Ski-Freestyle

Sarah Burke wird ein Opfer der Rekordsucht

Die Sicherheit der jungen Spektakeldisziplinen im Skifahren leidet unter dem ständigen Kampf um Bestleistungen. Nun erwischte es Superstar Sarah Burke.

Foto: getty images

Tausende Male hatte Sarah Burke die Superpipe im Park City Mountain Resort schon bezwungen. War auf ihren Skiern die eisigen Steilwände hinuntergerast, hatte sich mit dem Schwung bis zu 13 Meter in die Höhe katapultiert, war sicher gelandet und hatte das Gelände am Ende mit geschulterten Brettern und durchgeschwitztem Overall verlassen.

Einer dieser Sprünge ist ihr am Mittwoch (Ortszeit) zum Verhängnis geworden: Während eines Trainingssprungs verlor die Kanadierin bei der Landung die Balance und prallte mit dem Kopf auf den eisigen Boden der Superpipe, die so heißt, weil sie steiler, höher, erbarmungsloser ist als eine herkömmliche Halfpipe.

Seither liegt Sarah Burke im Koma, die Ärzte in Salt Lake City im US-Bundesstaat Utah benutzen Wörter wie „dramatisch“ und „katastrophal“, um ihren Zustand zu beschreiben. Niemand weiß, wann die 28-Jährige wieder aufwacht. Ob sie überhaupt wieder aufwacht.

Immer mehr Drehungen

Wenn Sarah Burke durch die Luft wirbelte, sah sie eleganter aus als die meisten ihrer Konkurrentinnen, obwohl sie zu den Pionieren ihrer Sportart gehört und die Gegnerinnen immer jünger wurden. 2001 hatte sie den ersten Halfpipe-Wettbewerb für Skifahrer überhaupt gewonnen, bei zwölf von 16 Auflagen der populären Winter-X-Games gehörte sie zu den Hauptdarstellerinnen, viermal gewann sie die Goldmedaille.

Sie war die erste Frau, der ein sogenannter „720“ gelang – eine zweifache Drehung während der Flugphase. Kurz darauf schaffte sie als Erste einen „900“ (zweieinhalbfache Drehung), und als die anderen soweit waren, diesen Sprung in ihr Repertoire aufzunehmen, landete Burke den ersten „1080“ (dreifache Drehung). Bei den Winter-X-Games in zwei Wochen wollte sie ihren schmalen Körper erstmals dreieinhalbmal rotieren lassen.

„Sarah ist sehr, sehr stark, sie wird es schaffen“, sagt Rory Bushfield, Burkes Ehemann, selbst ein Ski-Freestyler. Schon vor zwei Jahren hatte seine Frau einen schweren Unfall gehabt und sich in der Superpipe einen Rückenwirbel gebrochen. Als sie drei Monate später wieder auf ihren Brettern stand, sagte sie einem Reporter: „Ich fahre Ski, seit ich laufen kann. Und ich liebe es von Tag zu Tag mehr.“

Sotschi war das Ziel

Der Höhepunkt ihrer Karriere sollten die Olympischen Spiele 2014 in Sotschi werden. Seit kurzem steht fest, dass dort erstmals Medaillen in der Superpipe vergeben werden. Burke galt mit ihren vielen Auszeichnungen und dem strahlenden Lächeln, das ihr 2006 Platz 91 auf der „FHM“-Liste der 100 schönsten Frauen der Welt einbrachte, als eines der wichtigsten Argumente des Skisport-Weltverbandes Fis – eine solche Athletin schmückte jede Veranstaltung, das war in etwa die Begründung. „Die olympischen Spiele sind mein letztes großes Ziel“, sagte Burke.

Die Teilnahme an Spielen bedeutet für Burke mehr als nur die Chance auf Medaillen, die sie bisher noch nicht hat einsammeln können. Bereits im Vorfeld der Winterspiele 2010 in ihrer Heimat Kanada hatte sie gefordert, Ski-Freestyle ins olympische Programm aufzunehmen.

Damals scheiterte sie jedoch an den eingefahrenen Denkmustern im Internationalen Olympischen Komitee (IOC), das damals glaubte, mit den Wettbewerben auf der Buckelpiste, der Aerialsprungschanze und im Skicross genug Spektakel auf zwei Brettern im Programm zu haben.

Auch Pearce verunglückte in Park City

Obwohl sie von mehreren Sponsoren zu den Entscheidungen eingeladen worden war, fuhr Burke nicht hin. „Ich hätte es nicht ertragen, von draußen zusehen zu müssen“, sagte sie.

Weil die Stuntsportart als eine der wenigen Winterdisziplinen mit wachsendem Zuschauerinteresse verfolgt wird und junges Publikum anlockt, änderte das IOC seine Meinung und nahm Freestyle-Skifahren, eine Art Hindernisrennen namens Slopestyle sowie den Spezialparallelslalom der Snowboarder ins Programm auf.

Schon vor zwei Jahren war der US-Snowboarder Kevin Pearce in der Eisröhre in Park City schwer verunglückt. Sein Gehirn war trotz des Schutzhelmes so stark erschüttert worden, dass Pearce alltägliche Dinge wie Essen und Sprechen neu lernen musste.

Gefährliche Spirale

Auch er war nach dem Unfall zunächst in ein Koma versetzt worden; bis zu seinem Comeback vergingen fast zwei Jahre. Auf der Superpipe im Park City Mountain Resort wurden 2002 einige Olympiawettbewerbe der Spiele von Salt Lake City ausgetragen. Schon damals waren viele Medaillenhoffnungen durch Stürze geplatzt.

Pearce war gestürzt, als er sich an einem Sprung versuchte, mit dem er Superstar Shaun White womöglich das Wasser hätte reichen können. Je waghalsiger und spektakulärer die Sprünge sind, desto mehr Punkte und Titel sammeln die Athleten.

Und mehr Titel bedeuten mehr Sponsoren und bessere Verdienstmöglichkeiten. In dieser Spirale treiben die Freestyle-Wintersportler so oft in persönliche Grenzbereiche, dass nach Pearce’ Sturz ein Verbot von Überkopfsprüngen in Halfpipes erwogen wurde. Am Ende siegte das Risiko. Salti und Überschläge werden weiterhin am besten bewertet.