Vor dem EM-Start

Die Handballer sollten von Löws Fußballern lernen

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Peter Stützer

Foto: dpa / dpa/DPA

Am Sonntag beginnt die Europameisterschaft in Serbien. Weltmeister Markus Baur rät dem deutschen Handball, Anleihen bei der erfolgreichen Arbeit des Fußball-Bundestrainers Joachim Löw zu nehmen.

Ach, noch ist doch gar nichts passiert. Ist noch kein Spiel verloren und erst recht nicht das Turnier. Doch überall im Land rufen die Unken.

Desaster. Absturz. Krise. Sturm. Klingt alles wie eine schlechte Wettervorhersage, also gar nicht gut, denn im deutschen Handball hat solch ein Vokabular nichts, aber auch gar nichts zu suchen. Dass es sich jetzt trotzdem Zutritt verschafft hat, quasi ungehindert, kommt nicht von ungefähr.

Optimisten haben in diesen Tagen einen schweren Stand, denn wenn am Sonntagabend die Handball-Europameisterschaft für die eher erfolgsverwöhnten Deutschen mit dem Spiel gegen Tschechien beginnt (17.20 Uhr, ZDF), schlottern so manch einem schon die Knie.

Berechtigt oder nicht, das ist letztlich eine Frage der Blickrichtung. Alles ist schlimm, könnte aber durchaus auch schlimmer sein.

Möglicherweise hat der Kachelmann das Wetter ja noch in der Justizvollzugsanstalt zusammen gewürfelt, da steht nämlich alles und zugleich nichts, Hochs und Tiefs, Regen und Sonnenschein.

Stefan Kretschmar fasst das mal eben zusammen: „Im Idealfall können wir ins Halbfinale kommen. Es ist aber genauso möglich, dass wir schon in der Vorrunde scheitern.“ In dieser Gruppe stehen außer den Tschechen auch noch Schweden und Mazedonier im Weg.

Das ist zwar – von den Schweden mal abgesehen – Handball-Proletariat, nicht so furchtbar ernst zu nehmen, doch das galt nur bis neulich, die Verhältnisse haben sich binnen kürzester Zeit total verschoben. Plötzlich sind auch die auf Augenhöhe, die sie früher kaltlächelnd und mit links erledigt hätten, doch die Zeiten sind nicht mehr so. Kalt ja, lächelnd nein.


Der WM-Sieg setzte Gefühle in Wallung

Der WM-Finalsieg über Polen in Köln, gerade mal fünf Jahre her, setzte Gefühle in Wallung, Hoffnungen und letztlich doch Fehleinschätzungen dieser Art: Jetzt würde wohl dem einen oder anderen im Stammgeschäft Fußball wohl doch die Muffe gehen, den Mutigen und den Übermütigen liefen darob die Tränen in die Augen.

Der Handball, diese sehr deutsche Sportart, bekomme endlich, was ihm zustehe. Wohl wahr: Jürgen Klinsmanns Burschen lagen sich nach Bronze mit der Nation in den Armen, Heiner Brands Männer wurden sogar Weltmeister im eigenen Land, dem „Sommermärchen“ der einen folgte mithin das „Wintermärchen“ der anderen.

Der Handball, dieses viel deutschere Spiel, sah sich endlich auf Augenhöhe mit dem Fußball und machte fortan alles verkehrt. Dachte, das ginge jetzt munter so weiter. Ging es ja auch, die anderen machten Fortschritte, die Deutschen blieben stehen. Sie setzten sich goldene Papierkronen aufs Haupt, klebten sich schwarze Schnauzbärte an, feierten ihre Helden, doch die Helden hatten ab sofort keine Lust mehr.


Brand macht auf Verbandsmanager

Bundestrainer Heiner Brand, der Schnörres ist längst ergraut, macht auf Verbandsmanager, Christian Schwarzer, der Kracher am Kreis, will sich lieber um den Nachwuchs kümmern, Markus Baur, der Spielgestalter, nun doch ebenso. Im Verband der eine, zu Hause der andere.

Baur gab pünktlich zum Jahresende seine baldige Demission als Trainer des TuS Nettelstedt-Lübbecke bekannt. „Aus privaten Gründen“, sagte er später, weiter erläutern mochte er die nicht.

Salem, Ortsteil Mimmenhausen, das ist sein Nest: Haus gebaut, Familie gegründet, drei liebreizende Kinder, zwölf, sieben und vier Jahre alt, aber der Arbeitsplatz 700 Kilometer weit weg. „Klar oder?“ Ganz klar. Nicht klar bleibt bis auf weiteres, wie sein neuer Job aussehen soll. Klar: Aus dem Tagesgeschäft will sich Baur verabschieden, und im Verband sei alles möglich, möglich und auch nötig.

Der Nachwuchs, der sportliche, macht ihm Sorgen, gewinnt so ziemlich alles, was es zu gewinnen gibt, doch dann kommt meist der Knick. Mit 17, 18 verlagert sich häufig die Lust, verschieben sich die Interessen, und wenn dann die Erfolgserlebnisse ausbleiben, weil in der Bundesliga die Arbeits- und Ausbildungsplätze vornehmlich von ausländischen Spieler besetzt sind, dann ist für einige schon mal Schluss mit lustig. BWL oder Jura studieren ist weniger anstrengend.

So schnitt der Weltmeister von 2007 in den Folgejahren immer schlechter ab, bei der WM im vorigen Jahr war der vorläufige Tiefpunkt erreicht: Platz elf, was für eine Blamage. Sollen die Verantwortlichen Stellung beziehen, so klingt das eher nach Pfeifen im Walde. „An einem guten Tag können wir bis auf die Franzosen doch jeden schlagen“, sagt Markus Baur. Aber an einem schlechten Tag auch gegen jeden verlieren, das sagt er lieber nicht.


Heubergers schwere Aufgabe

Martin Heuberger, der neue Bundestrainer , hat es auch so schon schwer genug. Weder kann er sich jetzt einen Schnurrbart ankleben und verkünden: Ich bin der neue Heiner Brand. Noch kann er so tun, als hätte es den Vorgänger nie gegeben.

„Er kann auch nicht einfach mit den Fingern schnipsen, und alles wird gut“, sagt Baur. „Und genauso wenig kann er jetzt draufhauen, wenn die Spiele schlecht sind.“ Er käme aus dem Hauen ja gar nicht mehr heraus. Heuberger trägt schwer am Erbe Brands.

Was bleibt: Ratlosigkeit, Hoffen, Wachsein. „Es wird in Serbien für sie nur wenig echte Chancen geben, aber die müssen sie nutzen, sonst ist es vorbei“. Die EM ist für die meisten Teilnehmer vor allem als Qualifikation für die Olympischen Spiele 2012 in London von Bedeutung.

Absturz geht schneller als Aufbau

Das Verfahren ist denkbar kompliziert, aber auch wieder ganz einfach, sagt Baur. „Am Besten, wir werden Europameister, dann sind wir schon durch.“ So träumen die einen mit offenen Augen, die anderen nörgeln nur noch vor sich hin. So ein Absturz geht halt schneller als ein Aufbau. „Es ist schon absurd“, sagt Markus Baur. "Wir haben die stärkste Liga der Welt. Aber für die Europameisterschaft sind wir möglicherweise nicht gut genug.“

Die deutschen Frauen haben das schon vorgemacht, Olympia läuft ohne sie. Passiert den Männern das gleiche, wird der deutsche Handball Jahre an den Folgen zu leiden haben.

Es fällt Markus Baur nicht eben leicht, Anleihen bei Klinsmann, Löw und Co. zu nehmen, aber es ist schon wahr: „Vielleicht sollten wir mal hingucken, wie die Fußballspieler aus ihren Krisen herausgekommen sind.“

Von ganz unten nach ganz oben. In Windeseile. Kein Handball-Spieler sagt das gern. „Der Fußball muss unser Vorbild sein."