Motorsport

Wüstensohn Quandt vor dem großen Dakar-Triumph

Das hessische X-Raid-Team des Millionärserben und Autonarrs Sven Quandt rollt nach dem Rückzug von VW als großer Favorit in die kommende Rallye Dakar.

Foto: picture alliance / ATP / picture alliance / ATP/picture alliance

Seiner zweiten großen Liebe verfiel Sven Quandt (55), nachdem er mit seiner Frau in einem Unimog von München aus nach Johannesburg aufgebrochen war, 1988. Im Jahr davor hatte sie ihm ein Rallye-Fahrertraining auf dem Nürburgring geschenkt. Quandt hatte als Jugendlicher an seinem Moped herumgeschraubt und in der Werkstatt um die Ecke gejobbt, wo er manchen Porsche auseinanderbauen durfte. Mit dem Trip nach Südafrika aber wuchs in ihm die Leidenschaft fürs Offroadfahren. Und auch als der Sohn des ehemaligen BMW-Großaktionärs Herbert Quandt längst sein eigenes Unternehmen gegründet hatte, war der smarte Geschäftsmann mit Leib und Seele lieber dort, wo es heiß und dreckig ist: in der Wüste oder wahlweise im Schlamm.

2003 erster Rallye-Dakar-Start

2002 gründete der Autonarr im hessischen Trebur das X-Raid-Team, ein Jahr später schickte er einem BMW X5 an den Start der Wüstenrallye Dakar . Der werksunterstützte Prototyp gewann auf Anhieb die Diesel-Wertung.

Bald könnte Quandts Reise einen noch triumphaleren Abschluss finden. Seine Mannschaft gilt bei der inzwischen nach Südamerika verfrachteten Dakar unter 171 Autos als großer Favorit auf den Gesamtsieg. „Der Weg zum Titel führt nur über X-Raid“, sagt das Dakar-Urgestein Nasser Al-Attiyah, der in einem Hummer H3 sein Glück versucht und wie seine Kollegen heute in Argentinien erwartet wird.

Industriellensohn Sven Quandt hat die Messlatte hoch gelegt. „Wenn wir von der Technik her nicht gewinnen, geht das auf meine Kappe“, sagt er und nennt sich ganz unprätentiös „Teammanager“. Was nicht heißt, dass er halbe Sachen macht. Für das immer noch prestigeträchtige PS-Spektakel nahm er unter anderem den neunmaligen Dakar-Sieger Stephane Peterhansel unter Vertrag, der mit Beifahrer Jean Paul Cottret im April 2011 ein Vorbereitungsrennen in Abu Dhabi gewinnen konnte.

X-Raid ist auch deshalb klarer Favorit, weil für Volkswagen die Dakar Geschichte ist. Der Wolfsburger Autobauer zieht seine Kräfte für den Start in die Rallye-Weltmeisterschaft 2013 zusammen.

Der bevorstehende Hierarchiewechsel bei der berühmtesten Marathon-Rallye der Welt fällt zusammen mit veränderten Rahmenbedingungen. Die Karawane wird zum vierten Mal durch Argentinien und Chile ziehen, erstmals aber durchkreuzt sie auch Peru. Das argentinische Seebad Mar del Plata hat die Kapitale Buenos Aires als Startort abgelöst. Im Vorjahr war die Dakar noch eine Rundfahrt, diesmal setzt sich der Tross am 1. Januar über 8350 Kilometer nach Lima in Bewegung.

Anspruchsvolle Strecke wie nie zuvor

Die 14 Teilstrecken sind anspruchsvoll wie nie zuvor. Bereits die fünfte Etappe führt über die tückische Sanddüne von Fiambala, wo sich Altmeister Carlos Sainz 2009 und 2011 in seinem VW Race Touareg festgefahren hatte. „Es gibt dieses Mal deutlich mehr Sandanteile. Es wird sehr, sehr hart“, glaubt der erfahrene Hummer-Pilot Robby Gordon. Mit Treibsand, Geröllwüsten und Flusslandschaften nimmt es auch eine kleine Ökofraktion auf. Unterstützt durch die lettische Regierung rollt der Allrad-Prototyp „Oscar Eo“ mit Elektromotor auf den staubigen Pisten mit.

Nur ein neues Gesicht fehlt, das am Ende als strahlender Sieger vom Publikum beklatscht werden könnte. Da ist zwar der polnische Ex-Skisprungstar Adam Malysz, der nach seinen Höhenflügen bei der Vierschanzentournee nun mit einem Dach überm Kopf Gas geben will. Allein: Bei seinem Debüt in einem Mitsubishi Pajero ist Ankommen das oberste Ziel. „ Mein Ziel ist das Ziel der Dakar. Ich werde nicht so schnell fahren, dass ich um die ersten drei oder ersten zehn kämpfen kann. Es wird eine schwierige Reise.“

Der 34-Jährige bereitet sich mit seinem Co-Piloten und Trainer Rafal Marton seit einem halben Jahr auf das Abenteuer vor, fuhr kleinere Rallyes und fand Gefallen an seinem neuen Hobby: „Ich bin seit 27 Jahren Sportler. Jetzt habe ich einen anderen Sport, aber auch mit Adrenalin. Skispringen war gestern. Jetzt lasse ich den Mitsubishi fliegen.“

Auch bei der Lkw-Wertung locken keine Sensationen: Bei den Race-Trucks ist der russisches Kamaz eine Klasse für sich, auch wenn Titelverteidiger Wladimir Tschagin (sieben Dakar-Siege) und dessen Dauerrivale Firdaus Kabirow (zwei Dakar-Siege) fehlen. Dafür streiten sich die nur in Fachkreisen bekannten Eduard Nikolaew und Ayrat Madeew um den Titel. Bei den Motorrädern dürften die Zweiradstars Cyril Despres oder Marc Coma den elften Titel infolge für den österreichischen Hersteller KTM auf einer 450er Rallyemaschine einfahren.

Überhaupt wird die Dakar für Privatiers immer unerschwinglicher. Tina Meier (39) aus Bergedorf zum Beispiel konnte ihre fünfte Teilnahme nicht mehr finanzieren. In den vergangenen Jahren deckte die Motorradfahrerin einen Teil der Kosten für einen Startplatz selbst, den Rest übernahmen Sponsoren. Diesmal sprangen Gönner ab, und Meier kalkulierte mit einem Aufwand von 80?000 Euro. „Das kann so nicht mehr weitergehen“, sagt Meier.

Elf Sponsoren halten die Treue

Auf Almosen ist Unternehmer Quandt nicht mehr angewiesen. Elf Sponsoren halten ihm die Treue. Es heißt, dass er einen Teil des X-Raid-Etats aus seinem Privatvermögen bestreitet. Am 15. Januar sollen sich die Investitionen ausgezahlt haben.

Für den Erfolg hat der Chef seine guten Kontakte nach München spielen lassen. BMW-Ingenieure haben die 315 PS starken Triebwerke seiner fünf Mini All4 Racing mit einer neuen Software getunt, sie haben das Aggregat in einer Druckkammer getestet, damit es der dünnen Andenluft auf über 2500 Metern trotzt. Auch bei der Karosserie wurden größere Umbaumaßnahmen vorgenommen. Der Kühler und der Tank rückten des günstigeren Schwerpunkts wegen weiter nach unten, die Motorhaube wurde gekürzt, das Fahrzeuggewicht um 30 Kilo reduziert. Es liegt jetzt nur knapp über dem Mindestgewicht von 1900 Kilogramm. Auch wenn den Benzinern sechs Gänge zur Verfügung stehen und sie um zehn bis 20 km/h schneller sein dürften als die Fünfgang-getriebenen Mini-Diesel, bleibt Sven Quandt gelassen. „Im Sand sehe ich uns vorne.“ Und sein Fahrer Stephane Peterhansel schwärmt. „Das Handling des Mini ist sehr gut, und es macht Spaß, ihn zu fahren.“

Eine ganze Armada schickt Quandt ab kommenden Sonntag ins Manöver: Fünf farbige Mini und drei BMW X3 treten für X-Raid an. Im September 2010 hatte Quandt mit der Mini-Premiere und einem angeblichen Mini-Etat von fünf Millionen Euro die Offroad-Szene überrascht. 90 Tage später feierte Quandts Mini in Südamerika seine Dakar-Premiere. Zwölf Monate soll der Coup vollendet werden.

Die erste Unwägbarkeit hat Quandt schon überstanden. Über die die Weihnachtstage trudelten alle Geländewagen für die Dakar mit dem Frachter „Sao Paulo“ in Mar del Plata ein.

© Berliner Morgenpost 2018 – Alle Rechte vorbehalten.