Joachim Löw

"Der Titel wäre nicht nur schön, sondern auch wichtig"

Im Interview mit Morgenpost Online spricht Bundestrainer Joachim Löw über alle Themen rund um die Nationalmannschaft vor der EM in Polen und der Ukraine.

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Entspannt verbrachte Joachim Löw die Weihnachtstage mit seiner Frau Daniela. „Einfach mal nichts tun und treiben lassen.“ So lautete auch das Motto des Bundestrainers für den Kurzurlaub über Silvester. Er weiß, er beginnt ein Jahr, in dem Großes von ihm erwartet wird. Die Millionen „Bundestrainer“ im ganzen Land basteln an ihren Aufstellungen für die EM, viele trauen der Nationalmannschaft nach 1996 wieder einen Titelgewinn bei einer Europameisterschaft zu.

Morgenpost Online: Herr Löw, Sie selbst haben den Titel zum Ziel erklärt . Warum tun Sie das so offen wie nie zuvor vor einem Turnier?

Joachim Löw: Weil die Sehnsucht nach einem Titel bei uns allen so groß ist wie noch nie. Wir sind einige Male knapp gescheitert. Es waren Kleinigkeiten und Fehler, die uns um die Chance auf den Titelgewinn gebracht haben. Da ist es doch völlig normal, dass man sich nach dem ganz großen Erfolg sehnt. Und dass wir so offen über den Titel reden, liegt sicherlich auch an unserem gestiegenen Selbstbewusstsein. Wir wissen aus Erfahrung, wozu wir in der Lage sind. Aber ich bin realistisch genug und weiß, dass es ein hartes Turnier wird. Denn es gibt andere Teams, bei denen die Sehnsucht genauso stark ausgeprägt ist. Selbst bei den Spaniern. Sie haben als amtierender Europameister und Weltmeister nicht nachgelassen. Allerdings sind wir näher an sie herangerückt.

Morgenpost Online: Glauben Sie, dass Ihre Mannschaft dem Druck standhalten kann?

Löw: Ja, absolut!

Morgenpost Online: Und was ist mit Ihnen?

Löw: Ich spüre nicht den ganz großen Druck. Ich merke, dass uns eine große Herausforderung bevorsteht. Aber für mich ist das keine Belastung. Ich habe mich auch gefreut, als die Auslosung vorbei war. Klar weiß ich, dass es gegen Portugal, die Niederlande und Dänemark schwer wird. Aber das reizt mich mehr als Spiele gegen vermeintlich schwächere Gegner.

Morgenpost Online: Fürchten Sie Frust und Enttäuschung, falls das Team wieder „nur“ ein gutes Turnier spielen sollte?

Löw: Nein. Am Ende kommt es natürlich immer darauf an, wie es läuft. Doch ich denke, wir machen einen Fehler, wenn wir alles nur auf die EM ausrichten. Unsere Nationalmannschaft ist eine der jüngsten, die es gibt auf der Welt. Da fängt die Entwicklung erst an – und sie ist doch 2012 noch nicht abgeschlossen, und zwar unabhängig davon, wie das Turnier läuft. Ein Mesut Özil ist derzeit 23 Jahre alt. Der kann noch locker mit 33 spielen – und wäre dann genauso alt wie der Miroslav Klose jetzt. Was ich damit sagen will: Wir können nicht alles nur an der EM 2012 festmachen. Klar ist es wichtig, dass wir den Titel anstreben. Aber wir dürfen darüber hinaus auch die Zukunft nicht aus den Augen lassen.

Morgenpost Online: Wie nah ist die Mannschaft am Optimum Ihrer eigenen Vorstellungen vom perfekten Spiel?

Löw: Ich bin ganz zufrieden. Denn wenn ich die WM 2010 in Südafrika, bei der es einen kleinen Umbruch gegeben hat, mal als Ausgangspunkt nehme, sehe ich aktuell eine Mannschaft, die viel konstanter geworden ist. Sie hat zuletzt einige sehr, sehr gute Spiele gezeigt. Aber es gibt immer Dinge zu verbessern. Unser Spielstil ist zwar schon extrem gut geworden. Aber die Automatismen greifen noch lange nicht so gut, wie das bei anderen Nationen der Fall ist. Die Spanier etwa spielen doch gefühlt seit der D-Jugend zusammen. Aber bei uns gibt es noch zu häufig Situationen, in denen wir aus dem Rhythmus kommen. Zudem brauchen wir eine viel bessere Defensivleistung als gesamte Mannschaft.

Morgenpost Online: Stört es Sie eigentlich, dass nur Spanien als Maßstab gilt?

Löw: Ja, weil ich weiß, dass es auch andere gute Nationen gibt. Die Niederlande zum Beispiel sind sehr gut, wenn alle Spieler dabei sind. Portugal ist individuell gut besetzt, wobei man nicht weiß, ob die Spieler auch im Team gut funktionieren. Italien wird immer besser, genauso wie Frankreich. England ist auch nicht zu unterschätzen. Es fällt auf, dass überall viel mehr Wert darauf gelegt wird, dass die qualitativ guten Spieler auf dem Feld auch harmonieren.

Morgenpost Online: Miroslav Klose bestreitet sein siebtes Turnier. Bastian Schweinsteiger, Lukas Podolski und Per Mertesacker stehen vor dem sechsten inklusive des Confed-Cups 2005. Wie wichtig ist es, dass diese Generation endlich einen Titel gewinnt?

Löw: Eine große Karriere beinhaltet in ihrer Vollendung natürlich auch den einen oder anderen großen Titel. Insofern wäre für sie ein Titel nicht nur schön, sondern auch wichtig.

Morgenpost Online: Sie sind seit 2004 beim Nationalteam. Wie hat sich die Ausgangslage bis heute verändert?

Löw: Vor dem Confed-Cup und der Heim-WM war die Euphorie sehr groß, es herrschte eine Aufbruchstimmung. Die Auswahl der Spieler war damals noch etwas beschränkt. Außerdem hatte ich das Gefühl, dass nicht alle Spieler in der Lage waren, die Philosophie vom schnellen Angriffsspiel umzusetzen. Heute ist das anders. Wir spielen gut, sind konstant, selbstbewusst und glauben an unsere eigene Stärke. Wir spielen Fußball und verwalten ihn nicht mehr, so wie das vor neun, zehn Jahren noch der Fall war.

Morgenpost Online: Ist die Auswahl an guten Spielern mehr Qual als Vergnügen für Sie?

Löw: In erster Linie freue ich mich darüber. Wenn mal drei, vier Spieler ausfallen, ist es gut zu wissen, dass ich noch Kandidaten in der Hinterhand habe. Das ist ein gutes Gefühl. Dass man dadurch aber auch mal Entscheidungen treffen muss, die wehtun, ist auch klar. Aber ich habe es lieber so. Denn dadurch kann ich das Niveau der Mannschaft heben. Das ist wichtiger als das persönliche Schicksal.

Morgenpost Online: Mal ehrlich: Haben Spieler wie Marko Marin, Heiko Westermann, Marcell Jansen oder Serdar Tasci noch eine Chance bei Ihnen? Sie träumen immer noch von einer Rückkehr.

Löw: Die Spieler, die Sie genannt haben, sind auf jeden Fall in unserem Blickfeld. Es wird schwer für sie, aber der Zug ist für sie nicht endgültig abgefahren.

Morgenpost Online: Bei der starken Konkurrenz fällt es schwer, das zu glauben.

Löw: Es ist wirklich nicht ausgeschlossen, dass sie den Weg zurückfinden. Ob es schon für die EM reicht, wird man sehen. Aber es ist nun mal so, dass wir inzwischen aufgrund der großen Auswahl ein höheres Anspruchsdenken haben.

Morgenpost Online: Sie haben die schwache Defensive angesprochen. Hat Deutschland zuletzt zu viel Wert auf die Ausbildung kreativer Spieler gelegt?

Löw: Wir haben gute Innenverteidiger. Sie sind nur anders als ihre Kollegen von früher. Ich zähle unsere Verteidiger zu den besten in Europa. Sie sind beispielsweise gut in der Spieleröffnung, was heutzutage auch ein wichtiges Kriterium für einen Verteidiger ist. Es ist nur so, dass jeder kleine Fehler bei dem immer schneller werdenden Spiel heute eiskalt bestraft wird. Deshalb ist es wichtig, dass wir die Feinabstimmung verbessern. Vielleicht müssen wir alle aber auch nur mal bereit sein, Abstriche zu machen. Wenn man sehr offensiv spielt, kannst du nicht auch noch erwarten, dass hinten immer die Null steht.

Morgenpost Online: Halten Sie es für möglich, dass es im Frühjahr so eine Überraschung gibt, wie vor der WM 2006 mit der Nominierung von David Odonkor?

Löw: Eine Überraschung wie damals mit Odonkor wird es nicht geben. Das schließe ich aus. Es gibt sicher noch drei, vier Spieler aus der U 21, die das Zeug hätten. Aber die kennt auch jeder. Da würde niemand aufschreien und fragen: Was hat denn der Löw mit dem vor?

Morgenpost Online: Glauben Sie, dass Mesut Özil und Mario Götze dem deutschen Spiel und der EM ihren Stempel aufdrücken können?

Löw: Mesut hat ja schon bei der WM 2010 für Aufsehen gesorgt. Für Mario Götze wird es das erste große Turnier. Da muss man abwarten. Aber grundsätzlich traue ich beiden eine große EM zu. Mario hat ja schon im Sommer gegen Brasilien gezeigt, wozu er gegen große Nationen fähig ist. Er hat keine Angst. Ganz im Gegenteil, er freut sich auf Aufgaben wie diese. Ich habe großes Vertrauen in beide Spieler. Gerade im Mittelfeld, dem Herzstück eines jeden Teams, braucht man hervorragende Fußballer. Und das sind beide. Mit ihnen, Bastian Schweinsteiger, Toni Kroos, Sami Khedira, Simon Rolfes und den Bender-Zwillingen sind wir im Zentrum sehr gut aufgestellt.

Morgenpost Online: Miroslav Klose und Lukas Podolski genießen seit Jahren großes Vertrauen bei Ihnen. Wie sehen Sie ihre aktuelle Entwicklung?

Löw: Miro hat überragende Qualitäten. Ich finde es gut, dass er den Schritt nach Rom gegangen ist. Und Lukas hat in dieser Saison auch wieder eine gute Entwicklung gemacht. Er ist jetzt in der Lage, seine Kollegen in Köln auf dem Platz mitzureißen. Lukas ist reifer geworden und merkt, dass ihn seine Mannschaft als eine Art Lokomotive braucht.

Morgenpost Online: Im Sommer gab es das unrühmliche Ende der Ära Michael Ballack. Wie blicken Sie heute darauf zurück?

Löw: Ich habe ja zuletzt schon mal gesagt, dass wir alle nicht zufrieden sein können, wie es gelaufen ist. Und dabei möchte ich es bewenden lassen.

Morgenpost Online: Hat es denn seit Juli mal Kontakt zu Michael Ballack gegeben?

Löw: Nein. Ich denke schon, dass wir mit Sicherheit die Gelegenheit finden werden, miteinander über diese ganze Geschichte zu sprechen. Und ich hoffe, dass wir die Dinge irgendwann bereinigen. Möglicherweise bedarf das noch etwas Zeit.

Morgenpost Online: Gesetzt den Fall, Deutschland scheidet bei der EM in der Vorrunde aus: Wäre das für Sie ein Grund aufzuhören? Ihr Vertrag läuft bis 2014.

Löw: Es wäre doch grundsätzlich falsch, wenn ich mich im Vorfeld eines Turniers mit genau diesen Gedanken beschäftigen würde. Die Auswertungen und Analysen beginnen doch erst nach einem Turnier. Und unabhängig davon, ob ich nun einen Vertrag habe oder nicht, habe ich vor so einem Turnier wie der Europameisterschaft oder auch so einer Situation, wie Sie sie beschreiben, keine Angst. Wichtig ist, dass wir in der Auswertung – egal, wie das Turnier verläuft – objektiv und realistisch bleiben. Das heißt, dass wir genau schauen, wie die Spiele waren und die Mannschaft aufgetreten ist.