Gewichtsverlust

Maria Höfl-Riesch – "Ich wollte gar keine Modelfigur"

Deutschlands beste Skirennläuferin hat sieben Kilo abgenommen – unfreiwillig. Im Morgenpost Online-Interview wehrt sie sich gegen Kritik und schwärmt von Vonn.

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Es war eine arge Schrecksekunde, als Maria Höfl-Riesch am Sonntag im ersten Lauf des Weltcup-Slaloms in Courchevel plötzlich einen Schlag im linken Knie verspürte. Im zweiten Lauf schied die Skirennläuferin dann aus. Vorsorglich ließ sie Montagmorgen eine Kernspin-Untersuchung in München vornehmen. Resultat: Knochenprellung. Möglicherweise kann sie schon Dienstagabend im Nachtslalom in Flachau wieder starten.

Die Malaise ist ein weiterer Rückschlag für die 27 Jahre alte Doppel-Olympiasiegerin in einer Saison, die sich ungewohnt zäh für sie angelassen hat. Nach acht Saisonrennen liegt die Titelverteidigerin im Gesamtweltcup auf Rang acht – für die ehrgeizige Höfl-Riesch nicht gerade zufriedenstellend. Im Interview mit Morgenpost Online kontert sie Kritik am schwächsten Saisonstart seit 2007.

Morgenpost Online: Sie müssen sich Ihren Saisonstart ein wenig anders vorgestellt haben, Frau Höfl-Riesch.

Maria Höfl-Riesch: Ja, durchaus. Die Erwartungshaltung ist nach dem letzten Jahr natürlich groß, auch meine eigene. Mit einem 21. Platz bin ich selber nicht zufrieden. Allerdings war der Saisonstart auch nicht so schlecht, wie ihn manche darstellen wollen. Beim Slalom war ich immerhin Dritte und in Lake Louise in allen drei Rennen nicht weit vom Podest entfernt.

Morgenpost Online: Finden Sie die Erwartungen an Sie ungerechtfertigt hoch?

Höfl-Riesch: Nein, so wie es vorigen Winter gelaufen ist, kann ich die hohen Erwartungen schon verstehen. Ich kenne das ja aus den Jahren zuvor. Aber es klappt eben nicht immer so gut, und die großen Erfolge der letzten drei Jahre haben sehr viel Kraft und Substanz gekostet. Ich habe mich zwar gut vorbereitet, habe hart und viel trainiert – aber das ist keine Garantie, dass es dann auch im Wettkampf immer gut läuft. Die Sportart ist sehr komplex, die Bedingungen sind oft unterschiedlich, und es muss eben alles zusammenpassen. Aber ich versuche immer, mein Bestes zu geben und ärgere mich selber am meisten, wenn es nicht klappt. Ich bin eben auch nur ein Mensch, mir passieren Fehler genauso wie jedem anderen. Und ein Rennen ist nie leicht, auch wenn es für Außenstehende vielleicht so aussieht.

Morgenpost Online: Was hat Ihre Fehleranalyse ergeben?

Höfl-Riesch: Wenn ich jetzt sage, dass in der Vorbereitung nicht alles so optimal gelaufen ist wie im Jahr davor, klingt das doch wie eine Ausrede. Und darüber, dass ich sieben Kilo weniger wiege als letzte Saison, wurde ja auch schon viel diskutiert. Ich habe das ja nicht gemacht, weil ich eine Modelfigur haben wollte. Ich war bei der Heim-WM in Garmisch richtig krank, wollte aber trotzdem unbedingt starten. Das ging aber nur, weil ich Antibiotika genommen habe. Die haben meine Darmflora völlig ruiniert, sodass mir Ärzte geraten haben, meine Ernährung umzustellen. Weil ich einige Lebensmittel einfach nicht mehr vertragen habe. Aber soll ich da von Fehler sprechen? Für einen Start bei der Heim-WM hätte ich alles in Kauf genommen.

Morgenpost Online: War der Gewichtsverlust zu Ihrem Nachteil?

Höfl-Riesch: Diesen Eindruck habe ich eigentlich nicht. Ich fühle mich fit, meine Kraft- und Ausdauerwerte sind gut. Wie gesagt, ich will hier keine Ausreden suchen. Wir müssen einfach schauen, wie die Saison läuft, noch sind es ja mehr als dreißig Rennen, nicht mal ein Fünftel der Saison ist vorüber.

Morgenpost Online: Ihr Vater sagt: „Die Maria schaut fast aus wie ein Model.“ Ist das väterlicher Stolz oder eher väterliche Sorge?

Höfl-Riesch: Wahrscheinlich beides. Aber Eltern machen sich wohl immer als Erstes Sorgen (schmunzelt).

Morgenpost Online: Registrieren Sie als Gesamtweltcupsiegerin eine gewisse Häme in der Beurteilung Ihrer sportlichen Leistungen, jetzt, wo die Erfolge noch ausbleiben?

Höfl-Riesch: Ist das Häme? Ich weiß nicht. Aber natürlich ist mir klar, dass ich kritisiert werde, wenn meine Leistungen nicht so gut sind. Damit muss man als Profisportler leben. Komisch ist nur, dass manche Leute auf einmal meinen, ich würde neben dem Sport zu viel anderes machen. Vorigen Winter, als ich viel mehr gemacht habe, haben sie noch gesagt: „Mensch, toll, wie die Maria das alles schafft und wegsteckt.“ Und jetzt läuft es nicht optimal, und nun soll das schuld daran sein? Dabei mache ich viel weniger als andere, aber die Aufmerksamkeit ist bei mir eben einfach sehr groß. Die letzten sechs Monate war ich auf einem einzigen Event, dem Laureus, und lese trotzdem Aussagen, wonach ich auf vielen Galas wäre. Dabei habe ich sogar die Ehrung zum Sportler des Jahres abgesagt, um mich voll auf die anstehenden Rennen zu konzentrieren.

Morgenpost Online: Wenn man Ihnen in den vergangenen Monaten so zugehört hat, konnte man den Eindruck bekommen, Sie hätten eine neue Welt abseits der Berge erst durch Ihren Mann kennengelernt: New York, High Heels, die Guttenbergs, „People“-Magazin-Interviews. Stellen Sie fest, dass diese neue Welt Sie von Ihrem Kerngeschäft ablenkt?

Höfl-Riesch: Nein. Überhaupt nicht. Ich bin viel zu zielstrebig und ehrgeizig, als dass ich mich von anderen Dingen ablenken lasse. Wobei es ab und zu ja nicht schlecht ist, Ablenkung zu haben – zum richtigen Zeitpunkt. Mir tut es jedenfalls gut, vor allem, um den Kopf mal frei zu bekommen. Sich 24 Stunden am Tag nur auf Sport zu konzentrieren, das kann nicht gut sein.

Morgenpost Online: Vor dem Wochenende in Courchevel lagen Sie 331 Punkte hinter Platz eins zurück. Wie intensiv denken Sie noch an den Gesamtweltcup und ?wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass Sie sich mangels Perspektive auf einen Disziplinenweltcup konzentrieren werden?

Höfl-Riesch: Mit dem Thema Gesamtweltcup habe ich mich zu dieser Zeit auch in den Jahren vorher noch nie beschäftigt. Das wurde doch eher durch einige Medien an mich herangetragen, die im Dezember immer schon wissen wollten, ob ich es schaffe. Momentan ist der Gesamtweltcup in weiter Ferne . Ich versuche einfach, meine Form zu finden. Und derzeit ist Lindsey Vonn eh so stark, dass sich niemand außer ihr mit diesem Thema auseinandersetzen muss (lacht). Es wird schwer, sie zu schlagen.

Morgenpost Online: Vor allem in den Speed-Disziplinen scheint derzeit kein Kraut gewachsen gegen Vonn. Obwohl Sie beispielsweise vorigen Winter in der Abfahrtswertung Zweite waren, sind Ihre Abstände beträchtlich.

Höfl-Riesch: Das stimmt. In der Abfahrt ist sie momentan eine Klasse für sich. Bei ihr passt gerade alles perfekt zusammen: skifahrerisch, materialmäßig, aber auch die Trennung von ihrem Mann scheint sie regelrecht zu beflügeln.

Morgenpost Online: Wie meinen Sie das?

Höfl-Riesch: So hart wie dieser Einschnitt in ihrem Leben sein muss – auf gewisse Art und Weise scheint die Trennung wie eine Befreiung auf Lindsey zu wirken. Man kann nur den Hut ziehen, wie stark sie momentan fährt.

Morgenpost Online: Sie und Vonn kennen sich schon aus Jugendzeiten, haben einen ähnlichen Aufstieg geschafft, um Siege und den Gesamtweltcup rivalisiert. Ihre Freundschaft war zuletzt atmosphärischen Störungen unterworfen. Wie würden Sie Ihr Verhältnis heute, nach Ihrer gemeinsamen Aussprache in Lake Louise , beschreiben?

Höfl-Riesch: Es ist einfach eine Freundschaft. Das Thema „beste Freundin“ wurde medial ein wenig aufgebauscht. Denn wenn man sich das halbe Jahr nicht sieht, kann es ja kaum so sein. Aber uns verbindet sehr viel, wir haben im Grunde dasselbe Leben. Ich bin jedenfalls froh, dass alles aus der Welt ist und wir uns wieder gut verstehen.

Morgenpost Online: Vonn hat als Grund für die Distanz zuletzt zwischen sich und Ihnen gemutmaßt: „Wir sind wohl beide erwachsen geworden.“ Was haben Sie über sich gelernt in dieser Zeit?

Höfl-Riesch: Anfangs dachte ich, die Lindsey hat sich zu sehr verändert, und dass es in dieser Konkurrenzsituation, wie bei uns beiden, wohl keine wahre Freundschaft geben kann. Aber nach unserer Aussprache muss ich das teilweise revidieren. Ihr Mann Thomas hat, denke ich, einen sehr großen Einfluss auf sie gehabt, was wohl auch ein Grund dafür war, dass es im Frühjahr so gekracht hat zwischen uns.