Handball-EM

Die deutsche Angst vor der totalen Bruchlandung

Bei der Europameisterschaft in Serbien wollen sich die deutschen Handballer die Chance auf die Olympia-Teilnahme in London erhalten. Doch selbst das Minimalziel erscheint schon gefährdet.

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Pascal Hens steht kaum im Verdacht, überbordende Aufmerksamkeit einzufordern. Der Hamburger trägt zwar eine auffallende Frisur, spielt spektakulär und führt die deutschen Handballer bei der heute startenden Europameisterschaft in Serbien als Kapitän aufs Feld. Aber abseits seiner Profession hat der Halblinke am liebsten seine Ruhe.

Weil allerdings die Vorbereitung auf das Turnier ungewohnt hart und ausdauernd mit meist zwei Übungseinheiten pro Tag geriet, freute sich Hens sogar über den Medientermin im deutschen Teamquartier. „Danke, dass ihr da seid, das erspart mir heute eine weitere Trainingseinheit“, sagte er.


Hens vor der schwierigsten Aufgabe seiner Karriere

Hens, Welt- und Europameister und seit 2001 fester Bestandteil der deutschen Nationalmannschaft, weiß Pausen inzwischen zu schätzen. 31 Jahre ist er alt, er hat schon so ziemlich alles mitgemacht, was die Sportart bereithält. Und er weiß, dass er in diesen Tagen die vielleicht schwierigste Aufgabe seiner Karriere zu bewältigen hat.

Er soll eine Mannschaft anführen, von der die Fans die Rückkehr in die Weltspitze erwarten, deren spielerische Fähigkeiten aber begrenzt sind. Fünf Jahre nach dem WM-Titelgewinn im eigenen Land gilt es, sinkenden Imagewerten entgegenzutreten und eines der noch zwei zu vergebenen Tickets für ein Olympia-Qualifikationsturnier im April zu ergattern.

Für eine Handball-Großmacht wie Deutschland, das mit mehr als 800.000 Mitgliedern den größten Verband der Welt stellt, kommt dies einer Zäsur gleich. Erstmals seit Jahren geht die Nationalmannschaft weitgehend befreit von Medaillenträumen in ein Turnier. Die Angst vor einer Bruchlandung ist größer als die Hoffnung auf einen Coup.

Die schwierige Ausgangslage hat auch Hens nachdenklich gestimmt. Verwöhnt sei das Team gewesen, das bis 2009 in schöner Regelmäßigkeit groß aufgespielt hatte, meist dabei war, wenn es um die Vergabe von Medaillen ging, und Handball als Teamsportart Nummer zwei in Deutschland verankert hat.

„Jetzt sind wir wieder auf den Boden zurückgekommen. Es läuft momentan nicht so rund“, sagt der Scharfschütze vom HSV – und warnt: „Sollten wir wieder ein schlechtes Turnier spielen, wäre das für den deutschen Handball eine Katastrophe.“

Leichte Vorrundengruppe

Da scheint es sich gut zu fügen, dass die Nationalmannschaft erstmals seit Jahren wieder eine recht leichte Vorrundengruppe zu bestreiten hat. Dem Auftaktspiel Sonntag gegen Tschechien (17.20 Uhr, ZDF) folgen die Begegnungen gegen Mazedonien (Dienstag, 18.15 Uhr, ARD) und Schweden (Donnerstag, 18.15 Uhr, ARD).

Damit geht das Ensemble des n euen Bundestrainers Martin Heuberger den favorisierten Teams aus Frankreich, Spanien, Dänemark und Kroatien erst mal aus dem Weg.

Gleichwohl kommt der Auftaktpartie gegen Tschechien mit Superstar und Welthandballer Filip Jicha vom THW Kiel schon entscheidende Bedeutung zu. Der Gegner kämpft wie die Deutschen noch um einen Platz für eines der drei Olympia-Ausscheidungsturniere. „Für uns ist das schon ein K.-o.-Spiel“, sagt Torhüter Silvio Heinevetter. Und Kapitän Hens ergänzt: „Die Tschechen haben eine sehr gefährliche Mannschaft. Da wird es ordentlich zur Sache gehen.“

Bundestrainer Heuberger, der Idol Heiner Brand nach dessen Demission im Sommer abgelöst hat und erstmals das Team verantwortlich betreut, möchte hingegen nichts von einer vorentscheidenden Partie gegen die Tschechen wissen. „Es ist ein wichtiges Spiel. Aber zum Schlüsselspiel würde ich es nicht hochstilisieren“, meinte der Coach am Samstag im Teamquartier in Nis.

Dennoch weiß auch der 47-Jährige um den Druck: Noch nie fand ein olympisches Handball-Turnier ohne eine deutsche Männer-Mannschaft statt. „Es hängt viel für den deutschen Handball insgesamt von der EM ab“, so Heuberger. „Nach den beiden enttäuschenden Turnieren in den vorigen Jahren müssen wir ein gutes Ergebnis erreichen.“

Platz zehn bei der EM 2010 in Österreich und der blamable elfte WM-Rang vor Jahresfrist in Schweden hängen immer noch nach. Bereits damals waren die Probleme der Deutschen offen zu Tage getreten: Auf der Spielmacher- und der Kreisläuferposition mangelt es an herausragenden Kräften, auch in kämpferischer Hinsicht überzeugte das Team kaum.


"Wir müssen uns wieder rankämpfen"

„Realistisch betrachtet sind wir nicht unter den besten Mannschaften“, sagt Hens. „Unser Ziel muss es sein, uns da wieder ranzukämpfen. Aber ich will mich nicht hinstellen und große Ziele ausrufen. Sonst denken die Leute doch: ‚Was erzählt der denn für einen Mist?‘“

Welche Platzierung am Ende für das Minimalziel reicht, ist noch unklar. Zwischen Rang drei und zehn ist alles möglich, um den Zungenbrecher – die Qualifikation für ein Olympia-Qualifikationsturnier – zu schaffen. Hens gibt deshalb eine eher banal klingende Marschroute aus: „Wir müssen uns in der Abwehr den Arsch aufreißen, mit Dampf nach vorn spielen und gucken, was rumkommt.“