Vor Rückrundenstart

Die gefährliche Besessenheit des FC Bayern München

Die Sehnsucht nach dem Champions-League-Finale im eigenen Stadion wird die Rückrunde der Münchner überstrahlen. Eine Obsession, die gefährlich sein kann.

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„Vergesst nicht: Im Jahre 2012 findet das Champions-League-Finale in München statt, in der Allianz Arena. Da müssen wir dabei sein.“

Uli Hoeneß hat seine Worte von der vorletzten Mitgliederversammlung immer mal wieder zu relativieren versucht. Sie sind ja längst geflügelt – der Fernsehsender Sat.1 etwa moderiert damit seine Europapokal-Übertragungen an. Sie geben ein wundervolles dramaturgisches Motto für die kommenden Monate ab. Aber Präsident Hoeneß weiß: Sie sind natürlich auch gefährlich. Sie sorgen für Erwartungen, sie sorgen für Druck.


Rückrundenstart in Mönchengladbach

Der FC Bayern startet am Freitag bei Borussia Mönchengladbach nach seinem allseits gelobten Wintercamp in Katar in eine selten aufregende Rückrunde. Mit einer Mannschaft, der man gerne beim Fußballspielen zuschaut, und mit großen Herausforderungen.

In der Bundesliga ist mit Borussia Dortmund ein veritabler Rivale erwachsen; für die Bayern geht es darum zu verhindern, dass sie zum ersten Mal seit 1996 – auch damals war es der BVB – zwei Jahre in Serie den Titel verpassen. Kurz: Es geht um ihre nationale Hegemonie und damit um den Kern ihres Selbstverständnisses.

Auf der anderen Seite geht es in den nächsten Monaten um einen großen Traum; einen, der nur alle Jubeljahre träumbar ist und für die Bayern zum ersten Mal überhaupt. Dreimal fand das Finale von Europas wichtigstem Klubwettbewerb an der alten Spielstätte Olympiastadion statt, dreimal war der FCB von vornherein nicht qualifiziert.

Stattdessen sah man Nottingham Forest (1979), Olympique Marseille (1993) und, na klar, Borussia Dortmund (1997) den silbernen Henkeltopf in Münchens Nachthimmel recken. Uli Hoeneß saß damals auf der Ehrentribüne.

Immerhin, der Triumph eines nationalen Rivalen dürfte ihm dieses Jahr erspart bleiben. Der BVB ist in der Champions League furios gescheitert und Bayer Leverkusen kann beim besten Willen nicht als finalfähig eingestuft werden. Schon deshalb, weil die Werkself im Achtelfinale auf den schier übermächtigen FC Barcelona trifft.


Historische Konstellation

Es sieht also schon sehr viel besser aus für den FC Bayern, zumal auch die Spieler die historische Konstellation inzwischen begriffen haben. Denn dazu dienten Hoeneß’ Worte im Dezember 2010 ja – eine Mannschaft zu sensibilisieren, die als Liga-Fünfte mit der Champions-League-Teilnahme zündelte.

Wer es damals nicht begriffen hatte, bekam im Sommer noch mal eine kleine Erinnerung. Da polterte Hoeneß nach einer pomadigen Darbietung in der ersten Halbzeit des Qualifikationsspiels gegen Zürich durch den Kabinenvorraum. Seitdem marschieren die Bayern souverän durch das Turnier. „Wir haben in der Vorrunde ein Ausrufezeichen gesetzt, das hat Eindruck hinterlassen“, weiß Trainer Jupp Heynckes.

Der erfahrene Coach hat natürlich darauf hingewiesen, dass unter dem europäischen Traum nicht die Konzentration im Alltaggeschäft leiden darf.

Andererseits spricht zumindest Bastian Schweinsteiger offen aus, wie es um die Hierarchie der Bayern-Wünsche bestellt ist. „In einem Jahr, wo man das Champions-League-Finale in München hat, sollte man auch das Ziel haben, dahin zu kommen. Von daher hat die Champions League ein bisschen mehr Priorität als die Meisterschaft.“


"Stärker als im Finaljahr 2010"

Das gilt umso mehr, als die Mannschaft schon 2010 am Triumph schnupperte, im Endspiel aber Inter Mailand 0:2 unterlag. Seitdem wurde insbesondere defensiv weiter aufgebessert. „Wir sind stärker als in dem Finaljahr“, findet Schweinsteiger.

Betrachtet man den Werdegang der Bayern über eine längere Zeitspanne, wird deutlich, welchen Kraftakt der Verein vollbracht hat. Mit hochpreisigen Transfers (Ribery, Robben, Gomez, Neuer) wurde der nach dem Champions-League-Sieg 2001 abgerissene Kontakt zur internationalen Spitze wieder hergestellt.

Mit langfristigen, hochdotierten Verträgen für die Teamstützen (Lahm, Schweinsteiger, Ribery) wurde er auf Jahre abgesichert. Parallel bezahlen die Münchner immer noch ihre Arena ab.


Eine neue, visionäre Epoche

Das alles kostet – nicht umsonst wurden in den vergangenen Jahren je knapp zehn Prozent der Aktienanteile an die externen Partner Adidas und Audi veräußert. Aber das alles steht auch für eine neue, visionäre Epoche in der Geschichte des FC Bayern. Am 19. Mai könnte sie auf geradezu magische Weise kulminieren – mit dem Champions-League-Sieg im rot erleuchteten Raumschiff von München-Fröttmaning.

Bloß, wie oft läuft es im Fußball schon nach Plan? Würde Florentino Perez Deutsch sprechen, er hätte im Sommer 2009 wohl gesagt: „Nächstes Jahr findet das Champions-League-Finale in Madrid statt…“, und so weiter. Über 250 Millionen Euro investierte der Real-Präsident in jenem Sommer für neue Spieler (unter anderem Ronaldo und Kaka) und erklärte die Finalteilnahme zu einer Frage der Ehre des erfolgreichsten Vereins der Europacup-Geschichte.

Doch im Achtelfinale scheiterte seine psychisch überforderte Equipe am Außenseiter Lyon. Olympique-Trainer Claude Puel analysierte hernach, Madrid sei dem „zusätzlichen Druck“ nicht gewachsen gewesen, das Finale im Bernabeu zu haben.

Es kann am Stress liegen, es kann ein Fluch sein oder auch nur Zufall: Seit 1965 (Inter Mailand) hat kein Klub mehr zu Hause den wichtigsten Europapokal gewonnen. Und seit 1984 (AS Rom) hat keiner mehr zu Hause ein Finale gespielt.

Bierhoff erinnert sich

Oliver Bierhoff erlebte einmal eine ähnliche Situation wie nun die Bayern-Spieler. In der Saison 2000/2001 stürmte der heutige Nationalmannschafts-Manager für den AC Mailand, in dessen San Siro das Champions-League-Finale stattfand. Er erinnert sich, wie Milan-Boss Adriano Galliani vor der Saison mit dem Europapokal in die Kabine gestapft kam und sagte: „Ich stell’ den jetzt da hin. Das ist unser Ziel.“

In der Zwischenrunde schieden die Italiener aus. Während Klubpatron Silvio Berlusconi noch in derselben Nacht den Trainer feuerte, verschwand der Pokal still und leise aus der Kabine. In den Mailänder Nachthimmel hoben ihn ein paar Monate später dann die Münchner Bayern.

Bierhoff sagt, „Druck und Anspannung“ wegen des Finalorts seien vor allem bei der Vereinsführung zu spüren gewesen. „Für die Verantwortlichen ist das viel bedeutender, sie haben lange auf den Zuschlag für die Austragung hingearbeitet und viel in die Organisation gesteckt.“

Größere Siegchancen vor heimischer Kulisse

An die Spieler sei das Thema natürlich von Presse und Umfeld permanent herangetragen worden, sie hätten es aber eher „so im Hinterkopf“ gehabt; mehr als das Prestige verführte sie der pragmatische Gedanke, vor heimischer Kulisse größere Siegchancen zu haben.

Bei den Bayern-Spielern, vermutet Bierhoff, werden Hype und Druck so richtig ankommen, wenn sie im Achtelfinale den FC Basel eliminiert haben und nur noch zwei Runden zum Endspiel fehlen: „Je näher es rückt, desto mehr spürt man das als Spieler. Dann wird das Erreichen des Finales zu einer Art Verpflichtung.“

Wer beim FC Bayern spielt, muss mit Druck umgehen können, lautet ein altes Bundesliga-Mantra. „Mia san mia“, die folkloristische Sprachvariante des viel beschworenen „Sieger-Gen“, steht seit dieser Saison auf den Kragen der Spielertrikots. Weil das Selbstverständnis wieder stimmt, sagen die einen. Weil es so verschütt ist, dass man extra daran erinnern muss, sagen die anderen.

Wie die Bayern mit dieser besonderen Rückrunde umgehen, wird daher auch vor dem Hintergrund der sogenannten „Cheffchen-Debatte“ wahrgenommen werden. Der Geist der Triumphatoren von 2001, von Oliver Kahn und Stefan Effenberg, weht immer noch über dem Verein, erst ein Champions-League-Sieg wird die Generation Lahm und Schweinsteiger auf dasselbe Podest heben können.

„Wir haben Charaktere, die den FC Bayern verinnerlicht haben“, findet zwar Kapitän Lahm. Doch just Kahn sprach ihm und Schweinsteiger im Sommer die Leader-Qualitäten ab. Er kann sich darauf berufen, dass sich die Münchner etwa bei der jüngsten Heimniederlage gegen Dortmund tatsächlich etwas blutleer präsentierten. Dreimal in Folge haben sie nun gegen den BVB verloren – nicht gerade FC-Bayern-like.

Epochales Talent, leichte Zweifel an der Wettkampfhärte – und drei Fronten. „Wir wollen den Traum vom Tripel verwirklichen“, sagt Lahm. In der Bundesliga wird der neue Angstgegner BVB „alles rauspressen“, wie Trainer Jürgen Klopp ankündigte. Im Pokal geht es im Viertelfinale nach Stuttgart. Und über allem schwebt die Champions League.

Wenn Träume zur Obsession werden

Jose Mourinho, ein Mann, der sich mit solchen Dingen gut auskennt, hat einmal darauf hingewiesen, dass Träume gern in dem Moment zerplatzen, in dem sie zur Obsession werden. „Wir müssen aufpassen, dass der Traum nicht zum Albtraum wird“, warnte derweil FCB-Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge schon vor dem ersten Gruppenspiel.

Und Uli Hoeneß appellierte jüngst geradezu rührend, „dieses Finale nicht zu überhöhen“. Er wolle das Thema nicht noch weiter pushen, „das hält doch keine Mannschaft aus“.

Die Mannschaft, immerhin, gibt sich noch ganz entspannt. Von „angenehmem Druck“, spricht Lahm. Dass er das bleibt, ist die große Herausforderung, und notfalls hilft vielleicht ein altes Bonmot von Oliver Kahn. „Der Druck ist so groß“, sagte der einmal, „dass ich den Druck gar nicht mehr spüre.“