Viele Absagen

Den Australian Open gehen die Stars aus

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Simon Pausch

Die verletzungsbedingten Absagen von Stars wie Venus Williams und Andrea Petkovic befeuern die Diskussion über eine Reduzierung des Terminkalenders.

Craig Tiley ist der Organisator der Australian Open und hat derzeit den wohl unangenehmsten Job in ganz Melbourne. Erst kündigten Demonstranten an, das Turnier zu Protesten für die Legalisierung gleichgeschlechtlicher Ehen in Australien instrumentalisieren zu wollen, Störungen des Ablaufs inklusive.

Und dann sagte ein internationaler Top-Star nach dem anderen verletzt ab: Venus Williams, James Blake, Marin Cilic, Robin Söderling – geschlechter- wie kontinentübergreifend fallen Spieler aus. Am Mittwoch twitterte Tiley fast schon entschuldigend: „Ich bin ungern der Überbringer schlechter Nachrichten. Aber soeben hat Andrea Petkovic mir gesagt, dass sie wegen eines Ermüdungsbruchs nicht kommen wird.“

Weil die Liste der angeschlagenen Profis mindestens dreimal so lang ist wie die der Verletzten, droht in Melbourne ein trauriger Rekord: Den bisherigen Spitzenwert halten die US Open 2011, bei denen im Herbst 16 Spieler verletzungsbedingt aussteigen mussten.

Auch jetzt klagen schon vor dem ersten Aufschlag prominente Profis wie Kim Clijsters, Caroline Wozniacki, Serena Williams, Sabine Lisicki, Julia Görges, Rafael Nadal, Roger Federer und Novak Djokovic über Probleme mit ihren geschundenen Körpern.


"Freie Zeit ist eigentlich keine freie Zeit"

Während die US Open ins letzte Jahresdrittel fallen und Verschleißerscheinungen bei den Profis mit 70 Matches in den Knochen durchaus nachvollziehbar erscheinen, markieren die Australian Open die erste große Veranstaltung nach der Weihnachtspause. Da sollten die Akteure doch eigentlich gut erholt und fit auf den Platz kommen. „Die freie Zeit ist für Tennisprofis eigentlich keine freie Zeit“, sagt jedoch Nicolas Kiefer „Morgenpost Online“.

Der frühere Weltranglisten-Vierte musste seine Karriere vor einem Jahr auch wegen großer körperlicher Probleme beenden. „Die Saison beginnt am 1. Januar und endet irgendwann im November. Und da beginnt auch schon wieder die Vorbereitung auf Melbourne“, weiß der 34-Jährige aus eigener Erfahrung. „Da bleibt de facto keine Zeit zur Regeneration.“

Schon in den vergangenen Jahren forderten Profis mit Federer und Nadal an der Spitze wiederholt eine Reduzierung des Terminkalenders. Die Spiele seien zu zahlreich und die Reisen zu strapaziös, außerdem kollidierten wichtige Turniere häufig mit Partien im Daviscup.

In diesem Jahr wurde die Saison daraufhin um zwei Wochen verkürzt – für die wenigsten Spieler wird das jedoch eine tatsächliche Entlastung bedeuten, denn für Tennisprofis gilt noch mehr als für die meisten anderen Sportler: Wer nicht spielt, verdient auch kein Geld und rutscht im ungünstigsten Fall auch noch in der Weltrangliste ab.


Petkovic wird doppelt bestraft

Andrea Petkovic etwa hatte bei den Australian Open im vergangenen Jahr das Viertelfinale erreicht und dafür 250 Ranglisten-Punkte erhalten. Da sie nun ihre Teilnahme absagen musste, wird sie quasi doppelt bestraft: Sie kann erstens keine Punkte und kein Preisgeld sammeln. Und zweitens werden ihr die 250 Punkte aus dem Vorjahr wieder abgezogen, weil sie die Leistung aus 2011 nicht bestätigt hat.

So sehen es die gleichermaßen komplizierten wie erbarmungslosen Regularien der Dachorganisation WTA vor. Andererseits können sich Profis nach einem schwachen Jahr mit einigen guten Resultaten rasch wieder nach oben katapultieren.

Ex-Profi Kiefer fordert daher nun eine Umstrukturierung des Turnierkalenders: „Es wäre sicher hilfreich, wenn die vier Grand-Slam-Turniere terminlich enger zusammengezogen würden.“ So praktiziert es etwa die PGA im Golf, dem zweiten Sport, in dem eine Weltrangliste eine elementare Bedeutung hat. Hier finden die lukrativen vier Major-Turniere allesamt im Zeitraum zwischen Anfang April und Mitte August statt.

Eine derartige Aufteilung favorisiert Kiefer auch für das Profitennis. „Diese Events sind die Höhepunkte aller Spieler, und jeder Turnierdirektor will doch das komplette Starterfeld beisammen haben“, sagt der Deutsche: „Das wird aber schwierig, wenn dazwischen immer mehrere Monate mit einer Vielzahl an Turnieren auf den verschiedensten Erdteilen liegen.“

Organisator Craig Tiley kann da nur zustimmen.