Australian Open

Naschkatze Kerber auf dem Sprung nach oben

Tennisspielerin Angelique Kerber hatte viel Talent, aber wenig Disziplin. Nun ist sie fitter denn je und vor den Australian Open die größte deutsche Hoffnung.

Als Angelique Kerber in Hobart im Halbfinale gegen Mona Barthel den letzten Ball ins Netz geschlagen und das erste Endspiel in diesem Jahr endgültig verpasst hatte, lächelte sie. „Mich ärgert vor allem der erste Satz“, sagte sie bei der Pressekonferenz nach der 0:6, 6:7-Niederlage: „Da war ich gedanklich woanders.“

Mit dem nächsten Atemzug aber kehrte das Lächeln vom verpatzten Passierball zurück in ihr Gesicht: „Dafür habe ich jetzt einen Tag mehr Pause vor den Australian Open.“ Der Blick, der ihre Worte begleitete, sagte: Und das ist schließlich das Turnier, bei dem ich Großes vorhabe.

Bis vor zwei Wochen war Angelique Kerber aus Bremen die Viertbeste eines verheißungsvollen Frauen-Quartetts. Vom ersten Gewinn des Fed-Cups seit 20 Jahren ist die Rede und von einem goldenen Jahr für das deutsche Frauen-Tennis. Die Australian Open, die am Montag 700 Kilometer von Hobart entfernt in Melbourne beginnen, sollen der perfekte Auftakt dazu werden.


Mona Barthel als neue Hoffnungsträgerin

Vier deutsche Spielerinnen unter den ersten 32 der Welt? Das hatte es vor einem Grand Slam noch nie gegeben. Und die nächste Hoffnung ist in Sicht. Eben j ene Mona Barthel gewann nämlich auch das Finale von Hobart. 6:1, 6:2 siegte die 21-Jährige aus Bad Segeberg gegen die topgesetzte Belgierin Yanina Wickmayer. Dank des ersten WTA-Titels ihrer Karriere wird Barthel am Montag in der Weltrangliste einen großen Sprung von Rang 64 nach vorn machen.

Und dennoch haben die deutschen Tennisspielerinnen vor dem ersten Höhepunkt mit großen Problemen zu kämpfen. Bei Julia Görges kehrte ein überstanden geglaubter Virus zurück und Sabine Lisicki zerrte sich den Bauchmuskel.

Spätestens seitdem Andrea Petkovic, die nominelle Anführerin der Deutschen, wegen eines Ermüdungsbruchs im Becken zurück nach Deutschland fliegen und bis auf Weiteres alle Termine absagen musste , trägt Angelique Kerber die Hauptlast der deutschen Hoffnungen.

Sie sei neben Barthel zurzeit die einzige deutsche Spielerin, um die man sich gesundheitlich keine Sorgen machen müsse, sagt daher Bundestrainerin Barbara Rittner: „Sie will an das starke Ergebnis von den US Open anknüpfen. Und das traue ich ihr durchaus zu.“

Kerber war im September in Flushing Meadows bis ins Halbfinale gestürmt. „Das hat sie mental viel stärker gemacht“, glaubt Rittner. Vor dem Turnier in Hobart war die 23-Jährige schon in Auckland bis ins Halbfinale gekommen und hatte dabei die, wenngleich lädierten, deutschen Kolleginnen Lisicki und Görges bezwungen.

In Melbourne sind die beiden als 14. (Lisicki) und 22. (Görges) noch besser gesetzt als Kerber, die an Position 30 geführt wird. Pünktlich zu den Olympischen Spielen Ende Juli könnte Teamchefin Rittner vor der undankbaren Aufgabe stehen, von fünf erstklassigen Spielerinnen nur drei für London nominieren zu können. Solche Probleme hat es im deutschen Frauen-Tennis lange nicht gegeben.

Kerbers Formkurve und die eigenartige Arithmetik der Weltrangliste, nach der gute Leistungen im Vorjahr nicht immer förderlich für den aktuellen Stand sein müssen, sprechen allerdings für eine baldige Verschiebung in der Hierarchie des deutschen Frauen-Tennis. Im Gegensatz zu ihren Kolleginnen hat Kerber in der ersten Hälfte der vergangenen Saison keine guten Ergebnisse erzielt: Dem Coup bei den US Open gingen zehn Erstrunden-Pleiten voraus.


"Die schlimmste Niederlage des ganzen Jahres"

Nach dem Turnier in Wimbledon, bei dem sie gegen eine Qualifikantin namens Laura Robson ausgeschieden war, habe sie gemeinsam mit Andrea Petkovic zusammengesessen und geheult, gestand Kerber: „Das war die schlimmste Niederlage des ganzen Jahres. Ich war so schlecht, das ging gar nicht.“

Nach einigen Tagen Denkpause entschied sich das einstige Pummelchen mit Vorliebe für Süßigkeiten, härter denn je in der Offenbacher Akademie von Rainer Schüttler zu trainieren. Sie sagte ihren Start bei fast allen Turnieren ab, verzichtete auf Naschereien jedweder Art und baute stattdessen Kraft und Fitness auf. Erstmals in ihrer Karriere konnte sie ihren Körper mehrere Tage hintereinander voll belasten, ohne anschließend in ein Leistungsloch zu fallen.

„Ich merkte, dass ich mich trotz 40 Grad Hitze nach jedem Match total okay gefühlt habe.“ Ein halbes Jahr später steht sie in der Weltrangliste 100 Plätze vor jener Laura Robson, die Kerbers Karriere den Kick nach oben verpasste. Auch Rittner sagt: „Ich habe schon während der US Open bei Angelique die Entwicklung festgestellt, nicht mehr so schnell in Selbstzweifel zu verfallen. Sie will in Melbourne vorangehen.“

Dass sie dazu in der Lage ist, bezweifelt erstens niemand und markiert zweitens einen weiteren Quantensprung in Kerbers Entwicklung. Gemeinsam mit Andrea Petkovic bereitete sich die 23-Jährige auf die Australian Open vor. Extrem belastend sollen diese Einheiten gewesen sein.

Während Petkovic jedoch schon beim ersten Turnier über Probleme im Rückenbereich klagte und das Kreuz-Darmbein-Gelenk beim zweiten Turnier vor der Belastung kapitulierte und brach, wirkt Kerber fitter denn je. Bei Petkovic war schnell von übersteigertem Ehrgeiz die Rede und davon, dass ihr Körper womöglich nicht gemacht sei für die hohen Anforderungen an eine Spielerin in der Weltspitze.


Wozniacki noch ohne Grand-Slam-Sieg

Die wird seit mehr als einem Jahr angeführt von Caroline Wozniacki. Die Dänin konnte zwar noch keine Grand-Slam-Veranstaltung gewinnen, bestreitet aber während einer Saison viele Turniere, ist quasi nie verletzt und hamstert dadurch mehr Punkte als Konkurrentinnen, die womöglich über mehr spielerisches Potenzial verfügen.

Diese Qualität, dem Körper dauerhaft alles abzuverlangen ohne ihn dabei zu beschädigen, erkennt Rittner auch bei Kerber: „Sie ist eine sehr robuste Spielerin, der der enge Terminkalender nicht viel auszumachen scheint. Mit der harten Vorbereitung auf 2012 hat sie noch einmal einen Schritt voran geschafft.“

Kerber selbst sagt: „Ich weiß jetzt, dass ich mit allen mithalten kann. Ich gehe mit einer Menge Selbstvertrauen in die Australian Open.“ Die Metamorphose des Pummelchens zur Überfliegerin ist noch nicht abgeschlossen.