Dreierpack

Matchwinner Raul will bleiben – doch Schalke zögert

Am Ende eines turbulenten Jahres hat Schalke 04 wieder eine Perspektive. In der Winterpause will Manager Horst Heldt mit Superstar Raul verhandeln.

Eine Premiere war es nicht, aber als Ehre hat er seinen Ausflug in die Nordkurve trotzdem empfunden. „Ich habe ein typisches Schalke-Lied gesungen“, sagte Raul, nachdem er gemeinsam mit den Fans einen Triumphgesang angestimmt hatte. Zum zweiten Mal war auf den Zaun gerufen worden. Doch was er konkret gesungen hatte, konnte der frühere Weltstar von Real Madrid freilich nicht sagen. „Ganz ehrlich: Ich habe nur die Melodie mitgesungen“, sagte er lächelnd. Eine verzeihliche Sünde für die Anhänger, schließlich hatte sich Raul mit seinen drei Toren beim 5:0 (2:0) über Werder Bremen noch tiefer in ihre Herzen gespielt.

Es war ohnehin ein Abend voller Symbolik gewesen: Nach seinem entscheidenden 3:0 in der 63. Minute rannte Raul an die Seitenauslinie, ließ sich auf den Boden fallen und schlug sich mit der rechten Hand auf das Vereinswappen auf seinem Trikot.

Rauls Liebeserklärung


Die Begründung dieser Geste kam einer Liebeserklärung gleich. „Ich habe das getan, weil ich sehr glücklich bin“, sagte der Stürmer, dessen Leistungen in seinem zweiten Jahr auf Schalke noch stabiler sind als in der vergangenen Saison. Auf beinah rührselige Art bedankte er sich bei den Fans: „Für mich war es ein großer Schritt, von Madrid nach Schalke zu kommen. Es ist wunderbar, hier Fußball zu spielen. Die Leute sind so liebevoll, so respektvoll zu mir. Das hätte ich nie erwartet.“

Am Ende eines turbulenten Jahres mit dem Erreichen des Halbfinales der Champions League, dem DFB-Pokalsieg, aber auch zwei schmerzhaften Trainerwechseln und Diskussionen um die generelle Ausrichtung des verschuldeten Traditionsvereins hat Schalke wieder eine Perspektive. Die Mannschaft, die in den vergangenen drei Jahren eine enorme personelle Fluktuation über sich ergehen lassen musste, hat sich gefunden und liefert stabile Leistungen ab, die sie bis auf drei Punkte an Spitzenreiter Bayern München heran gebracht hat.


Heldt lag richtig

Doch davon, ein Titelanwärter zu sein, wollen die Schalker nichts wissen – ein wesentlicher Unterschied zur Vergangenheit. „Uns hat bisher keiner auf der Rechnung gehabt. Das kann auch gern so bleiben“, sagt Manager Horst Heldt, der für sich Anspruch nehmen kann, mit einer schwierigen, aber für die aktuelle Erfolgswelle wegweisenden Entscheidung richtig gelegen zu haben. Als er Ende September nach der Burn-out-Erkrankung von Ralf Rangnick wieder einen Trainer suchen musste, kam er auf Huub Stevens.

Der 58-jährige Niederländer, der im Ruf stand, einen konservativeren Stil als Rangnick zu bevorzugen, wurde skeptisch aufgenommen. Doch er stellte sich dank seiner Erfahrung schnell als ein Trainer heraus, der aus einem zwar mit guten Individualisten gespickten, aber von der Leistungsstärke nicht ausbalancierten Kader eine Mannschaft formen konnte. Stevens ist mehr als eine Verlegenheitslösung. Mit Geschick und Sensibilität ging er daran, das Spiel zu optimieren. Seit seiner Umstellung auf ein 4-4-2-System mit einer Raute im Mittelfeld kann Schalke – wie am Samstag – sogar mit den zwei Spitzen Klaas-Jan Huntelaar (15 Saisontreffer) und Teemu Pukki (3) sowie Raul (10) dahinter sein Offensivpotenzial voll ausschöpfen.



Der Schlüssel dabei ist Stevens Überzeugung, die Profis nicht in enges taktisches Konzept zu zwingen. „Ich lasse keinen Spieler gegen seine Natur spielen“, sagt er. So spielt Raul, was er die ganzen Jahre bei Real Madrid gespielt hat: eine hängende Spitze, weitgehend befreit von Defensivaufgaben. Dafür gebe es andere Spieler, findet Stevens.

Es ist auch der Pragmatismus des Trainers, der die Hoffnung nährt, auf Schalke könne endlich Kontinuität Einzug halten. „Wir wollen definitiv mit Huub Stevens arbeiten. Wir sind sehr, sehr glücklich“, bekräftigte Heldt die feste Absicht, die Zukunft mit Stevens zu bestreiten: „Er hat einen Vertrag bis 2013, und den wollen wir selbstverständlich erfüllen.“

Die Diskussionen über eine angebliche Ausstiegsklausel im kommenden Sommer sind müßig. Ein Blick in die Vita des Limburgers zeigt: Immer wenn Stevens das Gefühl hatte, wirklich nichts mehr bewegen zu können, ist er stets von selbst gegangen.

Etwas schwieriger könnte sich jedoch der Fall Raul gestalten. Der Vertrag des Spaniers läuft zum Saisonende aus. „Wir wollen mit ihm verlängern“, bekräftigte Heldt. In der Winterpause sollen entsprechende Gespräche aufgenommen werden. Der Ausgang ist offen. Raul soll bislang sieben Millionen Euro pro Jahr verdienen, wovon Real Madrid zwei Millionen besteuert. Ab Juli müssten ihn die Schalker allein bezahlen.

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