Optimistischer Ausblick

Warum Deutschland 2012 Europameister wird

Bei der EM ist das Team von Bundestrainer Joachim Löw Favorit. Das Land der Grätscher und Kämpfer hat wieder eine Elf, die brillant Fußball spielt.

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Wir haben zu Weihnachten einen dieser Jahreskalender geschenkt bekommen. Jedes Familienmitglied besitzt nun seine eigene Spalte für Termine. Als erstes habe ich einen schwarzen Filzstift genommen und einen dicken Strich gezogen, vom 8. Juni bis zum 1. Juli 2012, dem Tag des Endspiels. "Papa bei der EM" steht daneben. "Du bist aber optimistisch", sagte meine Frau und lachte. In der Tat: Ein frühes Ausscheiden der deutschen Fußball-Nationalmannschaft, die ich als Reporter betreue, wurde nicht einmal in Erwägung gezogen. Und womit? Mit Recht!

2012 werden wir Europameister, basta! Alles andere wäre unlogisch. Seit ein paar Jahren strebt die Elf von Bundestrainer Joachim Löw auf dieses Ziel zu. Bei den vergangenen drei Turnieren scheiterte sie denkbar knapp: Dritter, Zweiter, Dritter. Diesmal muss es einfach klappen. Denn die Mannschaft ist besser denn je.

Der Weg dorthin war lang. Noch 1990 hielt zwar Teamchef Franz Beckenbauer Deutschland für "auf Jahre hin unbesiegbar". Doch der Keim des Niedergangs war im WM-Triumph von Rom bereits enthalten. Der Weltmeister wähnte sich mit den zu integrierenden Spielern aus der ehemaligen DDR tatsächlich für unbesiegbar und vernachlässigte die Basisarbeit: Jugendförderung wurde nur sporadisch betrieben, die Bundesligaklubs wurden geflutet mit ausländischen Spielern. Der Sieg bei der Europameisterschaft 1996 kaschierte noch einmal die Defizite – dann wurde es zappenduster. Nicht einmal der Final-Einzug bei der WM 2002 konnte darüber hinwegtäuschen, dass der deutsche Fußball sterbenskrank war.

Erst bei der Weltmeisterschaft 2006 zeigte der Patient wieder Lebenszeichen: Jürgen Klinsmann entstaubte den deutschen Fußball. Noch waren die Nachwehen der trüben Zeit zu Anfang des Jahrtausends zu spüren. Jener hochmoderne Kombinationsfußball, den Löws Team heute spielt, war damals höchstens ein Hoffnungsschimmer am Horizont.

Doch die Heim-WM änderte vieles. Anders als unter den Vorgängern herrschte unter Klinsmann bei Länderspiele nicht mehr eine Atmosphäre wie auf einer Klassenfahrt. Der US-Schwabe und seine Mitstreiter Oliver Bierhoff und Joachim Löw brachten Elemente aus dem modernen Wirtschaftsmanagement in den Fußball. Der Erfolg wurde nun generalstabsmäßig geplant, in allen Bereichen – auch im Deutschen Fußball-Bund, wo Matthias Sammer als Sportdirektor die Nachwuchsarbeit ankurbelte.

Er veredelte jene Konzepte, die im Jahr 2000 nach dem Vorrundenaus bei der EM hastig zusammengezimmert worden waren. Und es ging voran: 2008 bei der Europameisterschaft in Österreich und der Schweiz dominierte zwar noch die alte Garde um Michael Ballack, Jens Lehmann und Torsten Frings. Doch den Ansturm der Jugend konnten sie nicht lange abwehren. Schon zwei Jahre später stand Ballack allein da, und als er sich kurz vor der WM in Südafrika verletzte, sollte dieser Moment des Schocks später zur Geburtsstunde von Deutschland 2.0 umgedeutet werden.

Spieler wie Mesut Özil, Sami Khedira, Thomas Müller und Jerome Boateng waren nun so weit, ihren Zauber zu entfalten – und das Land der Grätscher und Kämpfer hatte plötzlich eine Nationalmannschaft, die zum ersten Mal seit den frühen 70er-Jahren brillanten Fußball spielte. Die triumphalen Siege über England und Argentinien in Südafrika waren Sternstunden des deutschen Fußballs. Nur die Spanier, schon 2008 einen Hauch zu stark, waren im Halbfinale wieder unüberwindlich: 0:1, wie schon zwei Jahre zuvor.

Längst ist aus dem Überraschungsteam von Südafrika eine Fußballmacht geworden. Durch die Qualifikation rauschte Löws Mannschaft ohne Punktverlust. Im Sommer wurde Brasilien bezwungen, und im letzten Länderspiel des Jahres wussten die Niederländer nicht, wie ihnen geschah: Das 3:0 war eine Demütigung für den Weltmeisterschaftszweiten. Dabei sind Spieler wie Mario Götze (19), Marco Reus (22) und Andre Schürrle (21) noch nicht einmal komplett integriert in das Team. Löw schwelgt in dem Luxus, die derzeit wohl besten Mittelfeldspieler der Bundesliga gar nicht einsetzen zu müssen. Auch Toni Kroos, der sich beim FC Bayern zum Spitzenspieler gemausert hat, ist in Löws Wunschformation nicht dabei. Im kommenden Sommer werden sich auf der Bank fast ausschließlich Spieler tummeln, die vor zehn Jahren einen Stammplatz garantiert gehabt hätten.

Nur einen kleinen Moment des Zögerns gab es in all dem Verzücken über die neue Herrlichkeit. Das schon sprichwörtliche Losglück der DFB-Auswahl war dahin, als bei der Ziehung der Vorrundengruppen mit Portugal, den Niederlanden und Dänemark drei echte Schwergewichte des europäischen Fußballs in Deutschlands Gruppe gelost wurden . Noch wenige Jahre zuvor hätten die Apokalyptiker sich überschlagen: Todesgruppe, Hammerlose, Feierabend. Und nun? Ein kurzes Schulterzucken, nach dem Motto: Dumm gelaufen für die anderen. Tatsächlich sahen die Kollegen neben Joachim Löw reichlich blass um die Nase aus, während der Deutsche fast mitleidig lächelte. Dänen-Trainer Morten Olsen sprach leise von "einer Dynamit-Gruppe, in der Deutschland Favorit ist".

So soll sie denn in einem halben Jahr beginnen, die große Show, an deren Ende Deutschland Europameister sein wird. Und wenn nicht? Dann klappt’s 2014 bei der Weltmeisterschaft in Brasilien. Ganz sicher!

Warum es für das Sportjahr 2012 auch Grund zum Pessimismus gibt, erfahren Sie hier.