Werder Bremen

Allofs muss sich jetzt auch für Ailton schämen

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Kai Niels Bogena

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Sportdirektor Klaus Allofs, der seinen Vertrag verlängert hat, spricht im Interview mit Morgenpost Online über Werders Zukunft und Dschungelcamp-Teilnehmer Ailton.

Morgenpost Online: Herr Allofs, vor zwei Wochen wurde Ihr Vertrag sowie der von Trainer Thomas Schaaf nach wochenlangen, zähen Verhandlungen verlängert. Wie froh sind Sie, dass Sie den Machtkampf gegen den Aufsichtsrat-Vorsitzenden Willi Lemke gewonnen haben, der für Unruhe im Umfeld sorgte?

Klaus Allofs: Wenn es auf einen Machtkampf hinausgelaufen wäre, wären es falsche Voraussetzungen für die weitere Zusammenarbeit gewesen. Außerdem hätte ich den Vertrag nicht unterschrieben, wenn ich mit den Bedingungen nicht einverstanden gewesen wäre. Der Aufsichtsrat und ich hatten jeweils gewisse Vorstellungen für einen neuen Vertrag und wir mussten entscheiden, inwieweit sie durchzusetzen sind, aber wo auch Raum für Kompromissbereitschaft ist. Ich glaube, dass wir das in einer vernünftigen Art und Weise hinbekommen haben.

Morgenpost Online: Mussten Sie dennoch Kompetenzen an Lemke abgeben, zu dem Sie nie ein besonders inniges Verhältnis hatten?

Allofs: Ich habe keine Probleme mit meinen Kompetenzen, denn sportliche Dinge werden auch in Zukunft von Werders Geschäftsführung entschieden – federführend von Thomas Schaaf und mir. Da gibt es auch in Zukunft keine Einschränkungen. Bei wirtschaftlichen Dingen hat der Aufsichtsrat aber ein Mitspracherecht und muss diese Kontrolle aufgrund der Satzung ausüben. Das wir dann miteinander Gespräche führen werden, ist selbstverständlich.

Morgenpost Online: Im vergangenen Sommer hakte es genau daran, als Lemke Ihnen wegen der wirtschaftlich angespannten Lage des Klubs zunächst Geld für Zugänge verweigerte und dies über die Medien kommunizierte.

Allofs: Die Geschäftsführung hielt immer mit dem Aufsichtsrat Rücksprache, insbesondere bei Transfers, denn das gehört zu einer vertrauensvollen Zusammenarbeit. Das es dabei jedoch auch Raum gibt, um eine Zusammenarbeit zu verbessern, versteht sich von selbst.

Morgenpost Online: Mit Coach Schaaf arbeiten Sie seit 1999 zusammen. Hat er seinen Verbleib bei Werder von Ihrem abhängig gemacht?

Allofs: Er hat sich erkundigt, wie es mit mir weitergeht. Und es kann sein, dass ihm seine Entscheidung leichter fiel, zu verlängern, als klar war, dass auch ich bleibe. Aber das ging mir im Umkehrschluss genauso.

Morgenpost Online: Sie beide scheinen unzertrennlich.

Allofs: Wir sind positiv miteinander eingespielt und man sollte sehen, dass man das so erhält. Es gibt im Profi-Fußball viele Varianten bei sportlich Verantwortlichen, wo eine Menge Reibung entsteht, die dann zur Trennung führt. Das entsteht bei Schaaf und mir nicht, obwohl das nicht bedeutet, dass wir nur unkritisch miteinander umgehen.

Morgenpost Online: In Werders Umfeld kehrt nun aber wieder Ruhe ein?

Allofs: Sollten die sportlichen Dinge nicht wunschgemäß verlaufen, wird es auch bei uns etwas unruhiger sein. Eine eventuelle Unruhe wird so auch in Zukunft von der sportlichen Lage abhängen.

Morgenpost Online: Diese kann sich in den kommenden Jahren verändern, weil der Verein insbesondere durch fehlende Einnahmen aus der Champions League wirtschaftlich eingeschränkt ist. Im aktuellen Geschäftsjahr wird der Klub so ein Millionen-Minus erwirtschaften. Inwieweit muss sich Werder neu aufstellen?

Allofs: Wir werden auf diese wirtschaftlichen Rahmenbedingungen eingehen und analysieren, was wir verändern müssen, um konkurrenzfähig zu bleiben. Im Konzert der großen Bundesliga-Klubs wollen wir nämlich nicht nur mithalten, sondern auch eine führende Rolle spielen.

Morgenpost Online: Wie soll das ohne teure Einkäufe und ohne Champions League gelingen?

Allofs: Sportlich erfolgreich zu sein bedeutet nicht nur, dass wir mehr Geld haben müssen, denn wir haben in der Vergangenheit oft mit überschaubaren Mitteln das Maximum erreicht. Daran müssen wir wieder verstärkt arbeiten und gleichzeitig die Abhängigkeit vom sportlichen Erfolg reduzieren. Wir müssen lernen, dass wir nicht nur bestehen können, wenn wir in der Champions League sind, sondern auch durch kluge Transfers in der Liga-Spitze konkurrenzfähig sein können.

Morgenpost Online: Das heißt günstige Spieler verpflichten sowie mehr Akteure aus dem eigenen Nachwuchs ausbilden?

Allofs: Wir müssen wieder nach diesen Nischen-Lösungen suchen, und das sind nicht Lösungen, die Bayern München oder der VfL Wolfsburg besitzen. Ich hoffe, dass wir das wieder hinbekommen. Wir brauchen bezahlbare, talentierte Spieler, die als Gemeinschaft funktionieren und nicht denken, dass sie Titel alleine gewonnen haben.

Morgenpost Online: Bleiben, durch diese eingeschränkte Transfer-Politik, Titel an der Weser in Zukunft ein Traum?

Allofs: Wir sind derzeit Fünfter und von den Top-Klubs nicht weit entfernt, obwohl wir die Auswärtsspiele dort klar verloren haben. Trotzdem werden wir gut gerüstet in die Rückrunde gehen, denn wir wollen oben noch mal angreifen. Insgesamt sind wir nicht chancenlos, was Erfolge in den nächsten Jahren angeht. Ob es aber der erste Platz oder nur die Ränge dahinter sein werden, hängt von unserer Entwicklung ab. Ein Pokalsieg ist aber immer möglich.

Morgenpost Online: Wobei die Champions League wichtiger ist?

Allofs: Natürlich, denn nur dort haben wir die Möglichkeit, viel Geld zu generieren. Ich tausche gerne einen Titel gegen regelmäßige Teilnahmen in der Champions League. Dennoch können wir es nicht als selbstverständlich betrachten, dass wir dort Jahr für Jahr dabei sind, da müssen wir realistisch bleiben. Derzeit haben wir nur ein Punkt Rückstand auf den Champions League-Qualifikationsplatz. Unser Ziel lautet, dort anzugreifen.

Morgenpost Online: Auch auf einem anderen Feld wartet in der Rückrunde viel Arbeit auf Sie, denn insgesamt 13 Profi-Verträge laufen am Saisonende aus. Darunter sind Leistungsträger wie Angreifer Claudio Pizarro, Torwart Tim Wiese oder Kapitän Clemens Fritz. Wie gehen Sie die Verhandlungen an?

Allofs: Bei keinem Spieler ist der Stempel drauf, dass er keine Zukunft bei Werder hat, aber alle stehen auf dem Prüfstand, weil wir gewisse Ziele in der vergangenen Saison nicht erreicht haben und diese Spieler mit dafür verantwortlich waren. Es wird sich zeigen, ob Spieler, die schon älter sind oder verletzt waren, an ihre alte Leistungsstärke anknüpfen können. Auch daran wird sich entscheiden, ob es hier mit ihnen weitergeht oder nicht.

Morgenpost Online: Werden Sie, wegen Werders wirtschaftlichem Einbruch, Gehälter kürzen?

Allofs: Wer gute Leistungen bringt und wir dadurch Erfolg haben, soll weiterhin gut bei uns verdienen. Sollte aber nicht gut gespielt werden und wir dadurch unsere Ziele nicht erreichen, gehen auch die Verdienstmöglichkeiten nach unten.

Morgenpost Online: Von Stürmer Pizarro sind Sie wegen seiner herausragenden Tor- sowie Vorbereitungs-Quote extrem abhängig, aber es ist ungewiss, ob er seinen Vertrag verlängern will. Suchen Sie daher verstärkt nach einem neuen Top-Stürmer?

Allofs: Zunächst halte es ich für möglich, dass Claudio über die Saison hinaus bei uns bleibt. Aber natürlich halten wir unsere Augen nach neuen Spielern offen und werden bewerten, welchen Weg die Angreifer Marko Arnautovic, Markus Rosenberg, Sandro Wagner oder Danni Avdic in der Rückrunde einschlagen. Dann werden wir sie wiegen und sehen, ob wir sie für zu leicht befinden oder nicht.

Morgenpost Online: Zu leicht war in der Hinrunde auch Werders Defensive; das Team kassierte 31 Gegentreffer. Warum bekommt Trainer Schaaf dieses Problem nicht in den Griff, das schon in der vergangenen Saison bestand?

Allofs: Das ist nur die halbe Wahrheit, denn in den Heimspielen hatten wir diese defensiven Probleme nicht. Aber auswärts haben wir viel zu viele Gegentore bekommen und zusätzlich Spiele wie in Gladbach, München oder Schalke klar verloren. Deshalb ist unsere Aufgabe, eine bessere defensive Stabilität hinzubekommen. Damit wir, wenn wir verlieren, zumindest mit 0:1 oder 1:2 unterlegen sind. Aber es darf kein 0:5 mehr mit unerklärlichen Fehlern sein.

Morgenpost Online: Wie kontrovers setzen Sie sich, als Schaafs' Vorgesetzter, mit dem Coach darüber auseinander?

Allofs: Das ist keine Frage des kontroversen Auseinandersetzens, sondern, dass wir uns die Frage stellen, wie das immer wieder passieren kann. Und natürlich muss das verändert werden. Ich weiß, wie intensiv im Training daran gearbeitet wird und in den Heimspielen funktioniert unsere Defensive ja auch. Dies steht allerdings im krassen Gegensatz zu einigen Auswärtsspielen, in denen die Mannschaft beim Stellungsspiel oder auch in der Konzentration Fehler macht, die wir im Weserstadion nicht sehen. Darüber diskutiere ich mit dem gesamten Trainer-Stab und es wird Aufgabe für die Rückrunde sein, das in den Griff zu bekommen.

Morgenpost Online: Sie bemängelten auch, dass einige ihrer Spieler gerade in den Partien gegen die Spitzen-Teams zu brav auftraten.

Allofs: Wir waren manchmal zu naiv, da sind andere Mannschaften sehr viel cleverer und spielen kompromissloser als wir es tun. Das ist kein Aufruf zum Unfair sein, es geht um Disziplin und enger am Gegner zu stehen. Wir müssen zulegen, mit allen erlaubten Mittel zu arbeiten, und dann werden wir auch weniger Gegentreffer bekommen.

Morgenpost Online: Werden Sie eigentlich ab dem 13. Januar das „Dschungelcamp“ im TV sehen? Ihr ehemaliger brasilianischer Stürmer Ailton ist dort einer der Kandidaten.

Allofs: Ich habe mich in der Vergangenheit schon für Menschen geschämt, die in dieser Sendung auftraten, die ich gar nicht kenne. Und jetzt muss ich das wahrscheinlich für einen tun, den ich gut kenne. Zusätzlich ist es keine Sendung, von der ich dachte: 'Hoffentlich kommt die bald wieder ...'

Morgenpost Online: Drücken Sie Ailton dennoch die Daumen, dass er Dschungel-König wird?

Allofs: Ich drücke ihm die Daumen, dass es ihm gut geht und dass er die Zeit nach seiner Karriere vernünftig meistert.