Skispringer Ammann

"Ich habe gegen Roger Federer im Tennis gewonnen"

Skisprung-Olympiasieger Simon Ammann spricht im Interview mit Morgenpost Online über sein letztes großes Ziel – den Triumph bei der Vierschanzentournee.

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Simon Ammann war nach der vergangenen Saison nicht sicher: Sollte er seine Karriere beenden? Während zwei Größen des Skispringens aufhörten, Janne Ahonen aus Finnland und der Pole Adam Malysz, entschied sich der viermalige Olympiasieger und zweimalige Weltmeister aus der Schweiz dagegen.

Bisher läuft es noch nicht perfekt, aber es wäre falsch, Simon Ammann abzuschreiben. Am Wochenende wird er beim Weltcup in Engelberg von seinen Landsleuten unterstützt.

Morgenpost Online: Herr Ammann, Sie sind im Sommer 30 Jahre alt geworden. Gab es eine große Party – oder mussten Sie einmal tief durchatmen?

Simon Ammann: Nein, nein – ich habe ein schönes Fest mit guten Freunden gemacht, und wir haben es genossen. Ich habe zu Hause bei meinen Eltern gefeiert, wir improvisieren da immer. Die Menschen, die kommen, sind das Wichtigste. Ich hatte dieses Jahr viel mehr Zeit für solche Dinge, das schätze ich sehr – und ich hatte es mir fest vorgenommen. Ich brauchte ein bisschen Zeit für meine Frau, meine Familie und meine Freunde. Du musst höllisch aufpassen, dass genügend Raum dafür bleibt.

Morgenpost Online: Wie alt fühlen Sie sich?

Ammann: Manchmal ganz jung, wenn ich wirklich gut drauf bin. Dann habe ich das Gefühl, ich könnte die Welt verändern. Und du veränderst schon viel, wenn du mit guter Laune aufstehst. Ich habe auch Tage, an denen ich müde bin. Ich führe aber ein privilegiertes Leben und kann mir viele Dinge einteilen. Es ist zwar auch anstrengend, und manchmal spüre ich den Druck, immer alles gut machen zu müssen, aber ich darf mich nicht beklagen.

Morgenpost Online: Sie hätten diese Saison auch entspannt vorm Fernseher verfolgen können. Wie viele schlaflose Nächte haben Sie im März gehabt, bevor Sie wussten: Ja, ich mache weiter?

Ammann: Ich habe gut geschlafen. Ich brauchte ein bisschen Zeit und Distanz, bis mir die Entscheidung klar war. Und es war gar nicht so einfach, den nötigen Abstand zu bekommen, damit ich wirklich spüre, ob ich es noch mit allem will, was dazugehört. Ich rede nicht von den schönen Dingen, von den Erfolgen, die sich jeder immer wünscht. Es hat sich mir auch gar nicht so sehr die Frage nach meinem Ziel gestellt, sondern die: Bin ich wirklich bereit, die Investitionen im Training zu machen, die es in diesem Jahr wieder braucht?

Morgenpost Online: Und was hat Ihnen Ihr Gefühl gesagt?

Ammann: Ich habe gespürt, dass ich meine Aufgabe noch nicht vollends erfüllt habe und Kraft für die harten Zeiten habe, in denen ich viel investieren muss. Ich bin noch nicht fertig. Unter dem Strich blieb eine klare Antwort – ich bin nach wie vor glücklich mit dieser Entscheidung.

Morgenpost Online: Oder streben Sie vielleicht doch eine Tenniskarriere an? Sie haben sich auch mit dem Schläger versucht.

Ammann: Stimmt, ich habe diesen Sommer das erste Mal Roger Federer getroffen. Wir haben fünf Minuten Tennis gespielt – es war ein Dreh fürs Schweizer Fernsehen.

Morgenpost Online: Und: Wer war besser?

Ammann: Ich habe gewonnen – ja! Wir haben gewettet, dass er zehnmal anspielen darf und ich gewinne, wenn ich den Ball einmal zurück ins Feld bringe. Ich war wirklich chancenlos, aber einmal hatte ich Glück. Es war wirklich sehr lustig mit ihm. Mir hat vor allem gefallen, dass er sehr schnell umschaltet. Roger kann wirklich hoch konzentriert trainieren und dann aber auch gleich wieder aufmachen und locker sein.

Morgenpost Online: Wie ist das bei Ihnen?

Ammann: Ich muss mich sehr stark abgrenzen. Wir haben ab und zu beim Training die Situation, dass Leute an der Schanze stehen und alles Mögliche von dir wollen. Aber ich muss wirklich voll konzentriert arbeiten. Ich mag es eben sehr, wenn ich mich in meine Kugel zurückziehen kann. Auch wegen dieses Gefühls bin ich Sportler geblieben.

Morgenpost Online: Welche Rolle hat die Vierschanzentournee bei der Entscheidung gespielt? Immerhin fehlt Ihnen noch dieser prestigeträchtige Sieg.

Ammann: Eine untergeordnete Rolle, wirklich. Ich habe immer das entscheidende Etwas gesucht, die Tournee gewinnen zu können. Einmal hat dies nicht gepasst, dann hat jenes nicht gepasst. Wir haben Hotels gewechselt und vieles ausprobiert. Ich glaube aber, eine gewisse Ruhe, es erwarten zu können, es genießen zu können, ist sehr wichtig. Das hatte ich mir vergangenes Jahr vorgenommen, konnte es aber nicht so umsetzen. Mir fehlte die Ruhe für den Tourneesieg. Das mache ich dieses Jahr besser.

Morgenpost Online: Mit welchen Hoffnungen gehen Sie dieses Mal in die Tournee, die am 30. Dezember in Oberstdorf beginnt?

Ammann: Ich denke, dass ich gut in Form sein werde. Ich habe ziemlich viel Potenzial, das ich ausschöpfen kann. Ich muss es einfach gut anstellen, damit es klappt.

Morgenpost Online: Wie planen Sie Ihre Zukunft? Im März sagte Sie, das Fernziel sei wohl Olympia 2014.

Ammann: Habe ich das wirklich gesagt? Da bin ich mir gar nicht sicher. Aber es wurde eben gern von den Medien so transportiert, weil es sich vielleicht viele wünschen.

Morgenpost Online: Aber wo liegt jetzt die Wahrheit?

Ammann: Ich werde nach den Skiflug-Weltmeisterschaften in Vikersund im Februar entscheiden, wie es weiter geht.

Morgenpost Online: Wovon hängt die Entscheidung ab?

Ammann: Schlussendlich ist es eine Bauchentscheidung – das ist alles, was ich weiß.

Morgenpost Online: Und danach?

Ammann: Ich habe viele gute Möglichkeiten. Ich habe zum Beispiel ein Angebot bei Julius Bär als Banker. Es wäre ziemlich lehrreich, in dieser schwierigen Zeit anzufangen. Ich habe auch die Option, die Sache als Pilot noch weiter auszubauen – ich mache gerade den Schein für kleine, einmotorige Flugzeuge. Oder ich studiere. Ich habe da noch keine Priorität, eher zu viele Möglichkeiten.

Morgenpost Online: Sie gaben Ihr Weltcupdebüt vor 14 Jahren. Wie hat Sie das Skispringen verändert?

Ammann: Ich bin pragmatischer und direkter geworden. Meine Hoffnung ist, dass ich später etwas machen kann, das ich mit einer ähnlichen Einstellung durchziehen kann wie das Skispringen. Mit einer ähnlichen Entschlossenheit und Motivation. Das nehme ich mir fest vor, das ist mir durch den Sport klar geworden.

Morgenpost Online: Können Sie das genauer erklären?

Ammann: Im Sport habe ich die Resultate immer klar vor Augen, muss mich ständig damit auseinandersetzen. Das ist mir sicher nicht immer leicht gefallen, aber es ist gut, um sich durchzusetzen. Ich habe aber auch gelernt, keine Kompromisse einzugehen, dass du Veränderungen wirklich durchziehen musst, nicht ständig hin- und her springen solltest. Ich habe natürlich auch meine Schwächen…

Morgenpost Online: Welche sind das?

Ammann: Ich erzähle gern und verliere mich manchmal darin, Dinge zu erklären. Aber ich liebe, was ich mache, und ich habe auch noch das Glück, erfolgreich zu sein. Ich hatte mit Höhen und Tiefen aber auch eine gute Mischung. Schwierige Dinge gehe ich besser an als früher.