Sportlerin des Jahres

"Auf Mädchenkram legte Neuner keinen Wert"

Sandro Brislinger ist der Waffentechniker von Magdalena Neuner. Der 37-Jährige machte aus dem Zitterhändchen eine starke Biathletin.

Sie war das erste Mal bei den Deutschen Meisterschaften 2005 bei mir, damals arbeitete ich noch in meiner alten Werkstatt am Grenzadler. Bundestrainer Uwe Müssiggang stellte mir „die Lena“ vor. Ich habe sie in die Waffenkunde eingeführt und anhand ihrer Nachfragen gleich gemerkt, dass sie viel reifer ist als alle anderen, die mit 18 Jahren zu mir gekommen sind.

Da gibt es verträumte Biathletinnen, die wollen unbedingt ein Blümchen oder ein Sternchen oder irgendein Bildchen auf ihrem Schaft haben, weil sie glauben, dass es ihnen im Schießstand Glück bringt. Die Lena aber legte auf so einen Mädchenkram keinen Wert. Sie fragte mich, warum die Wilhelm , die Henkel und die Glagow so treffsicher sind. Was die an der Waffe haben, wolle sie auch ausprobieren.

Ich hatte wohl nie eine unkompliziertere Sportlerin als die Lena. Sie war immer kooperativ. Da gab es ganz andere Kaliber, die immer wieder glaubten, dass sie mit einigen wenigen Veränderungen an der Waffe ihre Schließleistungen verbessern würden. Der Michi Greis hat das mal sehr treffend als „therapeutisches Basteln“ bezeichnet.

Wenn sie in Oberhof trainierte und mit dem Gewehr bei mir vorbeischaute, haben wir selten etwas verändert. Sie hat von mir in sieben Jahren überhaupt nur zwei Schäfte bekommen. Das lag auch daran, dass sie auf ihre Waffe sehr gut aufgepasst hat. Lena ist eben auch eine hervorragende Skiläuferin. Da gibt es andere, die haben schon fünf, sechs, sieben Schäfte bei Stürzen zerschlissen.

Sie hat sich nicht beirren lassen

Im Stehendanschlag wollte sie mehr Sicherheit bekommen, dafür haben wir im vorletzten Winter den Schaft um ein paar Zentimeter verkürzt, damit die Waffe enger am Körper liegt. Das Problem ist, dass sich dadurch auch das Liegendschießen verändert. Sie hat sich nicht beirren lassen. Es war eine goldrichtige Entscheidung.

Dass sie mittlerweile zur besten deutschen Schützin gereift ist, hat mich nicht überrascht. Wenn wir auf unserem Suhler Friedberg Lehrgänge hatten, konnte sie es mit den besten Sportschützen aufnehmen. Ihre Messergebnisse waren schon immer überragend. Die Lena hat auch im Stehendanschlag die kleineren Scheiben fürs Liegendschießen traumwandlerisch sicher weggeballert.

Ihre angebliche Schießschwäche war anfangs eher ein mentales Problem. Sie glaubte, dass es ihr die Medien einreden wollten, aber sie war immer heiß, den Gegenbeweis anzutreten.

Ihr Motto hieß schon damals: „Euch werde ich es schon zeigen.“

Vom Aufhören spricht die Lena seit zwei Jahren, weil sie sich manchmal von ihren Fans zu sehr bedrängt fühlte. Jetzt, wo ihr Rücktritt feststeht , tut es mir sehr leid. Sie war seit langem unsere Königin des Biathlons. Mit dem Mut, ihren eigenen Weg zu gehen. Wie in der Vorbereitung auf die letzte Saison ihrer Karriere. Und mir ist gar nicht wohl, wenn ich an die Zukunft der deutschen Biathlon-Nationalmannschaft denke. Bei den Männern gibt es zwei Athleten, die im Jugendbereich weltspitze sind, bei den Frauen sehe ich nicht ein Talent, das in naher Zukunft ganz vorne dabei sein könnte.

Sandro Brislinger, 37, ist gelernter Büchsenmacher und seit April 1995 Waffen- und Munitionstechniker der Biathlon-Nationalmannschaft im Range eines Hauptfeldwebels.