Kolumne "Querpass"

Von unseren TV-Reportern will keine mehr ein Kind

Hoffentlich bringen uns die Sportreporter 2012 die Freude zurück. Um sich noch unbeschwert wund zu lachen, müssen wir heute einen arabischen Sender abonnieren.

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Aus der Silvesternacht nehmen wir drei gute Vorsätze mit ins neue Jahr: Die Banker wollen nicht mehr gierig sein, die Politiker so volksnah wie nie – und die Sportreporter im Fernsehen haben sich vorgenommen, uns endlich zum Lachen zu bringen.

Sie lachen? Dann wäre schon viel gewonnen. Denn die Lage an der Lachfront des Sports ist ernst, in den Jahresrückblicken kam zuletzt kein einziger TV-Reporter vor. Einen Brüller wert war lediglich der Komiker Mike Krüger, der neulich verriet, dass Lothar Matthäus Raumausstatter bleiben wollte – „bis verlangt wurde, dass der Intelligenzquotient eines Raumausstatters höher sein muss als die Raumtemperatur“.


Zum Lachen in den Keller gegangen

Fragwürdiger und verwerflicher kann Humor kaum sein, und den Empörten unter uns ist das Lachen im Oberschenkelhals steckengeblieben – aber klammheimlich sind viele andere zum Lachen in den Keller gegangen und haben sich dort den Bauch gehalten, am Boden gekugelt und hemmungslos gewiehert. Wir sind in diesen lustlosen Zeiten dankbar für jeden Scherz.

Um sich noch unbeschwert wund zu lachen, müssen wir heutzutage einen arabischen Sender abonnieren, denn nur dort kommt es noch vor, dass ein Reporter den Dortmunder Meistertorwart Weidenfeller in das Bekenntnis „We have a grandios Saison gespielt“ treibt und uns aus der Lethargie reißt. Ansonsten sitzen wir auf dem Sofa und warten ab, welches Bein zuerst einschläft.


Günther Jauchs legendäre Reportage

Der Sport gilt als Eckpfeiler der Unterhaltungsindustrie – aber mit Tränensäcken unter den Augen hocken wir vor dem Fernseher und weinen den Zeiten nach, als uns beispielsweise noch Günter Jauch durch die Vierschanzentournee führte. Unvergessen ist seine Reportage von der Speisung der Fans am Wurstkessel in Innsbruck. Vor den hygienisch etwas fragwürdigen Bottich hat er sich gestellt, charmant nach dem Wirtschaftskontrolldienst gerufen und uns gezeigt, wie ein Virenüberträger mit nicht ganz keimfreien Fingern die Würschtl herausfischte und den Hungrigen überreichte. „Was ist hier wohl gefährlicher“, fragte darauf Jauch, „von der Schanze zu springen oder eine Bockwurst zu kaufen?“ Tränen haben wir gelacht, und kurz danach war ein frühreifer Backfisch im Bild, auf dessen Transparent stand: „Hanni, ich will ein Kind von Dir“ – und, als Alternative daneben: „Oder von Günther Jauch“.

Von den heutigen TV-Schanzenmeldern will keine mehr ein Kind. Sie meinen es alle gut, geben mit einer fast schon beängstigenden Sachlichkeit ihr Bestes, sind sattelfest in den Regeln und wissen, was Pappschnee ist – aber der Schnee von gestern war witziger.


"Sie standen an den Hängen und Pisten"

Kleine Späße, neckische Zwischentöne, mehr wollen wir ja gar nicht, und weil wir gerade beim Wintersport sind, fällt uns ein, wie die ARD-Skikanone Heinz Mägerlein einmal rief: „Sie standen an den Hängen und Pisten“ – wobei er Letzteres überdeutlich mit einem kleinen p und Doppel-s betonte.

Lachen lockert die Muskeln. Lachen reinigt die Zähne. Und dem Körper ist es egal, ob er über einen falschen Einwurf, ein dummes Eigentor oder einen Satz von „Waldi“ Hartmann lacht wie an jenem denkwürdigen Abend, als der als Moderator am Boxing an den viel zu früh verstorbenen Schwergewichtler Jürgen Blin erinnerte. „Ich fordere eine Richtigstellung in der ‚Tagesschau’“, meldete sich der Tote prompt aus seinem Hamburger Wirtshaus. Ähnlich gut haben wir letztmals in den 60ern gelacht, als der ZDF-Boxreporter Werner Schneider bekannt gab: „Den Neger erkennen Sie an der weißen Hose.“

Wir wollen hier nicht tütelig ins Vorgestern flüchten, aber damals hat es sich samstagabends noch gelohnt, an die ZDF-Torwand zu zappen. Entweder sagte Carmen Thomas Schalke 05. Oder Rainer Günzler fragte den Boxprinzen Wilhelm von Homburg, wie es ist, wenn man am Abend zuvor die Batterie vollgehauen bekommen hat. Der Prinz verweigerte die Aussage, stumm und beleidigt, und nach vielen Fragen ohne Antwort sagte der Moderator Günzler: „ Ich danke für das Gespräch. Es war reizend.“

Latteks Podolski-Kalauer

Lachen kann so einfach sein. Ein bisschen Mut zum gewagten Wort – und schon würde sich die Sache wieder so vergnügungssteuerpflichtig anhören wie bei Udo Lattek, wenn er beim „Doppelpass“-Frühschoppen sagte: „Wie merkt man, dass in Köln Donnerstag ist? Lukas Podolski kommt zum ersten Mal in der Woche zum Training.“

Keiner lässt uns heute mehr schmunzeln, mit dem Witz einer Wanderdüne mimen uns immer mehr TV-Reporter den Mikrofonständer – und doch regt sich für 2012 ein Hauch von Hoffnung, denn die Olympischen Spiele sind in England, und zumindest der britische Humor ist uns sicher. Und der hat was, wir wissen es spätestens, seit Julius Francis in London einmal gegen Mike Tyson antrat. Ehe er sich in Runde zwei auszählen ließ, ist er fünfmal umgefallen und hat sich jedes Mal dabei überschlagen und die Schuhsohlen in die Luft gestreckt, auf denen die Botschaft „Daily Mirror“ stand – ein paar pfiffige Reporterjungs hatten Francis überredet, seine Sohlen als Werbeflächen zu verkaufen.

Wer hat den Triathlon erfunden?

Und dann ist ja auch noch die Fußball-EM in der Ukraine und Polen, wo zuletzt alle Neuen von Lothar Matthäus herkamen – und wenn das nicht genügt, geht vermutlich Harald Schmidt wieder an die Lachfront mit seiner alten, verantwortungslosen Lieblingsfrage, bei der jeder anständige Mensch wie du und ich zusammenzuckt: Wer hat den Triathlon erfunden? Antwort: Die Polen – zu Fuß zum Schwimmbad und mit dem Fahrrad wieder zurück.

Auf den ersten Blick spricht also allerhand dafür, dass wir 2012 sporadisch wieder lachen dürfen. Das Leben wird nicht leichter, hat die Kanzlerin in ihrer Neujahrsdrohung verkündet, und deshalb ist uns im Sport vollends jeder Humor willkommen, vom Galgenhumor über den schwarzen Humor bis zum „Waldi“-Humor.

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