Ringer-Bundesliga

Wenn zwei Vereine unbedingt absteigen wollen

Posse in der Ringer-Bundesliga: Zwei Klubs wollen aus finanziellen Gründen absteigen. Das darf allerdings nur einer.

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Frank Stäbler ist der einzige deutsche Ringer, der sich bei der Weltmeisterschaft in Istanbul einen Startplatz für die Olympischen Spiele sichern konnte. In Absprache mit Bundestrainer Jannis Zamanduridis hat sich der 22-jährige WM-Fünfte im griechisch-römischen Stil zu einem Vereinswechsel entschlossen, weil sein Klub TSV Musberg keine Lust mehr auf die Bundesliga hat und absteigen will. Für eine optimale Olympia-Vorbereitung braucht der 66-Kilo-Mann schließlich Herausforderungen auf höchstem Niveau.

Die Leute in Musberg vor den Toren Stuttgarts zeigen Verständnis für Stäblers Plan, den auf dem letzten Platz liegenden Heimverein den Rücken zu kehren. Dabei war dieser mit seinem Teamkollegen erst vor zwei Jahren mit großem Hallo in die Eliteklasse aufgestiegen und so etwas wie der neue Stolz der Gemeinde. Nach einer achtbaren Debütsaison mussten die Schwaben aber im zweiten Jahr erkennen, dass sie trotz ihres Sieggaranten Stäbler, der alle seine Kämpfe gewann, kaum mehr als ein Punktelieferant sind. „Wir strecken und dehnen uns und sehen, aber es reicht nicht“, sagt Stäblers Mutter Michaela, zugleich stellvertretende Abteilungsleiterin im Klub. „Vereine mit einem Etat von einer halben Million Euro können jede Gewichtsklasse mit zwei oder drei Topathleten besetzen, wir nicht.“

Ein 100.000-Euro-Budget ist zu wenig

In der Regel tun es die Großen mit Welt- und Europameistern aus Osteuropa, die zu den Wettkämpfen eingeflogen werden. Das lässt sich in Musberg mit einem Budget von 100.000 Euro nicht stemmen. Aus ähnlichen Gründen hatten sich Anfang 2011 schon der ASV Hof und die KG Frankfurt (Oder)/Eisenhüttenstadt aus dem Oberhaus zurückgezogen.

Ende November beschlossen die Musberger also, den Rückzug aus der ersten Liga anzutreten, den Kader abzuspecken und verstärkt auf den eigenen Nachwuchs zu setzen. Doch so einfach ist dies mit dem Deutschen Ringer-Bund (DRB) nicht zu machen. Der Verband beharrt darauf, den einzigen Absteiger den Regeln entsprechend in zwei Relegationskämpfen zwischen den neuntplazierten Teams aus den Staffeln West und Ost zu ermitteln.


Auch der SV Untergriesbach will absteigen

Und genau das wird zum Problem: Relegations-Gegner SV Untergriesbach hat nämlich dieselben Sorgen wie die Württemberger. Auch in Niederbayern ist man es leid, trotz finanzieller Kraftakte immer nur als Prügelknabe herzuhalten. Der Klassenerhalt ist deshalb unerwünscht. Die irrwitzige Frage vor Hin- und Rückkampf lautete: Nicht wer muss, sondern wer darf absteigen? Der Sieger der Relegation wird letztlich zum Verlierer. Absurder geht’s nicht mehr.

Es scheint, als habe Musberg nach dem 0:36 im Hinkampf den Schwarzen Peter schon in der Hand. Was nach einer Demontage der Hausherren aussieht, war in Wirklichkeit eine Niederlage auf der Waage. Für die Schwaben hat sie ein „G’schmäckle“. Denn bei Untergriesbach startete ein Athlet mit Übergewicht, eine Klasse blieb unbesetzt. „Wir haben alles versucht, aber bis 55 Kilo konnten wir niemand stellen“, rechtfertigte sich SVU-Chef Simon Rott. Fünf Ringer standen für diese Klasse zur Wahl, keiner trat an: Einer war im Urlaub, ein anderer sagte kurzfristig ab. Nummer drei war angeblich verhindert. Ein 14-Jähriger und ein 16-Jähriger trauten sich den Kampf nicht zu. Musbergs Trainer Markus Scheibner fühlt sich verschaukelt, was er auch offen zugab: „Das war schon ziemlich dreist. Wir sind um den sportlichen Abstieg betrogen worden.“


War Manipulation im Spiel?

Der Deutsche Ringerbund hat eine Untersuchung angekündigt. Peter Pimpl, der als DRB-Beobachter angereist war, sprach von einem schwebenden Verfahren und meinte vielsagend: „Es ist keine sportliche Lösung, wenn die Heimmannschaft einen Relegationskampf 0:36 verliert.“ Sollte sich herausstellen, dass Manipulation im Spiel war, erwartet den Verein eine Zwangsversetzung zwei Klassen tiefer und eine Geldstrafe in Höhe bis zu 10.000 Euro.

Ähnlich harte Sanktionen drohen Musberg, sollte beim Rückkampf am Freitag nicht alles mit rechten Dingen zugehen. Um in der Addition beider Kämpfe gleichzuziehen, müssten sich die Musberger ebenfalls mit 0:36 von der Matte fegen lassen. Wie soll das funktionieren? DRB-Vizepräsident Karl Rothmer (Darmstadt) warnt vor Tricksereien: „Sollte ein Verein absichtlich verlieren, wird er angezeigt.“ Der Musberger Staffel bleibt an diesem Abend eigentlich nur die Wahl zwischen Pest und Cholera. Nur Frank Stäbler müsste bei Cholera, sprich Klassenerhalt, den geplanten Wechsel noch einmal überdenken.