Comeback

Arthur Abraham will sich zurück ins Geschäft boxen

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Matthias Brzezinski

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Der Berliner Boxprofi Arthur Abraham trifft in Offenburg auf den Argentinier Pablo Farias. Nach drei Niederlagen muss ein überzeugender Sieg her - sonst droht das Karriere-Aus.

Arthur Abraham ist Millionär, hat einen Ferrari, ein hübsches Heim, eine intakte Familie, Freunde, und – nach eigenem Bekunden – „immer noch das Gefühl, dass ich im Boxen etwas bewegen kann.“ Der 31-Jährige ist ein Alpha-Tier. Einer, der mit seiner Präsenz überzeugt. Einer, der mit Worten und Fäusten schlagfertig ist. Einer, dessen Wort im Profiboxteam Sauerland etwas gilt. Noch. Denn Abraham steht am Abgrund. Bei einer sportlichen Niederlage am Sonnabend in Offenburg gegen den Argentinier Pablo Farias (22.45 Uhr live in der ARD) ist seine Karriere beendet.

Dann ist der Traum vorbei, der mit einigen Sparringsrunden gegen den damaligen Weltmeister Sven Ottke 2003 begonnen hatte, in 30 siegreichen Mittelgewichts-Duellen zum WM-Titel nach Version der International Boxing Federation (IBF) geführt hatte und dann im jähen Absturz nach dem Wechsel ins Supermittelgewicht in insgesamt drei ziemlich desaströsen Niederlagen mündete. Kritiker warfen ihm und seinem Management Selbstüberschätzung vor.

Trainer Ulli Wegner bemängelte eher eine Vielzahl von Beschäftigungen. „Arthur hat 21 Jobs, einer davon ist Boxer“, lautet seit geraumer Zeit ein Bonmot des 69 Jahre alten Coaches. Abraham war und ist auf jeden Fall auch Geschäftsmann. Ein bisschen Immobilien, ein bisschen Möbel, ein wenig Konfektion, eine Beteiligung an einer Likörfabrik, Kontakte zu einer kleinen Fluglinie. Und ab und zu ein paar Schlagzeilen, wenn er unter Termindruck den Ferrari zu übermäßig hurtiger Gangart benutzt hatte.

Wertloser Vertrag

Wie ernst die Lage ist, fasste Kalle Sauerland, Sohn des Teamgründers Wilfried Sauerland, kürzlich in drei dürren Sätzen zusammen. Auf die Frage was passieren würde, wenn Abraham gegen den Argentinier Farias verliert, sagte der 34-Jährige: „Dann ist es vorbei. Wenn er am Samstag nicht da ist, ist es vorbei. Es ist Alles oder Nichts.“ Bei „Nichts“ würde dem Wahl-Berliner Abraham nicht einmal der frisch unterschriebene Vertrag bis 2015 helfen.

Arthur Abraham ist ein Boxer der Extreme. Am 23. September 2006 gewann er in Wetzlar gegen den Kolumbianer Edison Miranda und boxte dabei acht Runden lang mit doppelt gebrochenem Unterkiefer. Spätestens zu diesem Zeitpunkt war er ein Star. Nach seiner Disqualifikations-Niederlage im Super-Six-Turnier der weltbesten Super-Mittelgewichtler gegen den Amerikaner Andre Dirrell (27. März 2010 in Detroit) konnte er keine seiner Prognosen („Ich habe aus meinen Fehlern gelernt“ „Ich bin besser vorbereitet als zuvor“ oder „Ich hole mir noch einmal einen WM-Titel“) in die Tat umsetzen. Abraham verlor im Turnierverlauf sang- und klanglos gegen den Briten Carl Froch (27. November 2010 in Helsinki) und Andre Ward (14. Mai 2011 in Los Angeles). Die Entwicklung hat Spuren hinterlassen beim hierzulande lange populärsten Faustkämpfer neben den Klitschko-Brüdern Vitali und Wladimir. Abraham geht es, momentan, nicht ums Geld.

„Keiner spricht gern über Niederlagen. Ich weiß, was gegen Farias auf dem Spiel steht und habe mich gequält. Ich habe alles gemacht, was mein Trainer Ulli Wegner gefordert hat. Ich will mich nicht mehr rechtfertigen müssen, deshalb werde ich auch gewinnen. Ich werde beweisen, dass ich wieder in die Weltspitze komme“, fasst er seinen Trotz in Worte. Worte allerdings, die er bereits öfter strapaziert hat. Doch noch hat er Kredit, die Fans glauben an ihn. Er hat sie begeistert, seine großen Kämpfe sind zu Recht nicht vergessen.

Eine Frage der Ehre

„Einer wie Arthur ist schon wegen seiner Wurzeln ein Mensch, der nur bedingt mit einem Gefühl leben mag, dass einen Mangel an Ehre beinhaltet“, beschreibt Kalle Sauerland die derzeit wohl wichtigste Antriebsquelle Abrahams, seine Karriere wieder in ruhige, erfolgreichere Fahrwasser zurückzubringen. „Es geht um seinen Stolz und seine Ehre. Er fühlt sich nicht wohl, weil er unten steht und schnell wieder nach oben will. Das macht ihn hoffentlich stark“, charakterisiert Sauerland den gebürtigen Armenier. Nicht ohne Hintergedanken. Denn das Publikum will Helden sehen. Helden wie „König Arthur“. Das Team Sauerland muss dem TV-Partner ARD bis 2014 jährlich zehn bis zwölf Kampfabende präsentieren und erhält dafür jährlich rund 12 Millionen Euro „Börse“. Ein Kontrakt, der nicht überall beim öffentlich-rechtlichen Sender auf Wohlgefallen gestoßen war. Und so bleibt es nicht aus, dass die Dinge gemanagt werden. Neben dem Abraham-Kampf wird in Offenburg noch eine veritable Weltmeisterschaft im Supermittelgewicht ausgetragen: Robert Stieglitz (30, Magdeburg), Champion nach Version der World Boxing Organization (WBO), boxt gegen den Sauerland-Nachwuchsmann Henry Weber (23, Berlin).

Interessant: In der ARD läuft Abraham–Farias live, die WM als Aufzeichnung hinterher. Gewinnt Stieglitz, heißt sein nächster Herausforderer Mikkel Kessler. Der 32 Jahre alte Däne ist bei Sauerland unter Vertrag. Gibt es eine Sensation und Weber holt den Titel, ist die Ausgangslage vergleichbar. In jedem Fall stünde Arthur Abraham bereit. Das Team braucht ihn, so wie er das Team braucht.

Für Trainer Wegner, so dicht dran am alten (und neuen?) Vorzeigeboxer wie sonst allenfalls die Familie, steht fest: „Arthur hat ein Potenzial, von dem viele andere nur träumen können. Er hat gelernt, dass konstruktive Kritik ihn nicht beleidigt, sondern fördert. Wenn er aufhört, schöne Reden zu schwingen, sich stattdessen im Ring opfert, den Schmerz nicht scheut, dann ist er immer noch absolute Weltklasse!“

Rund zwölf Wochen hat der Trainerroutinier seinen „Jungen“ physisch gefordert und psychisch gefördert. Am Sonnabend schlägt die Stunde der Wahrheit. „Ich glaube, er hat begriffen, was auf dem Spiel steht. Boxerisch ist er jedenfalls in guter Form“, lautet sein Fazit.

Und was sagt Arthur Abraham vor dem großen Comeback-Kampf? „Das Gefühl, gesiegt zu haben, kann man für kein Geld der Welt kaufen. Also hole ich es mir mit meinen Fäusten.“

Huck sehnt WM herbei

Vorfreude: Marco Huck sehnt nach seinem Aufstieg ins Schwergewicht die Kämpfe mit den Champion Wladimir und Vitali Klitschko herbei. Der bisherige Cruisergewichtler aus Berlin, in seinem Limit ebenfalls Champion, kann nicht verstehen, warum sein kommender Gegner Alexander Powetkin aus Russland diese Chance mehrmals verstreichen ließ. „Ich glaube, er hat Angst vor den Klitschkos. Die habe ich nicht“, sagte Huck, der am 25. Februar in Stuttgart zum ersten Mal im Schwergewicht antritt.

Gewinn: „Ich will Powetkin schlagen, um dann gegen die beiden Brüder anzutreten. Ich weiß, dass Vitali und Wladimir stark sind, und ich respektiere ihre Leistungen. Ich bin sehr froh über die Chance, um die Schwergewichts-Weltmeisterschaft boxen zu können“, sagte er und fügte an: „Das ist für mich wie ein Sechser im Lotto.“