Denver Broncos

"Gottes Quarterback" Tim Tebow spaltet die USA

Tim Tebow, Sohn eines Missionars, inszeniert seine Religiosität. Vor dem Play-off-Auftakt scheint es, als haben die Gegner das unorthodoxe Broncos Spiel dechiffriert.

Foto: REUTERS

John Elway wird wieder in seiner Loge sitzen. Er wird mitfiebern, staunen und manchmal ein bisschen irritiert sein. Als Quarterback hat er früher fast immer die richtige Antwort gewusst, Elway führte die Denver Broncos zu zwei Super-Bowl-Triumphen, er ist eine lebende Footballlegende. Aber das wird ihm am Sonntag nicht viel helfen.

Wenn die Pittsburgh Steelers zur ersten Play-off-Runde nach Denver kommen, dann ist auch Elway, heute Bronco-Vizepräsident, dem Mann ausgeliefert, den die einen für einen Messias halten, die anderen für einen Scharlatan, und bei dem auch die Experten nie wissen, was sie bekommen: Magie oder Dilettantismus. Elways und die Hoffnungen aller Broncos hängen dann wieder an Tim Tebow .

Dem Protokoll nach macht Tebow (24) den Job, den früher Elway ausführte: Er orchestriert die Offensive, schart die Truppen um sich, wirft den Ball kurz oder lang, läuft manchmal selbst. Andererseits wirkt es oft wie ein anderes Spiel, das Tebow betreibt. Wirklich gut werfen kann er nämlich nicht.

Ein unkonventioneller Quarterback

Seine Technik ist umständlich, die Flugkurve unruhig, und selbst die Mitspieler wissen oft nicht, was er vorhatte, wenn das Ei mal wieder meterweit an ihnen vorbeisegelt. Doch auch ohne die vermeintliche Primärtugend eines Quarterbacks hat es Tebow diese Saison in der US-Profiliga NFL geschafft, mehr Spiele zu gewinnen als zu verlieren.

Fast könnten seine Anhänger an ein Wunder glauben – wenn sie es nicht sowieso täten. Für sie ist der streng religiöse Tebow mehr als nur ein unkonventioneller Quarterback. Er ist „Gottes Quarterback“.

Seine außergewöhnliche Geschichte hält Amerikas Sport seit Monaten in Atem („Tebowmania“). Ihr sportlicher Teil geht so: Nach einem Saisonstart mit 1:4 Siegen wurde Tebow die Spielgestalterrolle übertragen. Anfangs belächelt und gegen alle Erwartungen führte er das als weitgehend talentfrei verrufene Team danach zu einer Serie von 7:1 Siegen, fast immer nach demselben Muster.

Tebow Time

Die Broncos lagen weit zurück und brachten nichts zustande, ehe der zuvor wirkungslose Quarterback in den letzten Spielminuten („Tebow Time“) mit plötzlich unwiderstehlichem Angriffsspiel („Tebow Magic“) noch den Erfolg erzwang. Trotz zuletzt lausiger Darbietungen und dreier Niederlagen reichte das überraschend für den Play-off-Einzug.

Die noch größere Geschichte: Tebow, als Sohn evangelikaler Missionare auf den Philippinen aufgewachsen, inszeniert seine Religiosität in zuvor unbekanntem Ausmaß. Er betet vor dem Spiel, während des Spiels und auch danach, stets in derselben Pose. In die Knie gehen, einen Arm auf den Oberschenkel stützen, den Kopf senken und an die Faust drücken.

Oder kurz: „Tebowing“. Unter dieser Bezeichnung ist die Geste inzwischen in Amerikas Popkultur eingegangen, zitiert von Skiläuferin Lindsey Vonn bis zu Schülern auf Long Island, die mit kollektiven „Tebowing“-Sessions die Aula blockierten und dafür einen Tag von der Schule ausgeschlossen wurden.

In einem Land, das erbittert über Religion streitet, ist Tim Tebow natürlich längst ein Politikum. Insbesondere die fundamentalistische Rechte hat ihn als Helden entdeckt. In dem wiedergeborenen Christen Rick Perry und der inzwischen ausgestiegenen „Tea Party“-Aktivistin Michelle Bachmann versuchten gleich zwei republikanische Präsidentschaftskandidaten, die Tebow-Story zu instrumentalisieren.

Vorbild für Perry

Verlacht vom Establishment, aber geliebt vom Volk und vertrauend auf Gott – diese Analogie zwischen ihr und dem Quarterback pflegte Bachmann in ihrem letzten Fernsehspot, während den in Umfragen abgeschlagenen Perry die Comeback-Qualitäten des Footballspielers ermutigen: „Ich will der Tebow der Vorwahlen sein.“

Der charismatische Athlet ist an dieser Vereinnahmung nicht ganz unschuldig. Zwar wird quer durch die Gesellschaft als sympathisch wahrgenommen; zudem genießt er Respekt für sein soziales Engagement, das bei ihm glaubhaft nicht nur Steuererklärung und Image dient.

Doch schon zu College-Zeiten trug er auf dem Footballfeld auch seinen Glauben zu Markte. Als er begann, sich Bibelverweise unter die Augen zu malen, wurde es dem Verband zu bunt; er untersagte derlei Bekenntnisse („Tebow Rule“). Davon unbeeindruckt sorgte er kurz vor seinem Wechsel in die NFL erneut für Polemik, als während des Super Bowls 2010 ein Antiabtreibungsspot mit ihm und seiner Mutter über Amerikas Bildschirme flimmerte.

Schadenfreude bei den Gegnern

Wissenschaftler analysierten während seiner College-Zeit, wie die religiösen Botschaften selbst die Fans seines Teams spalteten. Als Profi polarisiert er natürlich nicht weniger – entsprechend groß ist die Schadenfreude bei seinen Gegnern, wenn es mal nicht läuft.

Wo Gott für seine Siege verantwortlich ist, was ist dann mit den Niederlagen, fragen sie. Als Tebow und die Broncos am 24. Dezember bei den Buffallo Bills böse unter die Räder kamen, lästerte TV-Satiriker Bill Maher: „Wow, Jesus hat Tim Tebow übel gef****! Und das an Weihnachten! Irgendwo in der Hölle tebowt Satan und sagt zu Hitler: ‚Hey, Buffalo macht sie gerade fertig’.“

Vorige Woche, beim 3:7 gegen Kansas City, spielte Tebow erneut miserabel. In der gesamten Partie brachte er nur sechs Pässe an den Mann, seine gefürchteten Läufe verpufften, und als gegen Spielende die Magie kommen sollte, warf er den Ball zum Gegner.

Broncos Spiel dechiffriert

Es scheint, als hätten die NFL-Abwehrreihen das unorthodoxe, auf Tebow fixierte Spiel der Broncos inzwischen komplett dechiffriert. Da mit den Steelers nun auch noch die beste Verteidigung der Liga kommt, geben die meisten Experten Denver nicht den Hauch einer Chance auf das Erreichen der Runde der letzte Acht.

Auch John Elway ist nicht ganz frei von Skepsis gegenüber Tebow. Für einen begnadeten Passer wie ihn ist das Spiel seines Nachfolgers nicht einfach zu akzeptieren. Nach Saisonende will er mit dem Talent in Ruhe an dessen Schwächen arbeiten, doch zuletzt mehrten sich auch Vermutungen, er könnte sich parallel nach prominentem Ersatz umsehen. Für Tim Tebow wird es am Sonntag mal wieder Zeit, ein Wunder zu produzieren.