Lucien Favre

"Meine Philosophie würde auch zu Bayern passen"

Borussia Mönchengladbaches Trainer Lucien Favre erklärt im Interview mit Morgenpost Online, warum er sich jetzt reif für einen Klub fühlt, bei dem Titel Pflicht sind.

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Sie rufen ihn „Hennes“, in Anlehnung an den legendären Weisweiler. Lucien Favre, 54, hat Mönchengladbach nicht nur den schönen Fußball zurückgebracht, die Borussia ist unter dem Schweizer Trainer auch erfolgreich wie lange nicht. In bislang 30 Spielen unter seiner Leitung kassierte sie nur zweimal zwei Gegentore und niemals mehr.

Morgenpost Online: Herr Favre, was erstaunt Sie mehr: Dass Sie nun schon fast ein Jahr Trainer von Borussia Mönchengladbach sind, oder die Entwicklung, die Ihre Mannschaft seitdem genommen hat?

Lucien Favre: Ja, die Zeit vergeht schnell. Aber wir haben sie bis jetzt optimal genutzt. Die Mannschaft hat hervorragend gearbeitet. Jetzt haben wir noch zwei Spiele, gegen Mainz und gegen Schalke im Pokal. Beide sind enorm wichtig.

Morgenpost Online: Vom Fast-Absteiger zum Fast-Herbstmeister – was geht noch besser?

Favre: Glauben Sie mir: Wir rufen 100 Prozent unserer Qualität ab.

Morgenpost Online: Das sagt ein Perfektionist wie Sie?

Favre: Bremen und Köln waren das Optimum, Leverkusen war nahe dran. Aber wir haben auch Spiele, die nicht so gut sind.

Morgenpost Online: Wie reizvoll ist es für Sie, die Borussia wieder langfristig in der nationalen Spitze zu etablieren und nicht nur eine Halbserie lang?

Favre: Mein Plan geht von jetzt bis Weihnachten und danach bis Juni. Weiter denke ich nicht.

Morgenpost Online: Warum nicht?

Favre: Ich will als Trainer nicht mehr langfristig denken. Ich bin da, um mein Bestes zu geben und Ergebnisse zu erreichen; und ich habe schon viel erreicht. Ich habe jetzt mehr Erfahrung: Es ist in Deutschland schwer, langfristig zu denken.

Morgenpost Online: Woran machen Sie das fest?

Favre: An der Realität. Deutschland hat alles, super Spieler, tolle Stadien, seriöse Vereine. Es fehlt nur eines: Kontinuität bei den Trainern. Im Schnitt bleiben sie nur etwa ein Jahr im Amt. Damit fehlt oft eine Philosophie vom Nachwuchs bis zu den Profis.

Morgenpost Online: Ist es da nicht umso reizvoller, eben eine solche Philosophie in Mönchengladbach zu entwickeln?

Favre: Borussia will mehr Kontinuität, das weiß ich. Bevor ich kam, hat der Klub in zwölf Jahren elf Trainer gehabt.

Morgenpost Online: Zu Ihrer Berliner Zeit spielte Hertha BSC den schnellsten Fußball der Liga. Zwischen Ballannahme und Abspiel lag zum Teil weniger als eine Sekunde. Wie hat sich das entwickelt, seit Sie Trainer der Borussia sind?

Favre: Wir arbeiten fast jeden Tag an Technik und Bewegung der Spieler. 99 Prozent des Trainings finden mit dem Ball statt. Aber Sie brauchen auch Spieler, die verstehen, was ich fordere.

Morgenpost Online: Was ist das?

Favre: Spielintelligenz. Schnelligkeit im Kopf und in den Beinen, mit und ohne Ball. Und beidfüßig müssen sie sein; nur ein starker Fuß genügt nicht mehr. Nur wer schnell ist und schnell das Spiel lesen und antizipieren kann, kann heutzutage Fußballer sein. Alle anderen sollten sich einen anderen Job suchen.

Morgenpost Online: Die Herbstmeisterschaft hat Mönchengladbach verpasst. Kam Ihnen das 0:1 in Augsburg vielleicht gar nicht ganz unrecht?

Favre: Ich verstehe Ihre Frage gut. Das Wunder findet schon statt, es hält auch an – trotzdem müssen wir am Boden bleiben. Wir dürfen nicht vergessen, wo wir herkommen. Als wir am 15. April das letzte Mal gegen Mainz gespielt und 0:1 verloren haben, waren wir noch Letzter in der Tabelle. Und wir spielen mit der genau gleichen Mannschaft wie damals.

Morgenpost Online: Aber inzwischen schwärmen Zeitungen von „Borussia Barcelona“.

Favre: Das war im „Guardian“, natürlich macht mich das stolz. Aber es kann schnell gehen. Eine Mannschaft kann das Gleichgewicht leicht verlieren.

Morgenpost Online: Sehen Sie diese Gefahr im Moment?

Favre: Nein, überhaupt nicht. Wir sind gefestigt, es ist schwer, gegen uns zu spielen. Sorgen mache ich mir nicht, aber ich bin trotzdem immer sehr vorsichtig – weil unsere Situation vor fünf Monaten auch kein Zufall war. Das Messer steckte uns schon im Hals, der Klassenerhalt war auch ein Wunder.

Morgenpost Online: Am Abend Ihrer Rückreise von Augsburg fand in Madrid der Clásico statt. Ihr Urteil?

Favre: Nach unserer Niederlage war es für mich ein kleiner Trost, dass Barca gegen Real gewonnen hat. Schon als ich noch Spieler war, war die Spielphilosophie von Barca und vor allem von Johan Cruyff auch meine Philosophie: viel Ballbesitz, schnelle Kombinationen.

Morgenpost Online: Ist Trainer Pep Guardiola der moderne Cruyff?

Favre: Er war sein Spieler, die Nummer Sechs vor der Abwehr. Aber vor allem war er ein fantastisch intelligenter Fußballer. Guardiola hat Cruyffs Philosophie perfekt verstanden.

Morgenpost Online: Lässt sich Barca kopieren?

Favre: Ein Trainer muss sich an seine Spieler anpassen. Barca zu kopieren, ist total unmöglich. Keine Mannschaft ist wie sie, sie sind einmalig.

Morgenpost Online: Gestatten Sie trotzdem die Frage: Ist Mönchengladbach auf einer Position sogar besser als Barcelona – im Tor?

Favre: (lacht) Wir haben einen Supertorhüter, das ist klar. Marc-Andre ter Stegen ist hervorragend, er spielt konstant und er hat eine schöne Zukunft vor sich. Aber er hat noch immer erst ein bisschen mehr als eine Handvoll Meisterschaftsspiele gemacht. Er ist jung – aber er ist sehr, sehr gut (lächelt).

Morgenpost Online: Sehr jung, sehr gut – das ist auch Marco Reus . Nervt es Sie, dass es zuletzt hieß, Mönchengladbach könne ohne ihn nicht gewinnen?

Favre: Wir können ihn natürlich nicht so einfach ersetzen. Er ist enorm wichtig; ohne Reus wäre es für jede Mannschaft schwieriger. Wenn dein offensiv bester Spieler fehlt, macht das viel aus. Spielt Barca gegen Real ohne Messi, haben sie es auch schwerer.

Morgenpost Online: Welches Fußballspiel kam Ihrer Idealvorstellung zuletzt am nächsten?

Favre: Mein Lieblingsspiel war vor ein paar Monaten das Champions-League-Finale Barca gegen Manchester United. Aber ich schwärme auch für Brasiliens Nationalmannschaft der 70er-Jahre. Das WM-Endspiel 1970 gegen Italien war mein Erweckungserlebnis. Ich war zwölf Jahre alt – und sprachlos. Es war fantastisch.

Morgenpost Online: Brasiliens Star der 80er-Jahre, Socrates, ist kürzlich verstorben.

Favre: Ich bedauere das sehr. Ich habe eine tolle Erinnerung an ihn. Soll ich Ihnen erzählen, wie wir im Mai 1982, kurz vor der WM, mit der Schweizer Nationalmannschaft von Rio zu einem Testspiel nach Recife geflogen sind?

Morgenpost Online: Unbedingt!

Favre: Mit an Bord waren auch die Brasilianer, auf dem Rückflug genauso. Wir haben 1:1 gespielt, aber sie haben ein Fest veranstaltet. Vor allem Socrates. Er stand im Mittelgang, er hat geraucht wie ein Kamin, das war damals ja noch erlaubt. Er hat getanzt, und er hat getrunken, Bier auf Bier auf Bier. Und auf den Dosen hat er im Sambarhythmus getrommelt.

Morgenpost Online: Haben Sie mitgetanzt?

Favre: Nein (lacht), aber es war super, das zu sehen, sehr sympathisch. Ein toller Fußballer und ein toller Mensch. Ich werde diese Begegnung nicht vergessen.

Morgenpost Online: Ihre Erfolge mit der Borussia werden genau wahrgenommen. Auch beim FC Bayern soll man Sie intern sehr gelobt haben. Wäre ein Klub für Sie reizvoll, bei dem Titel Pflicht sind?

Favre: Für mich wäre es kein Problem, wenn einmal ein Verein sagt: Herr Favre, wir verpflichten Sie, damit Sie den Titel gewinnen. Ich würde das akzeptieren.

Morgenpost Online: So selbstsicher waren Sie nicht immer.

Favre: Ich galt als Trainer für langfristige Aufgaben. In Gladbach habe ich bewiesen, dass ich auch ein Feuerwehrmann sein kann. Was ich damit sagen will: Du bist als Trainer entweder gut oder du bist nicht gut. Ich denke, ich bin gut. Punkt.

Morgenpost Online: Konkret gefragt: Würde Ihre Philosophie zu der des FC Bayern passen, fertige Stars zu Erfolgen zu führen?

Favre: Warum nicht? Es ist klar, dass ich bei einem solchen Klub anders arbeiten müsste als jetzt in Gladbach.

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