Kolumne "Nachspielzeit"

Hoffenheims dämliche Spieler und undankbare Fans

Was vom 17. Spieltag übrig bleibt: 1899-Trainer Stanislawski beschimpft sein Team. Der Torwart pöbelt gegen die eigenen Fans. Hoffenheim ist im Ausnahmezustand.

In eindrucksvoller Weise ist es 1899 Hoffenheim gelungen, eine unbefriedigende Hinrunde mit einem beispiellosen Frusterlebnis standesgemäß abzuschließen. "Wir sind einfach zu dämlich", schimpfte Holger Stanislawski nach Herthas sehr spätem 1:1-Ausgleich durch den Berliner Abwehrspezialisten Roman Hubnik in der Nachspielzeit.

Zum dritten Mal in Folge verspielte Stanislawskis Team vor eigenem Publikum in der Schlussphase eine 1:0-Führung (Salihovic, 17. Minute). Gegen den 1. FC Kaiserslautern war es in der 73., gegen den SC Freiburg in der 90. Minute. Sechs Punkte blieben auf diese Weise auf der Strecke.

Mit 22 Zählern und 19:19 Toren liegt der Klub des Milliardärs Dietmar Hopp auf Platz neun in der Tabelle. Mehr Durchschnitt im Bundesliga-Niemandsland geht nicht.

Zur Saison-Halbzeit steht 1899 so schlecht wie noch nie nach einem 17. Spieltag in der Bundesliga da. Und im Frühjahr setzt bei Hoffenheim fast schon traditionell ein Abwärtstrend ein.

Auch in der Saison 2008/2009 nach dem Aufstieg, als das vom Ralf Rangnick trainierte Team die Liga einen Herbst lang mit temporeichen Systemfußball beherrschte, Borussia Dortmund (4:1) und den Hamburger SV (3:0) an die Wand spielte und an der Tabellenspitze überwinterte, folgte der Absturz auf Platz sieben.

Vedad Ibisevic, der in 17 Spielen 18 Tore geschossen hatte, zog sich damals wenige Tage vor Rückrundenbeginn einen Kreuzbandriss zu. Im Grunde war die schwere Knieverletzung des bosnischen Torjägers der Anfang vom Ende eines verheißungsvollen Projekts.

Strenger Sparkus


2009 summierten sich teure Fehleinkäufe (Ex-Nationaltorwart Timo Hildebrand, Franco Zuculini, Maicosuel). Manager Jan Schindelmeiser zog sich im Sommer 2010 zurück.

Mäzen Hopp, der mit fast eine Viertel Milliarde Euro aus dem Provinz- einen Bundesliga-Verein gezüchtet hatte, verordnete dem Klub einen strengen Sparkurs. Zwischen 2007 und 2010 verzeichneten die Kraichgauer einen Verlust von 95 Millionen Euro, das Transferminus betrug im gleichen Zeitraum mehr als 46 Millionen Euro.

Mit dem Bayern-Transfer (17 Mio.) von Luiz Gustavo, dem Abgang des zweiten zentralen Mittelfeldspieler nach Carlos Eduardo, der für 20 Millionen Euro zu Rubin Kasan wechselte, provozierte Hopp vor einem Jahr den Rücktritt Ralf Rangnicks, der den Klub 2006 in der Dritten Liga übernommen hatte. In der turbulenten Winterpause erstreikte sich anschließend Torjäger Demba Ba einen Wechsel in die Premier League zu West Ham United.

Der neue Trainer Marco Pezzaiuoli erhielt überraschenderweise eine Anstellung über dreieinhalb Jahre. Der Bundesliga-Neuling hielt sich nicht einmal dreieinhalb Monate, im April einigte man sich auf eine Vertragsauflösung zum Saisonende.

Kapituliert Stanislawski?

Den Niedergang im Kraichgau sollte Stanislawski stoppen. Allerdings scheint die Spieler- und Trainerlegende des FC St. Pauli nach gerade einmal 17 Spielen zu kapitulieren.

"Da bin ich mittlerweile der falsche Ansprechpartner, da müssen Sie die Jungs fragen", sagte der Trainer nach der Enttäuschung gegen Hertha BSC und distanzierte sich abermals von seinen eigenen Spielern. "Wir machen Fehler nicht nur einmal, wir machen sie ein zweites Mal, ein drittes Mal, ein viertes Mal und teilweise fünfmal im Spiel. Und versuchen es das sechste und siebte Mal trotzdem genauso wieder zu machen. Das ist schon große Kunst, dass wir das so hinkriegen."

Stanislawski gehen allmählich die Mittel aus. Auf die erste öffentliche Abrechnung mit seinem Team nach dem Unentschieden gegen Kaiserslautern folgte die Suspendierung von Chinedu Obasi und Roberto Firmino nach der Punkteteilung gegen Freiburg.

Dass die Nerven blank liegen bei 1899, offenbart Tom Starke, der sich nach dem Remis gegen Berlin auf eine gewagte Konfrontation einlässt. "In meinen Augen sind das keine Fans, sondern neutrale Zuschauer, die 24 Tore sehen wollen", kritisierte der Torhüter die Besucher, die schon beim Stand von 1:0 die Gastgeber auspfiffen. "Du musst hier 5:0 gewinnen, dann stehen die Zuschauer auf und klatschen."

Das dritte 1:1 in Folge vor eigenem Publikum sahen 25.550 Menschen. Nie zuvor waren so wenig Zuschauer bei einem Hoffenheimer Bundesliga-Heimspiel.

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