Bayer Leverkusen

Ballack zum Abschied noch mal gegen die Besten

Den 35-jährigen Michael Ballack erinnert das Los FC Barcelona an schicksalhafte Momente seiner Karriere. Es wird wohl sein letzter Auftritt in der Königsklasse.

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So wünscht man sich das, so soll eine Karriere enden, so in etwa hat sich Michael Ballack das wohl auch vorgestellt, als er sich gegen alle Widrigkeiten noch einmal durchgebissen hat bei Bayer Leverkusen. Der beste deutsche Fußballspieler seiner Generation bekommt auf seine alten Tage noch einmal den ganz großen Auftritt geschenkt. Wie die Auslosung des Champions-League-Achtelfinals am Freitag ergab, treffen Ballack und der Werksklub auf den Titelverteidiger, die stilprägende Mannschaft dieser Zeit, auf Messi, Xavi und Iniesta – Bayer spielt gegen den FC Barcelona .

Selbst einem altgedienten Fußball-Weisen wie Manager Rudi Völler fiel es angesichts dieses Loses schwer, staatsmännisch zu bleiben. „Das ist der ganz große Favorit und der Top-Klub der Welt“, jubilierte er am Ort der Ziehung in Nyon (Schweiz). „Für unsere jungen Spieler und für unsere Zuschauer ist das ein absolutes Highlight.“ In der Sprache seiner jungen Spieler twitterte Nationalstürmer André Schürrle seine Freude in die Welt: „Was ein Hammer-Los ;)) Leute, das wird einfach nur geil!!!“

Tatsächlich hätte es Leverkusen kaum besser erwischen können. Den Wettbewerb wird das Team von Trainer Robin Dutt ja ohnehin kaum gewinnen, und dann doch lieber in einem Spiel ausscheiden, auf das die ganze Welt blickt. „Als Spieler und Trainer wünscht man sich ein ganzes Fußballerleben, sich mit den Besten messen zu dürfen“, sagte Dutt. Natürlich gehört es dabei zu seinem Job, sich nicht kampflos geschlagen zu geben: „Barcelona hat von 16 Ligaspielen fünf nicht gewonnen, diese Spiele werden wir uns genau anschauen.“ Doch „der Druck ist ganz klein“, wie Völler erklärte, „wir sind krasser Außenseiter“. Zumal Barcelona in der Königsklasse sein höchstes Niveau zu erreichen pflegt und Bayer, Stand jetzt, noch etliche Baustellen im Team hat, darf mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit prognostiziert werden: Mit dem Rückspiel im Camp Nou am 7. März 2012 wird die Champions-League-Saison der Leverkusener zu Ende gehen.


Ballack nach England oder in die USA?

Und damit wohl auch die internationale Karriere von Michael Ballack. „Auch für ihn ist das noch mal ein Höhepunkt“, sagte Völler. Deutlich wie nie hatte der Sportdirektor zuvor erklärt, dass sich die gemeinsamen Wege mit Ballacks Vertragsablauf zu Saisonende offenbar trennen. „Im Moment ist die Tendenz so, dass es nur bis zum Sommer geht“. Danach dürfte Ballacks Laufbahn noch weitergehen, doch auch in der Champions League? Der „Capitano“ ist jetzt 35. Von allen Destinationen, die zuletzt durch die Gerüchteküche wanderten, verspricht bloß Tottenham Hotspur die Chance auf europäischen Spitzenfußball. Ansonsten werden Mittelklasse-Klubs der Premier League gehandelt, zu denen es Ballack aufgrund seiner Sympathie für den englischen Fußball ziehen könnte. Oder die USA – wo es mit alten Kumpels wie Torsten Frings und alten Gegnern wie Thierry Henry deutlich entspannter zugehen dürfte.

Fürs erste darf sich Ballack jedenfalls in seiner Entscheidung bestätigt fühlen, nicht schon im Sommer gegangen zu sein, etwa zum VfL Wolfsburg. Nach einem glücklosen Saisonbeginn als Ersatzspieler und allerlei unausgesprochenen Händeln mit Dutt hat der Sachse sich zum Mittelpunkt des Leverkusener Spiels entwickelt. Seiner Präsenz ist es wesentlich zu verdanken, dass Bayer in der Champions League noch dabei ist. Fußball mit Ballack ist selten hübsch anzuschauen, aber seine viel beschworene mentale Stärke inspirierte Leverkusen in den Schlüsselspielen zu erfolgreichen Brechstangen-Comebacks gegen Valencia und Chelsea (jeweils 2:1).


Bayern gab ihn 2004 nicht frei

Wenn es jetzt gegen Barcelona geht, dann kommen auch die Erinnerungen hoch an einige Schlüsselmomente in Ballacks großer und doch so seltsam zweideutiger Karriere – einer Karriere, die trotz vieler Erfolge für immer die Frage hinterlassen wird: Hätte sie nicht noch größer sein können? Beispielsweise, wenn er im Sommer 2004 nach Katalonien gewechselt wäre. Ballack wollte, Barça auch, doch sein damaliger Klub, der FC Bayern, gab ihn nicht frei. Für Ballack, der sich 2002 ausgerechnet in einer Periode des Niedergangs an die Bayern gebunden hatte, war es eine verpasste Chance zur Kurskorrektur: Während in Barcelona unter Trainer Frank Rijkaard das famose Team um Ronaldinho heranreifte, das 2006 die Champions League gewann, hechelten die Münchner der internationalen Spitze auch in den folgenden Jahren weit hinterher.

Ballack wechselte deshalb nach der WM 2006 zum FC Chelsea. Terry, Lampard, Drogba, Trainer Mourinho und Mäzen Abramowitsch – in diesem Umfeld schien es bloß eine Frage der Zeit, bis sich seine Obsession nach Europas Krone erfüllen würde, die spätestens seit der unglücklichen Final-Niederlage 2002 mit Leverkusen gegen Real Madrid (1:2) in ihm loderte. 2008 erreichte Chelsea das Finale gegen Manchester United, verlor er es aber trotz einer dominanten Vorstellung Ballacks im Elfmeterschießen. 2009 dann wirkte Chelsea, inzwischen unter Guus Hiddink, noch stärker, noch entschlossener. Im Halbfinale kam es zum Duell mit dem im ersten Jahr von Pep Guardiola trainierten Barça.


Iniesta traf in der Nachspielzeit

Bis heute hat keine Mannschaft mehr dieses Barcelona so virtuos am Spielen gehindert wie Chelsea damals. Doch nach einem 0:0 auswärts, langer 1:0-Führung und einigen vermeintlichen, aber nicht gegebenen Elfmetern für die Londoner im Rückspiel markierte Andrés Iniesta in der 93. Minute das 1:1, mit dem Barça ins Finale einzog. Eines der denkwürdigsten Spiele der Europacup-Geschichte hat viele berühmte Bilder hinterlassen – zuvorderst jenes von einem Leitwolf außer Rand und Band: Wie Ballack, alle Anspannung in grenzenlose Wut verwandelt, den norwegischen Schiedsrichter Övrebö niederbrüllt.

So dramatisch wird es diesmal wohl nicht enden, so ein titanischer Kampf wohl nicht werden. Aber Michael Ballack wird noch einmal gegen Barcelona spielen. Und er wird sich nicht geschlagen geben, bis der letzte Pfiff ertönt.

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