Marco Reus

Rückkehr des verlorenen Sohns elektrisiert Dortmund

Morgenpost Online ging in Reus' Heimat auf Spurensuche. Das Fußballspielen lernte er von einer Frau. Sie wusste, dass er einmal für den BVB kicken würde.

Das Fußballspielen hat der begehrte Jungspund ausgerechnet bei einer Frau gelernt. Andrea Schürmann ist mächtig stolz darauf, dass sie sich als Entdeckerin von Marco Reus fühlen darf. Die 42-Jährige, die für den Fahrdienst einer Apotheke tätig ist, war die erste Trainerin des Nationalspielers.

Und nun, sagt sie, schließe sich der Kreis. Denn Reus kommt im Sommer wieder nach Dortmund zurück . Für die Ablöse von 17,5 Millionen Euro – und sehr zur Freude von Frau Schürmann.

Im Vereinsheim des PTSV Dortmund im Stadtteil Schüren sitzt sie an einem Tisch und trinkt Kaffee. Hier begann einst die Karriere von Reus, und hierher ist sie nun zurückgekommen, um ein wenig in Erinnerungen zu schwelgen vor der Rückkehr des verlorenen Sohnes, der die Westfalenmetropole weitaus mehr elektrisiert hat als die fortgesetzte Krise um Bundespräsident Christian Wulff.

Seit Mitte der abgelaufenen Woche, seit der Bekanntgabe des Wechsels von Borussia Mönchengladbach zur anderen Borussia ist Dortmund im Reus-Fieber . „Ja“, sagt Schürmann, während sie die Kaffeetasse auf dem Tisch abstellt und zur Wand schaut, an der ein Mannschaftsfoto mit dem berühmtesten Spieler hängt, den der PTSV je hervorgebracht hat: „Ja. Ich bin stolz auf ihn.“

Alle Dortmunder, die Reus noch aus seiner Kindheit und Jugend kennen, sind es. Doch Schürmann kann für sich in Anspruch nehmen, als Erste das Talent des damals noch kleineren Dribbelkünstlers erkannt zu haben. „Als Marco 1994 zu uns kam, war er fünf Jahre alt. Eigentlich hätte er nur in einer Minikicker-Mannschaft spielen dürfen, aber die hatten wir nicht. Deshalb hat er in der F-Jugend mitgespielt“, erinnert sie sich.

Die meisten anderen Jungs waren zwei Jahre älter. Marco war mit Abstand der Kleinste. Aber jemand, der schon bei seinem allerersten Spiel herausgeragt hat. „Wir haben gegen den SV Körne gespielt, da habe ich ihn das erste Mal eingewechselt. Wir haben das Spiel mehr oder weniger nur wegen ihm gewonnen“, sagt sie. Ein Ascheplatz („weil unser Rasenplatz der Bundesstraße 236 geopfert wurde“), und Klein-Marco sei damals regelrecht darüber geflogen.

Sehr lernbegierig

Viel beibringen musste sie ihm gar nicht. Er war sehr lernbegierig, hat „eigentlich immer“ darauf gehört, was sie ihm gesagt hat. Außerhalb des Platzes sei er zwar „ein wenig schüchtern“ gewesen, doch der Fußball sei schon damals, 1994/95, sein Ein und Alles gewesen. „Das war einer, der auch zu Hause in jeder Minute den Ball am Fuß“ gehabt haben muss.

Das kann Thomas Reus nur bestätigen. Der frühere Betriebsschlosser bittet freundlich in sein Reihenhaus in Dortmund-Wickede. Der kleine Marco sei schon kurz nachdem er laufen konnte, dem Ball hinterher gejagt, sagt Marcos Vater, als er den Besuch durch das Wohnzimmer, mit einer gepflegten Sofagarnitur, und den Wintergarten mit dem Esstisch in den Garten führt: „Immer nur Fußball, zur Not auch in der Wohnung.“ Erst in der alten Wohnung in Körne, später dann im Haus in Wickede.

Das Leben von Thomas und Manuela Reus, die früher als Bürokauffrau gearbeitet hat, ist längst auch vollkommen vom Fußball bestimmt. Optisch dokumentiert durch den Fahnenmast im Garten: Dort wehen eine Deutschland- und eine Gladbachfahne. „Natürlich kommt da jetzt auch eine BVB-Fahne hin“, sagt Manuela Reus und schmunzelt.

Alles für den Sohn

Die beiden haben sich ganz der Betreuung ihres Sohnes verschrieben, sogar mit eingetragener Gesellschaft. Sie haben sich der „immer umfangreicheren Vermögensverwaltung“ von Marco gewidmet – doch für die Leidenschaft ihres Sohnes haben sie eigentlich sowieso schon immer alles getan.

Allein während Marcos Zeit als Jugendspieler haben sie vier Autos verschlissen, weil sie ihn oft zu den Auswärtsspielen gefahren haben. Immer kleine Autos, Thomas Reus ist sparsam, und deshalb wurde das auch der Sohn.

Der Vater ist verdammt stolz, weil sich sein Marco trotz der großen Summen im Profifußball seine Bodenständigkeit bewahrt hat. „Der wirft kein Geld zum Fenster raus, der ist ein braver und bescheidener Junge geblieben.“ Genau das habe er ihm immer vorgelebt: „Ich musste fünf Personen durchbringen, da war kein Platz für Luxus“, sagt Thomas Reus.

Extrem heimatbezogen

Marco hat zwei Schwestern, Yvonne, 27, und Melanie, 24. Sie haben, ähnlich wie die Eltern, alles für ihn gemacht. Sogar aufgeräumt haben sie für den kleinen Bruder. Marco wurde umsorgt und verwöhnt. Ihm wurde alles nachgetragen und nachgesehen. Der Vater sagt, da habe er in der Erziehung einen Fehler gemacht: Bis heute könne Marco nur schwer Ordnung halten.

Vielleicht fällt es ihm auch deshalb so leicht, regelmäßig Chaos in den gegnerischen Strafräumen zu verursachen. Dank seiner Rasanz, seiner Tempodribblings und in dieser Saison auch dank seiner Torgefahr hat es Reus, 22, zum heißesten Objekt auf dem Transfermarkt gebracht.

Bayern München wollte ihn, Real Madrid ebenso , den Zuschlag erhielt schließlich Borussia Dortmund. Aus gutem Grund. Denn Marco Reus ist nicht nur ein guter Fußballer, sondern auch extrem heimatbezogen.

Im Dachgeschoss vom elterlichen Haus hat er noch eine Zwei-Zimmer-Wohnung, abschließbar, 30 Quadratmeter groß mit einer kleinen Küche und einem kleinen Bad. An Wochenenden nach Spielen wohnt er da immer noch. Mama kocht dann meist sein Lieblingsgericht: Kartoffelpüree, Gulasch und Rotkohl.

Für die Zeit nach der Rückkehr nach Dortmund gibt es auch schon Pläne, er wird dann wohl ein Appartement beziehen, wahrscheinlich fertig möbliert nach Art der Familie. Weil Thomas Reus davon ausgeht, dass Marco auch mit zur Europameisterschaft nach Polen und in die Ukraine fährt, rechnet er damit, dass der Sohn keine Zeit zum Einrichten haben wird.

Viel Zeit, alte Bekannte zu sehen, wird in den kommenden Monaten wohl ebenfalls nicht bleiben. Auch nicht für frühere Mitspieler wie Nico Luft. Der 23-jährige Student der Wirtschaftswissenschaften steht auf dem leicht ausgebleichten Mannschaftsfoto von 1994 schräg hinter Reus.

Umweg über Ahlen

Er ist mittlerweile Torwart beim Bezirksligisten BSV Schüren. „Nichts Großes, aber es ist immer noch mein Hobby und gibt halt ein paar Taler nebenbei“, sagt Luft, während er im Café Juicy Bar auf der Kaiserstraße, einer belebten Geschäftsstraße in Citynähe, an einem Orangensaft nippt.

Am Mittwoch, als er von dem Reus-Transfer erfuhr, hatte er in der Uni-Bibliothek gehockt. Seine Mutter rief ihn an, war ganz aufgeregt. „Hast du schon gehört? Der Marco kommt wieder zum BVB“, hatte sie gesagt. Nico Luft hätte nicht unbedingt damit gerechnet.

Weil sie Reus in der Jugendabteilung des BVB 2006 ja nicht mehr haben wollten: Zu schmächtig sei er, hatte es damals geheißen. Reus musste schließlich den Umweg über die westfälische Provinz, über Rot-Weiss Ahlen, machen, um sich den Traum von der Bundesligakarriere doch noch zu erfüllen.

"Etwas ganz Besonderes"

Es wirkt für die meisten alten Weggefährten von Marco Reus auch deshalb heute noch ein wenig unwirklich, dass er jetzt tatsächlich heimkehrt und ab Juli für ihren Lieblingsverein spielen wird. „Es muss etwas ganz Besonderes sein, wenn jemand, mit dem man selbst mal zusammen gespielt hat, im BVB-Trikot da unten auf dem Rasen steht“, sagt Nico Luft.

Nur Andrea Schürmann hatte sofort geahnt, dass es dazu kommen könnte. Schon nach der ersten Saison von Marco auf dem Ascheplatz des PTSV, als sie ihre Trainertätigkeit aufgeben musste, weil sie Zwillinge bekam, hatte sie seinen Eltern prophezeit: „Der wird mal für den BVB spielen.“

Geglaubt hatten die es ihr damals noch nicht.