrieben und nur, weil ich wegen meines Sports nicht immer anwesend war, wurde ich in den Noten herabgestuft. Bei solchen Dingen habe ich gedacht: Das kann doch nicht sein! Oder nehmen wir die Sponsorensuche, die nicht immer einfach war. Wir mussten alles selbst machen. Ich bin zu einem großen Teil dank meiner Eltern dahin gekommen, wo ich jetzt bin.

Morgenpost Online: Kann Sie nichts aus der Bahn werfen?

Lisicki: Dadurch, dass ich eine Kämpferin bin und beim Sport mit Leidenschaft dabei bin, kann mich eigentlich nichts umwerfen. Natürlich dachte ich irgendwann: Warum muss das immer mir passieren? Diese Gedanken kamen vor allem bei der Fußverletzung im Jahr 2010. Aber sie tauchen dann nur ganz kurz in meinem Kopf auf – ich blende sie sehr schnell wieder aus, weil der Gedanke, wieder auf den Platz zu wollen, viel stärker ist. Aber diese Verletzung war definitiv mein bisher schwerster Kampf.

Morgenpost Online: Warum?

Lisicki: Zurückzukommen war viel härter, als ich es mir vorgestellt hatte. Viel schwieriger. Wenn du auf Rang 24 in der Weltrangliste stehst und auf 218 fällst, ist das für niemanden leicht. Ich war in Grand Slams gesetzt, und auf einmal stand ich nicht mal mehr in der Qualifikation zu Grand Slams – das sind Welten, für einen Tennisspieler eigentlich unvorstellbar. Es war nicht leicht, aber ich habe mich da durchgekämpft und bin letztlich viel, viel stärker zurückgekehrt.

Morgenpost Online: Sie waren Ende des Jahres wieder eine Zeit lang mit Ihren Eltern in Berlin. Können Sie sich nicht vorstellen, dort zu bleiben?

Lisicki: Was die Trainingsmöglichkeiten angeht, ist Florida einfach besser, ansonsten aber liebe ich es, in Berlin zu sein und genieße jede Minute – schließlich leben auch meine Freunde hier. Aber ich bin Tennisspielerin, und da muss ich den besten Weg für mich finden, um das Optimum herauszuholen. Und das bedeutet, in Florida zu trainieren – und ab und zu auch hier zu sein, wo ich am Olympiastützpunkt im Fitness- und Physiotherapiebereich bestens betreut werde. Ich könnte nicht nur in Florida wohnen – das würde ich nicht aushalten.

Morgenpost Online: Für viele wäre das ein Traum. Warum nicht für Sie?

Lisicki: Es ist sehr schön dort – unbestritten, aber ich bin nun mal Berlinerin, das ist meine Heimat. Und irgendwann will ich auch nach Hause, zu meinen Freunden und wieder Berlin als Stadt erleben. Das vermisse ich, wenn ich in Florida oder anderswo unterwegs bin. Wir leben eigentlich aus Koffern, zu Hause sind wir sehr selten – ob nun in Berlin oder Florida. Wir wohnen viel in Hotels, das ist unser Leben.

Morgenpost Online: Mögen Sie es?

Lisicki: Ich habe mich daran gewöhnt – sehr gut sogar.

Morgenpost Online: Ihren Vater, der gleichzeitig Ihr Trainer ist, sehen Sie im Gegensatz zu Ihren Freunden oft. Das Wort „Tennisvater“ ist aber eher negativ besetzt.

Lisicki: Es gab sehr viele Vorurteile. Auch dadurch wurden uns Steine in den Weg gelegt – wieder eine Sache, bei der wir kämpfen mussten. Aber jeder muss seinen Weg finden, der für ihn am besten funktioniert. Und für mich ist es der, dass mein Vater auch mein Trainer ist. Es funktioniert gut, man sieht es, ich habe viel geleistet. Wenn es mit uns beiden nicht funktionieren würde, könnte ich die Dinge anders handhaben – aber dafür gibt es keinen Grund. Es ist wichtig, immer ehrlich zu sein und sich abzusprechen. Wenn das alles klappt, muss man sich nicht so viele Gedanken darüber machen, was andere Menschen sagen.