Sven Hannawald

"Diese Tournee war für mich das geilste Erlebnis"

Sven Hannawald spricht im Interview mit Morgenpost Online über seinen Triumph bei der Vierschanzentournee, die Tragik und seine neue Kraft in einem zweiten Leben.

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Keinem anderen gelang ein solcher Triumph. Dass Sven Hannawald vor zehn Jahren bei der Vierschanzentournee als Erster und bislang Einziger alle vier Springen gewann, bleibt ein Rekord für die Ewigkeit. Was folgte, war nicht nur Siegestaumel. 2004 musste sich Hannawald wegen eines Burn-out in eine Klinik begeben, ein Jahr später beendete er seine Karriere. Heute lebt er in München, ist 37 Jahre alt, startet zusammen mit dem früheren Formel-1-Fahrer Heinz-Harald Frentzen bei Tourenwagenrennen und verausgabt sich nebenbei auf dem Fußballfeld.

Morgenpost Online: Herr Hannawald, was ist Ihnen geblieben von Ihrem Tournee-Triumph?

Sven Hannawald: Er hat mich als Springer und auch als Mensch geprägt. Diese Tournee hat mir gezeigt, dass ich viele Dinge selbst in der Hand habe, dass ich beeinflussen kann, wie etwas ausgeht. Es ist natürlich auch einiges von anderen Menschen und anderen Begebenheiten abhängig, aber ich habe gelernt, dass ich vielem trotzen kann. Der menschliche Körper ist extrem in der Lage, gewisse Dinge auszugleichen. Ich habe damals erst mit ein bisschen Abstand realisiert, was mir da eigentlich gelungen ist. Ich bin stolz darauf – auch, weil bisher kein anderer Tourneesieger alle vier Springen gewinnen konnte.

Morgenpost Online: Wie lange bleiben Sie der einzige?

Hannawald: Ich hoffe, dass es so lange wie möglich hält. Viele Springer haben sich schon die Zähne daran ausgebissen, aber ich denke jetzt nicht, ich sei der Größte. Ich bin nach wie vor am Boden geblieben. Es gab viele große Tourneesieger – der Finne Janne Ahonen hat sie fünfmal gewonnen, davor habe ich riesigen Respekt.

Morgenpost Online: Die Konkurrenz ist dichter zusammengerückt, die Vierschanzentournee verspricht ab dem 29. Dezember Hochspannung. Sie dürften deshalb dieses Mal wenig Angst haben, dass ein Springer viermal siegt, oder?

Hannawald: Schön wäre es. Ich bin leider jedes Jahr wieder erst dann ruhig, wenn am ersten Januar nach dem Springen in Garmisch-Partenkirchen der zweite Sieger feststeht und es ein anderer ist, als beim Auftakt in Oberstdorf. Ich habe immer ein mulmiges Gefühl.

Morgenpost Online: Welche Rolle können die Deutschen bei dieser Tournee spielen?

Hannawald: Severin Freund und Richard Freitag können mitmischen. Freitag ist ein unbekümmerter Mann, der sich nicht stressen lässt. Ich bin positiv überrascht, dass er sich so schnell und so gut entwickelt. Wo das hinführt, weiß man nie.

Morgenpost Online: Aber trauen Sie ihm schon den Gesamtsieg zu?

Hannawald: So etwas kann sich schnell entwickeln. Ich sage nicht, dass er es schafft, zuzutrauen ist es einigen. Aber Richard Freitag ist bisher eine Überraschung, und solche Leute haben immer einen gewissen Lauf, es funktioniert einfach, sie müssen gar nicht viel dazu tun. Ich freue mich, dass es endlich wieder spannend wird und die Österreicher mal wieder Gegenwind bekommen. Ich habe aber natürlich Respekt vor ihrer Leistung – sie haben sich ihre Vormachtstellung hart erarbeitet.

Morgenpost Online: Der bisher letzte deutsche Tourneesieger sind Sie. Was ist Ihre prägendste Erinnerung an diesen Erfolg?

Hannawald: Das sind mehrere. Es beginnt schon mit dem schönen Wetter, wir hatten traumhafte Bedingungen. Die Zuschauer, die vollen Stadien – es war ein Wahnsinn. Ich wusste, dass ich gut bin, ich wusste, dass mein Material stimmt. Es waren vier geniale, bis auf Innsbruck knappe Wettkämpfe. Es bringt natürlich viel mehr Spaß zu gewinnen, wenn es eng ist. Und dann diese Momente am Ende, als ich es geschafft hatte und meine ganze Familie da war. Meine Schwester traute sich, über die Barriere zu springen, riss meine Mutter und meinen Vater mit. Und natürlich die Verbeugung von Bundestrainer Reinhard Heß – diese Bilder kommen immer wieder hoch.

Morgenpost Online: Nehmen Sie uns doch einmal mit auf die Schanze in Bischofshofen, kurz vor dem letzten Sprung der Vierschanzentournee – wie war das?

Hannawald: Ich wollte oben gar nicht losfahren – aber irgendwie dann doch. Ich dachte: ‚Mist, bekomme ich es noch ein letztes Mal hin?’ Auf der anderen Seite dachte ich: ,Es ist mir jetzt scheißegal, ich spring einfach, wurscht, was dabei heraus kommt.’ Ich war im Zwiespalt.

Morgenpost Online: Wie sehr war diese Tournee denn auch ein Kampf für Sie?

Hannawald: Es war die härteste Arbeit, die ich jemals hinter mich gebracht habe. Von Springen zu Springen wurde die Belastung größer. Das war ein Stress und Druck – das gibt es gar nicht. Deswegen war ich auch wirklich froh, als ich den letzten Sprung hinter mich gebracht hatte.

Morgenpost Online: Sie waren Weltmeister und Olympiasieger. Wo ordnen Sie diesen Tourneesieg ein?

Hannawald: Es war das Highlight meines Sportlerlebens. Diese Tournee war für mich das geilste Erlebnis überhaupt und hat mir alles doppelt wieder gegeben, was ich investiert habe. Was gibt es Schöneres, als in der Sportart, die man von klein auf macht, später im Mittelpunkt zu stehen? Die Tournee stand für mich schon immer ganz oben. Es war ein Traum! Dass ich so etwas erreichen durfte, macht mich stolz und dankbar – auch gegenüber höheren Mächten.

Morgenpost Online: Sie glauben an Gott?

Hannawald: Ja, ich glaube an Gott, muss aber nicht dafür bezahlen oder jeden Tag in die Kirche laufen. Das habe ich so von meiner Familie mitbekommen. Ohne Glauben ist, denke ich, vieles schwierig, man fühlt sich vielleicht allein. Ich glaube, dass das eigene Wesen irgendwo von einer anderen Sphäre geleitet wird.

Morgenpost Online: Hat Ihnen dieser Glaube in der Zeit des Burn-outs geholfen?

Hannawald: Unter anderem natürlich. Wenn du daran glaubst, dass gewisse Dinge vorher bestimmt sind, bist du bereit, einiges durchzustehen. Du hoffst, dass alles den Weg so geht, wie er vielleicht vorherbestimmt ist. Den Weg kann ich ja nicht kennen und wie in einem Buch vorblättern, wohin er führt. Ich war damals so am Ende, dass ich eine neue Aufgabe gar nicht geschafft habe. Ich habe dadurch auch gelernt, mir Zeit zu nehmen, abwarten zu können, und mir Zeiten einzugestehen, in denen ich müde bin. Jetzt kann ich wieder neue Aufgaben angehen.

Morgenpost Online: Als Sie damals mit Ihrer Erkrankung an die Öffentlichkeit gingen, war das Wort „Burn-out“ noch nicht in aller Munde. Heute sieht das anders aus.

Hannawald: In der heutigen Zeit muss man vorsichtig sein. Von denen, die alle den Finger heben und sagen, sie hätten Burn-out, kannst du 50 Prozent abziehen. Man muss aufpassen, dass da nicht einfach Leute auf den Zug aufspringen, um vielleicht eine Ausrede zu haben, um den inneren Schweinehund nicht überwinden zu müssen. Es ist eine ernst zu nehmende Krankheit, die aber auch wieder weg geht. Deswegen rede ich auch darüber. Ich bin ein Beispiel dafür, dass es schwierige Phasen gibt, die du in den meisten Fällen aber durchstehen kannst.

Morgenpost Online: Haben Sie eine Antwort auf die Frage gefunden, warum es gerade Sie getroffen hat?

Hannawald: Ich suche mir nie den Mittelweg, bin ein extremer Typ. Extrem ehrgeizig. Und ich reize gewisse Sachen bis zum Anschlag aus. Es war ein schmaler Grat, den ich gegangen bin – und irgendwann ist es dann vorbei. Ich habe nur noch die Erwartungen und den Stress gefühlt. Das hat mich so ruiniert, dass mein Körper einfach kaputt war. Zu dem Zeitpunkt konnte ich das aber selbst nicht realisieren, weil ich schon so tief drinnen war.

Morgenpost Online: Welche Rolle spielten Selbstzweifel?

Hannawald: Der extreme Ehrgeiz frustriert mich natürlich schnell. Wenn ich gemerkt habe, es geht nicht vorwärts, fing ich an zu zweifeln. In den Zeiten, in denen ich mit mir im Reinen und durch den Ehrgeiz auf einem guten Weg war, hätte neben mir eine Bombe einschlagen können – es hätte mich nicht vom Weg abgebracht. Es gibt kein Zwischendrin, das langweilt mich. Entweder ich hadere extrem mit mir, oder ich bin extrem selbstbewusst und vollbringe Dinge, die mir niemand zutraut.

Morgenpost Online: Kanalisieren Sie Ihren Ehrgeiz jetzt anders?

Hannawald: Der Ehrgeiz ist der gleiche geblieben, aber ich gehe mit dem Leben anders um. Ich sehe nicht nur wie damals Springen, Springen, Springen. Ich lebe auch das andere Leben, dem ich damals abgeschworen hatte.

Morgenpost Online: Weil Sie glaubten, nur so Erfolg zu haben?

Hannawald: Ich hatte das Gefühl, ich habe keine Zeit für Beziehungen, keine Zeit für nichts, lasst mich bitte mit allem in Ruhe, ich bin zu beschäftigt. Es ist natürlich ein relativ monotones Leben, wenn du nur eine Straße entlang fährst. Aber es ging nicht, ich war am Rand. Ich bin nach jedem Wettkampf heim, habe die Jalousien heruntergelassen, mich um meine Sachen gekümmert und lediglich ab und zu die Familie besucht – alles andere gab es nicht. Heute kann noch mal hier ein Termin dazu kommen, dort ein Interview – das stecke ich weg. Ich lebe mein Privatleben, versuche, es mit meiner Freundin so gut wie möglich zu genießen.

Morgenpost Online: Wie einfach ist das?

Hannawald: Manchmal natürlich auch schwierig, weil ich durch den Motorsport viel unterwegs bin. Aber wenn wir zu Hause sind, verbringen wir so viel Zeit wie möglich gemeinsam. Wir gehen ins Kino, fahren in den Urlaub, treffen uns mit Freunden, haben Spaß – das normale Leben. Und wir wollen heiraten. Ich habe gelernt umzuschalten, wenn ich zum Beispiel nach Testfahrten wieder zu Hause bin. Das konnte ich früher nicht, habe es mir nicht zugetraut. Mein Gewissen hätte dann immer gesagt, ich hätte trainieren müssen.

Morgenpost Online: Klingt, als bereuen Sie, wie Sie die Dinge früher angegangen sind.

Hannawald: Ich will nichts von damals ändern. Es war monoton, aber es hat mir Erfolg gebracht. Wenn mir aber jemand gesagt hätte, du kannst alles nebenbei machen und hättest dennoch den gleichen Erfolg gehabt, dann hätte ich sicher eingeschlagen. Jetzt habe ich die Chance, frisch im Skispringen anzufangen.

Morgenpost Online: Wollen Sie doch noch mal...

Hannawald: (lacht) Ach Quatsch, Motorsport meine ich natürlich. Ich gehe da jetzt ganz anders hinein.

Morgenpost Online: Welches Gefühl haben Sie, wenn Sie heute an der Schanze stehen?

Hannawald: Das Unwohlsein hat sich seit zwei Jahren in Luft aufgelöst. Seitdem ich mit dem Motorsport eine neue Aufgabe habe, ist es kein Probleme mehr für mich, über die Vergangenheit zu reden. Vorher habe ich in die Zukunft geblickt und nur Grau gesehen – dann ist es schwierig, über Zeiten, die absolut genial waren, zu reden. Da kamen Wehmut und eine gewisse Traurigkeit auf. Jetzt stehe ich wieder mitten im Leben und bin offener für andere Dinge.

Morgenpost Online: Ist der Motorsport Beruf oder einfach eine Leidenschaft?

Hannawald: Auf jeden Fall eine Leidenschaft, die ich genauso ernst nehme wie damals die Leidenschaft Skispringen. Ich gehe eben nur mit dem Leben anders um. Ich trainiere und will vorwärts kommen, weil ich merke, dass mich das Adrenalin ausgleicht. Und ich möchte mich natürlich nicht vorführen lassen. Wenn ich etwas mache, dann auch richtig. Es ist Hobby, Leidenschaft und Beruf in einem.

Morgenpost Online: Sie wollen heiraten, im Motorsport voran kommen – aber was ist Ihr größter Zukunftstraum?

Hannawald: Ich hatte schon immer einen Wunsch: Irgendwann möchte ich mit meiner Familie und meinen Kindern ein schönes Haus haben und einfach nur leben. Ohne zu schauen, was morgen wird und mir Sorgen machen zu müssen. Das ist natürlich ein Luxus in der heutigen Zeit, aber das ist mein Traum, und der Glaube versetzt Berge. Es muss kein großes Haus sein mit 28 Schlafzimmern und 25 Bädern – auf keinen Fall.

Morgenpost Online: Wie konkret ist denn Ihre Kinderplanung mit Freundin Alena Gerber?

Hannawald: Das lassen wir auf uns zukommen, es gibt keinen Plan. Ich bin jetzt natürlich noch viel unterwegs, und auch Alena hat viel zu tun. Ich möchte nicht, dass mein Kind mit einer Nanny aufwächst; ich möchte Zeit für meine Kinder haben.