Vierschanzentournee

Skisprung-Hoffnung Freitag reizt das Extreme

Richard Freitag ist in die Weltspitze geflogen. Der 20-jährige Skispringer spricht im Interview mit Morgenpost Online über seine Ziele auf und neben der Schanze.

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Auf einmal stand Richard Freitag im Mittelpunkt, über die Feiertage kann er nun endlich „Kraft tanken und runterkommen“, wie er sagt. Der 20 Jahre alte Skispringer ist nach seinem Weltcupsieg in Harrachov/Tschechien der Überraschungsmann des Winters und Hoffnungsträger für die Vierschanzentournee, die am 29. Dezember mit der Qualifikation in Oberstdorf beginnt.

Morgenpost Online: Vierter im Weltcup, ein Springen gewonnen, einmal Zweiter – das könnte doch einen Podestplatz bei der Tournee geben, oder?

Richard Freitag: Ich hatte mir vor der Saison überlegt: ‚Top Ten oder Top 20, was sage ich auf die Frage nach meinem Tourneeziel? Ach komm, machen wir Top Ten draus.’ Ich bleibe dabei und werde mir jetzt keine übergroßen Ziele setzen. Was kommt, nehme ich gerne mit. Ich lasse alles auf mich zukommen, konzentriere mich auf mich und werde versuchen, mein Bestes zu geben. In erster Linie geht es ja um die eigene Zufriedenheit. Was im Resultat dabei heraus kommt, ist eine andere Sache.

Morgenpost Online: Spüren Sie schon die Erwartungshaltung der Deutschen? Das Hoffen auf den nächsten Siegspringer?

Freitag: Ja, das merke ich schon. Wir haben lange dafür trainiert, und es war sicherlich auch mal wieder Zeit, dass wir uns diese gute Ausgangsposition für die Tournee erarbeitet haben.

Morgenpost Online: Was hat Ihr Vater eigentlich nach Ihrem Sieg in Harrachov gesagt? Immerhin hat er genau dort 1983 seinen ersten und einzigen Sieg geholt.

Freitag: Mein Vater hat sich riesig gefreut. Ihm ging es ähnlich wie mir. Für mich war es der erste Weltcup-Sieg, für ihn war es der erste Weltcupsieg seines Sohnes – und dann gelingt mir das ausgerechnet in Harrachov. Er hat nicht damit gerechnet, dass es passiert. Es ist auf jeden Fall ein Traum, der in Erfüllung gegangen ist. Ich habe die ganze Zeit für solch einen Moment trainiert. Dass es dann wirklich einmal klappt, ist eine Bestätigung und irgendwie auch eine Erleichterung. Ich weiß, dass sich meine Arbeit lohnt.

Morgenpost Online: Sie haben diesen Sommer Abitur gemacht, können sich jetzt voll auf den Sport konzentrieren. Inwieweit ist das ein Grund für Ihren Erfolg?

Freitag: Das trägt sicherlich dazu bei. Der Leistungsdruck aus der Schule ist weg, und ich kann mich auf das fokussieren, was ich wirklich aus dem Herzen heraus mache. Mehr Zeit fürs Skispringen zu haben statt immer mit den dicken Büchern herum zu reisen, bringt natürlich Spaß. Aber die Leistungen liegen nicht nur daran, sonst hätte ich meine Schule ja vorher als Ausrede nutzen können.

Morgenpost Online: Ihr Teamkollege Severin Freund studiert. Ist das auch Ihr Plan?

Freitag: Erst mal konzentriere ich mich voll auf das Skispringen. Ab dem 1. Januar bin ich in der Sportfördergruppe der Bundeswehr. Später möchte ich wie mein Vater in den medizinischen Bereich, aber so ein Studium ist leider neben dem Leistungssport nicht möglich.

Morgenpost Online: Welchen sportlichen Wunsch möchten Sie sich vor dem Studium erfüllen?

Freitag: Der Traum ist natürlich eine Medaille bei Olympischen Spielen – welche Farbe und ob im Team oder Einzel, ist erst mal egal. Über andere konkrete Ziele denke ich nicht nach; das erhält mir auch die Lockerheit.

Morgenpost Online: Der frühere Tourneesieger Dieter Thoma lobt Sie , Weltmeister Thomas Morgenstern findet nur positive Worte – was bedeutet Ihnen das?

Freitag: Das nehme ich natürlich sehr gern an. Für mich sind diese Reaktionen auch eine Belohnung und ein Ansporn dafür, so etwas wieder erleben zu wollen.

Morgenpost Online: Dieter Thoma sagte, Sie hätten das Potenzial zum Star.

Freitag: Na, schauen wir mal. Dazu gehört glaube ich noch ein bisschen mehr.

Morgenpost Online: Sind Sie denn der lockere, coole Typ, der gerne lacht? So wirken Sie jedenfalls an der Schanze.

Freitag: Ich denke, das trifft zu. Ich bin eher der lustige, aufgeschlossene Mensch – wenn es nicht so läuft, kann ich aber auch ziemlich verbissen sein, was wohl lange Zeit meine Schwäche war. Ich fange jetzt so langsam an, diese kleineren Schwächen auszumerzen.

Morgenpost Online: Wer ist denn für Sie ein Star im Sport?

Freitag: Beim Skispringen auf jeden Fall jene Top-Leute, deren Erfolge ich selbst noch im Fernsehen miterlebt habe: Sven Hannawald, Martin Schmitt, Janne Ahonen.

Morgenpost Online: Sie waren gerade mal zehn Jahre alt, als Hannawald mit unglaublichen vier Siegen die Vierschanzentournee gewann. Wie haben Sie das erlebt?

Freitag: Ich saß damals vor dem Fernseher und habe mitgefiebert. Das war natürlich ein Riesending. Nach dem ersten Sprung in Bischofshofen begann das große Zittern – schafft er es oder schafft er es nicht? Und dann hat es tatsächlich geklappt. Das war wirklich Wahnsinn. Hannawald, und auch andere Top-Springer waren immer ein Ansporn für mich. Und wenn ich mir jetzt überlege, dass ich selbst schon vorn dabei war und nun zusammen mit den ganz Großen Namen die Tournee springen werde – unglaublich! Das gibt mir sehr viel. In letzter Zeit war aber auch Severin Freund ein Vorbild.

Morgenpost Online: Warum genau? Konnten Sie sich von ihm abschauen, wie er mit dem Trubel umgegangen ist?

Freitag: Ja, da konnte ich mir im vergangenen Jahr einiges abgucken – vor allem seine Lockerheit. Zudem habe ich einige Continentalcup-Springen mit ihm bestritten – ich weiß, wo er herkommt. Zu sehen, dass er es geschafft hat, dass es diese Chance gibt, war gut für mich. Außerhalb des Skispringens beeindruckt mich Sebastian Vettel. Ich kenne ihn leider nicht persönlich, aber er macht immer einen lockeren Eindruck.

Morgenpost Online: Motorsport ist ein beliebtes Hobby bei Skispringern, die es auch in der Freizeit oft extrem mögen. Wie ist das bei Ihnen?

Freitag: Leider kann ich das noch nicht vorweisen, aber so etwas würde mich sehr reizen. Noch bin ich mit der Gitarre unterwegs, versuche mich damit abzulenken und abzuschalten. Nicht, dass ich gut spiele...

Morgenpost Online: Haben Sie Ambitionen, eine Rockband zu gründen?

Freitag: Um Gottes Willen – nein! Dazu bin ich viel zu schlecht. Aber extreme Dinge zu tun, reizt mich. Wahrscheinlich würde ich sonst auch nicht von den Schanzen springen. Im Sommer fahre ich aber zum Beispiel gern Motorrad – einfach mal davonfahren.