Vierschanzentournee

"Mulmiges Gefühl" – Hannawald als Gejagter

Deutschlands einstmals bester Skispringer bangt bei der Tournee um seinen Rekord. Nach seinem Triumph vor zehn Jahren brach er mit Burn-out zusammen.

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Es ist fast wie damals. Überall, wo der lange, schlanke Kerl auftaucht, drehen sich die Menschen nach ihm um. "Das ist doch der Hannawald", tuscheln sie. Genau der ist es, der dieser Tage auf Oberstdorfs Straßen stets eine kleine, aufgeregte Menschenmenge anzieht. Für den 37-Jährigen ist es eine Rückkehr in sein altes Leben.

Heute kann er diese Reise genießen, weil er ein zweites Leben begonnen hat. Der Weg dorthin war allerdings schwierig für den größten Star unter all den erfolgreichen Skispringern, die Deutschland je hervor gebracht hat.

Für Hannawald ist Oberstdorf "mein Wohnzimmer". Jener Ort, an dem vor zehn Jahren ein Skisprungwunder seinen Lauf nahm: Die Stadt im Allgäu ist traditionell die erste Station der Vierschanzentournee, auch an diesem Freitag wieder. Hannawald gelang es als bislang letztem Deutschen, seinen Namen in die Liste der Gesamtsieger bei dieser Traditionsveranstaltung einzutragen.

Er gewann jedoch nicht einfach irgendwie, sondern schrieb Skisprunggeschichte, als er alle vier Springen der Tournee auf Platz eins beendete. Das war in den 50 Jahren vor ihm noch keinem Sportler gelungen, und auch danach scheiterten alle, die sich daran versuchten. In diesem Jahr wird es sehr wahrscheinlich nicht anders sein, auch wenn Hannawald sagt: "Ich hoffe, dass ich so lange wie möglich der einzige bleibe, habe aber jedes Jahr wieder ein mulmiges Gefühl."

Hannawald sieht erholt aus. Gut gebräunt, Drei-Tage-Bart, die blondierten Haare mittlerweile kinnlang und hinter die Ohren gesteckt, enger weißer Pullover, die Hände in die Jeans gesteckt – ein Modeltyp.

Der gewichtigste Unterschied zu der Zeit seines Triumphes sind die 15 Kilogramm mehr, die ihn bei 1,84 Meter jetzt auf 77 Kilogramm bringen. Er hat lange gebraucht, um in seinem neuen Leben nach dem Skispringen anzukommen. Dass er heute wieder gern an der Schanze steht, funktioniert erst, seit er bei der Suche nach einer neuen Aufgabe im Motorsport fündig geworden ist.

2004 war Hannawald am Ende – als Skispringer und Mensch. "Ich habe nur noch die Erwartungen und den Stress gefühlt. Das hat mich ruiniert", sagt er. Hannawald musste sich wegen eines Burn-out-Syndroms in eine Klinik begeben, 2005 beendete er seine Karriere. "Ich suche mir nie den Mittelweg, bin ein extremer Typ, extrem ehrgeizig und reize gewisse Sachen bis zum Anschlag aus", sagt er.

Mühsam kämpfte er sich heraus, fand keine Kraft für neue Aufgaben. Jeder Blick zurück war schmerzvoll: "Ich hatte eine vernebelte Zukunft und eine schöne Vergangenheit. Da sprichst du nicht gern über eine geniale Zeit."

"Es war das geilste Erlebnis überhaupt"

Mittlerweile aber, wenn er sich wie am Mittwochabend in Oberstdorf die Fernsehbilder seines Triumphes ansieht, erinnert er sich gern – auch wenn er sich das nicht anmerken lässt. Denn während die Bilder schreiender Fans, des vor Freude tanzenden Bundestrainers Reinhard Heß und eines fassungslos jubelnden Triumphators Hannawald über den Bildschirm flackern, steht er still und zuweilen regungslos davor.

Nur manchmal huscht ein Lächeln über sein Gesicht – ganz so, als spüre er die Anspannung und den Druck von damals noch einmal. "Es war die härteste Arbeit, die ich je gemacht habe", sagt er, fügt aber schnell hinzu: "Dieser Tourneesieg hat alles gerechtfertigt, auf was ich verzichtet habe. Es war das geilste Erlebnis überhaupt. "

Seine heutige Droge heißt Motorsport, den er vor zwei Jahren für sich entdeckte. Hannawald, der mit seiner Freundin in München wohnt, startet mit dem früheren Formel-1-Fahrer Heinz-Harald Frentzen bei Tourenwagenrennen. Es ist ein Mix aus Leidenschaft und Beruf. Der Ehrgeiz aber, so sagt Hannawald, sei der gleiche geblieben.

"Ich sehe aber nicht nur wie damals den Sport. Ich lebe auch das andere Leben, dem ich früher abgeschworen hatte", sagt er und freut sich auf das erste Springen der 60. Vierschanzentournee. Wenn Sven Hannawald jetzt noch wüsste, dass es wieder keiner schafft, alle vier Wettbewerbe zu gewinnen, könnte er es noch mehr genießen.