Vierschanzentournee

Morgenstern lobt neue deutsche "Siegspringer"

Die Skispringer Richard Freitag und Severin Freund sind die neuen Hoffnungen des DSV-Teams für die Vierschanzentournee: Selbst Favorit Österreich ist alarmiert.

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Es mag bloß Zufall gewesen sein, doch irgendwie erinnerte der Mittwoch mit Martin Schmitt (33) in Oberstdorf an eine Sitte auf Musikfestivals: Manche gestalten das Vorprogramm – und die Hauptacts kommen erst am Abend. So begann Schmitts Presserunde schon 14.30 Uhr, die der Österreicher Andreas Kofler und Thomas Morgenstern oder die von Schmitts Teamkollegen Richard Freitag und Severin Freund folgten erst am Abend.

Das Erfreuliche daran jedoch ist, dass Freund (23) und Freitag (20) einen Platz in der Spätvorstellung haben. Dank der beiden Skispringer geht das deutsche Team so chancenreich in die Vierschanzentournee wie lange nicht mehr – oder, wie Bundestrainer Werner Schuster es sagt: „mit breiter Brust“.

Um einen Tageserfolg oder einen Podestplatz am Ende der Tournee können Freund und Freitag allemal mitspringen, wie sie es in dieser Saison wiederholt bewiesen haben. Freitag hat sich diesen Dezember mit einem zweiten Platz und seinem ersten Weltcupsieg in die Weltspitze katapultiert, ist Vierter im Gesamtweltcup. Freund rangiert zwei Plätze hinter seinem Zimmerkollegen, hat als Topergebnisse der Saison die Ränge zwei und drei stehen. „Sie sind Mitfavoriten, das ist doch toll. Wir freuen uns, dass wir in der Lage sind, anzugreifen“, sagt Bundestrainer Werner Schuster.

So viel Optimismus und gute Stimmung vor der prestigeträchtigen Traditionsveranstaltung war zu einer Seltenheit beim Deutschen Skiverband (DSV) verkommen. Die richtige Flughöhe für Siege hatten die Österreicher und zuvor die Finnen und Norweger. Im vergangenen Jahr war es der mittlerweile zurückgetretene Michael Uhrmann, der als Elfter das beste Resultat der Deutschen lieferte – es war dennoch die schlechteste Ausbeute seit 1995.

Es scheint zwar eine Unendlichkeit her, dass ein DSV-Springer bei der Tournee Kontakt zur Spitze hatte, doch so ganz wahr ist das nicht: Martin Schmitt hatte in der Saison 2008/2009 ein Zwischenhoch, schloss die Tournee als Vierter ab. Im Jahr davor hatte Michael Neumayer gar Platz drei erkämpft, was jedoch fast unbemerkt geblieben war. Der große Unterschied jetzt aber ist, dass es nicht zwei Routiniers sind, die sich aufraffen, sondern junge Springer, denen Trainer und Konkurrenten das Potenzial für eine sehr erfolgreiche Zukunft prophezeien.

Die Aufbruchstimmung ist nicht zuletzt an den Ticketverkäufen für die vier Springen abzulesen, die beliebt sind wie lange nicht mehr. „Deutschland ist hungrig auf Skispringen. Wir freuen uns, dass wir da für ein paar Appetithäppchen sorgen konnten“, sagt Schuster und verspricht: „Wir wollen noch nachlegen.“

Die großen Favoriten auf den Gesamtsieg sind dennoch andere. Gregor Schlierenzauer, Thomas Morgenstern und Andreas Kofler könnten Österreich den vierten Triumph in Folge bescheren – falls sie den Weltcupzweiten Anders Bardal aus Norwegen auf Distanz halten. Aber die jungen Deutschen lauern dahinter. „Sie machen einen sehr guten Job und sind knapp dran“, lobt Kofler. Und Morgenstern sagt: „Freitag und Freund sind zwei Siegspringer. Das wird eine geile Tournee.“

Die Österreicher haben mit ihrer Erfahrung einen entscheidenden Vorteil, sind bestens erprobt darin, mit dem eigenen Erwartungsdruck und dem von Fans und Medien umzugehen. Den jungen Deutschen fehlt dafür noch die Routine. Und die Tournee ist eben nicht bloß ein weiteres Weltcupspringen, sondern so etwas wie das „Wimbledon der Skispringer“. Hier verdoppelt sich die Aufmerksamkeit, hier steigert sich die Nervosität der Fans und die der Sportler. „Schon allein, wenn ich an das Springen in Oberstdorf denke, bekomme ich Gänsehaut“, sagt zum Beispiel Severin Freund. Alexander Pointner, Trainer der Österreicher drückt es so aus: „Die große Kunst ist, den Erfolg nicht als Rucksack mitzuschleppen.“

Bundestrainer Werner Schuster weiß um diesen schwierigen Balanceakt, dem sich seine Sportler stellen müssen. Die Devise lautet deshalb, sich auf das „Tagesgeschäft zu konzentrieren“. Zwischen all den Hoffnungen, Erwartungen und Erinnerungen an große Erfolge wollen sie ihre Unbeschwertheit so gut erhalten, wie es nur geht. Dazu zählt, dass sich Freitag und Freund nicht auf die Spekulationen um mögliche Podestplätze einlassen – die Top Ten ist und bleibt ihr erklärtes Ziel in der Gesamtwertung.

Bisher jedenfalls geben sich die deutschen Hoffnungsträger locker und selbstbewusst. „Es wird sicherlich auch mal wieder Zeit, dass wir uns diese Ausgangsposition für die Tournee erarbeitet haben“, sagt Richard Freitag. Und Severin Freund versichert: „Mit dem Status, zum erweiterten Favoritenkreis zu zählen, komme ich gut klar.“