Europa League

Hildebrand-Comeback ohne Schalke-Trainer Stevens

Schalke flog mit einem B-Team zum bedeutungslosen Spiel ins israelische Haifa. Für Timo Hildebrand wird es aber etwas Besonderes sein – nach 419 Tagen Pause.

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Die Reisegruppe war überschaubar, die sich am Dienstag von Gelsenkirchen auf den Weg nach Haifa machte. Kein Raul dabei, kein Klaas-Jan Huntelaar und auch kein Lewis Holtby. Und das ist nur ein kleiner Auszug all derer, die fehlen im Auswärtsspiel. Dem Großteil seines Stammpersonals hat Schalke-Trainer Huub Stevens Regeneration verordnet.

Und weil sich kurz vor dem Abflug auch noch Stevens selbst abmeldete, die Nachricht von seiner schwer kranken Mutter hatte ihn kurz zuvor erreicht, bekam das Ganze den Charme eines Betriebsaufluges.

Nun mag das angesichts der Tabellenkonstealltion verständlich sein – das letzte Vorrundenspiel in der Europa League ist für die Schalker bedeutungslos, als Gruppenerster sind sie bereits für die nächste Runde qualifiziert. Und am Wochenende wartet in der Bundesliga das wahrlich wichtigere Spiel, das gegen Werder Bremen.

Und doch gibt es in Timo Hildebrand (32) einen, für den das alles weit mehr ist als nur ein internationales Schaulaufen, ein belangloser Test, deren Ausgang lediglich in der Fünf-Jahres-Wertung des europäischen Verbandes Uefa Niederschlag finden wird.

Seit Ende Oktober übt Hildebrand auf Schalke. Als sich Stammtorhüter Ralf Fährmann das Kreuzband riss, holten sie den damals vereinslosen Hildebrand und statteten ihn mit einem Vertrag bis zum Saisonende aus.

Bundesligarekordhalter

Dass Hildebrands Einsatz sein erster in einer Profimannschaft seit 419 Tagen ist, sagt viel über seine Vita, die sich einst so verheißungsvoll las, die ein langes Kapitel Nationalmannschaft beinhaltet und ein noch viel längeres mit dem Titel Stuttgart. 2007 wurde er Meister mit dem VfB, noch immer hält er den Bundesligarekord von 884 Minuten ohne Gegentor, vor Oliver Kahn und Manuel Neuer.

Aber das ist Vergangenheit, seit dem ist so ziemlich vieles in seiner Karriere schief gelaufen. Es war eine Mischung aus schwankenden Leistungen, Verletzungspech, recht undiplomatischem Auftreten, schlechter Beratung und mitunter auch unglücklichen Umständen. Nach der Meisterschaft mit Stuttgart wechselte Hildebrand nach Valencia.

Er habe Stuttgart niemals verlassen dürfen, sagt er heute. Damals sah er sich ganz oben in der Fußballwelt und wollte mehr sein als nur ein sehr ordentlicher Torwart aus dem Ländle, ein blonder Frauenschwarm. Er wollte sich emanzipieren und internationales Prestige, doch stattdessen begann seine Odyssee. In Valencia kam er nicht an Santiago Canizares vorbei, auch in der Nationalelf wurden ihm andere vorgezogen.

Schwierige Zeit

Nach nicht mal eineinhalb Jahren kehrte er zurück in die Bundesliga, es folgten 18 Monate in Hoffenheim und in der vergangenen Saison sein Gastspiel bei Benfica Lissabon. Doch auch dort saß er auf der Bank oder gleich ganz auf der Tribüne. „Bestbezahlter Tourist“ nannte ihn die portugiesische Presse. Zum Schluss war Hildebrand arbeitslos, hielt sich in Frankfurt fit.

Es gab Angebote, ausländische Klubs bekundeten Interesse. Manchester City etwa ließ ihn zur Probe trainieren, nahm dann aber Abstand von einer Verpflichtung. „Es ist mental schwer, ohne Job zu sein und sich nicht hängen zu lassen“, sagt er.

Mit jener Historie lässt sich die Dankbarkeit erklären, die Hildebrand momentan empfindet, die unüblich ist im Profifußball. Schwierig sei nicht die Zeit jetzt auf Schalke, sagt er, auch wenn er sich in Gelsenkirchen bislang seine Spielpraxis bei den Amateuren holen musste, „schwierig war die Zeit davor, vor allem für den Kopf“.

Und doch hat ihn genau jener Karriereabsturz menschlich reifen ließ. All jene Wirrungen und Irrungen haben ihn Demut gelehrt, vor allem jedoch hat Hildebrand einen äußerst realistischen Blick auf eine Branche, in der der Schein des Starseins sich schneller verflüchtigt als manch einer ahnt.

In der „Sport Bild“ gab er jüngst einen Einblick in sein Seelenleben. „Wenn du drin bist in diesem Rad, immer nur von Spiel zu Spiel rennst, verlierst du die Wertschätzung für deinen Beruf“, sagte er und erzählte von seiner veränderten Wahrnehmung, von all den einstigen Selbstverständlichkeiten, die er nun hinterfragt. Profifußball jedenfalls habe mit dem normalen Leben nichts zu tun.

Auf Schalke werden Hildebrand gute Trainingsleistungen bescheinigt. „Wir sind absolut zufrieden“, sagt Sportdirektor Horst Heldt, vor allem sei Hildebrand dem internen Konkurrenzkampf zuträglich. Dennoch reichte es für ihn bislang nur zu fünf Einsätzen in der Regionalliga West.

Unnerstall gesetzt

In der ersten Elf ist Lars Unnerstall gesetzt, ein 21-Jähriger, der der große Gewinner der Ära nach Manuel Neuer ist. Dass Hildebrand heute im Tor steht, hat mit dem Rotationsprinzip zu tun, das Stevens für jene bedeutungslose Europa-League-Partie angekündigt hat. „Dieses Spiel bietet allen Ergänzungsspielern die Chance, sich zu zeigen, also auch mir“, sagt Hildebrand.

Als er jüngst seinen Konkurrenten Unnerstall für dessen Leistungen lobte und sagte, dass der Trainer momentan keinen Grund für einen Torwartwechsel habe, titelte der Boulevard: Hildebrand gebe den Kampf um die Nummer eins auf.

Hildebrand fühlte sich so dermaßen missverstanden, dass er gar ein offizielles Statement verfasste. „Ich bin von mir und meinen Möglichkeiten als Torhüter überzeugt“, teilte er mit. Und dass er sich keineswegs als Leistungsempfänger sehe, „der sich mit einer monatlichen Überweisung zufrieden gibt“. Auch wenn er sich momentan hinten anstellen müsse, verstelle ihm das nicht seine Selbstwahrnehmung. „Ich bin bereit für die Bundesliga.“

Die voraussichtlichen Aufstellungen

Haifa : Saranow - Buljat, Dgani, I. Cohen, Twatha - Boccoli, Golasa, T. Cohen - Dwalischwili, Katan, Amasha

Schalke : Hildebrand - Uchida, Höwedes, Metzelder, Escudero - Höger, Moritz - Jurado, Baumjohann, Draxler - Marica.

Schiedsrichter : Fredy Fautrel (Frankreich)