Bayern München

Die Bundesliga erlebt einen neuen Mario Gomez

Dank Nationalstürmer Mario Gomez überwintert der FC Bayern auf dem Platz an der Sonne. Der Angreifer ist bester Schütze der Bundesliga und der Champions League.

Am Dienstag haben sie Zeit für Shopping. Trainer Jupp Heynckes hat den Spielern des FC Bayern München frei gegeben, die Profis können sich auf die Suche nach Weihnachtsgeschenken begeben und danach ausspannen.

Vor allem Mario Gomez freut sich über die Erholung: Der Nationalstürmer hatte in den vergangenen Tagen mit einer Erkältung zu kämpfen – und seinen Klub dennoch zum vorzeitigen Gewinn der Hinrunde geschossen. Beim 2:1 (1:1) auswärts gegen seinen ehemaligen Verein hatte der Angreifer erst nach der Führung für den VfB Stuttgart durch Christian Gentner (6.) in der 13. Minute ausgeglichen, dann nach starker Vorarbeit von Kapitän Philipp Lahm den Siegtreffer erzielt (57.).

15 Tore in 16 Spielen

Erstmals seit der Saison 2007/2008 werden die Bayern wieder auf Platz eins überwintern – unabhängig vom Ausgang des letzten Hinrundenspiels gegen den 1. FC Köln am Freitag. „Der Sieg bedeutet mir gar nichts. Jeder hat gesehen, wie schnell das geht. Vergangene Woche waren wir Dritter und die Deppen der Nation, jetzt sind wir Erster“, sagt Gomez.

Mit 15 Treffern in 16 Spielen führt der 26-Jährige die Torjägerliste der Bundesliga an, gefolgt von Klaas-Jan Huntelaar (14, FC Schalke 04) und Lukas Podolski (13, 1. FC Köln). Der teuerste Einkauf der Vereinsgeschichte (rund 30 Millionen Euro) ist an knapp der Hälfte aller Bayern-Tore beteiligt. Und Gomez hat beste Chancen, den Titel des Torschützenkönigs zu verteidigen.

Dies ist zuletzt Ulf Kirsten im Trikot von Bayer Leverkusen gelungen (1997 und 1998, jeweils 22 Tore). Als Bayern-Legende Gerd Müller in der Saison 1971/1972 mit 40 Treffern den Torjägerrekord aufstellte, hatte er nach der Hinrunde 17-mal getroffen. Zwei Tore gegen Köln, und Gomez hat gleichgezogen.

„Ich habe mir noch nie eine Marke gesetzt, das werde ich auch niemals tun. Ich habe aber immer gesagt: Wenn ich gesund und fit bin und auch spielen darf, dann werde ich meine Tore machen“, sagt er. Eine Anspielung auf Heynckes’ Vorgänger Louis van Gaal.

Unter ihm spielte Gomez selten, der Niederländer legte ihm einen Wechsel nahe, und Gomez stand kurz vor einem Ausleihgeschäft zum FC Liverpool. Sein Verhältnis zu Heynckes ist sehr gut. „Er ist sehr fordernd in der täglichen Arbeit, ein absoluter Profi“, so Gomez.

Einige seiner Tore sehen zwar einfach aus, „aber das ist auch eine Qualität, da zu sein, wo der Ball hinkommt. Das muss man sich erarbeiten, und das habe ich in den vergangenen Jahren gemacht“.

Ein neuer Gomez

Gomez hat vor allem gelernt, mit negativen Erlebnissen umzugehen. In Stuttgart hätte er nach vier Minuten bereits das 1:0 erzielen müssen, doch er trat nach einem Pass von Arjen Robben am Ball vorbei. „Das war eine 1000-prozentige Chance. Aber in meinem Kopf war: In diesem Stadion hast du das Toreschießen gelernt, da wirst du schon noch ein oder zwei machen.“

Die Bundesliga erlebt einen neuen Gomez. Der alte hatte bei der Europameisterschaft 2008 im Vorrundenspiel gegen Österreich (1:0) freistehend aus zwei Metern vergeben und Monate mit Hohn und Spott leben müssen. Vor einem Jahr sagte er: „In der Öffentlichkeit bin ich der Chancentod. Das ist mein Los, das ich gezogen habe.“

Vergangenheit. Es war ein Topjahr für Gomez: Torschützenkönig der Saison 2010/2011, in seinem 50. Länderspiel gegen die Ukraine erstmals Kapitän, und in der Champions League gelang ihm im Rückspiel gegen den SSC Neapel (3:2) sogar ein Hattrick. Mit sechs Vorrundentreffern ist er sogar so erfolgreich wie Superstar Lionel Messi vom FC Barcelona.

Treffsicherer und gelassener

Gomez ist treffsicherer geworden, aber auch gelassener. Nach Spielen macht er gern mal augenzwinkernd einen Spruch über die Schnelllebigkeit des Fußballgeschäfts. Er findet es oft erstaunlich, wie die Öffentlichkeit Spieler oder Ergebnisse bewertet.

Ein Schönling sei er, sagen manche. Weil er die Haare gelt? Weil er aufrecht geht? Weil er für Hugo Boss modelt und Red Bull ihn sponsert? Gomez kennt die Gründe für die plumpen Äußerungen nicht – und kümmert sich inzwischen auch nicht mehr darum. Es gibt wichtigeres, zum Beispiel Tore.

Nationalmannschaftsmanager Oliver Bierhoff hingegen ärgern die Klischees, er schrieb in einer Kolumne für die „Sport-Bild“: „Aus Selbstvertrauen wird Arroganz, aus einem Schlitzohr ein Schnösel. Unsachlich, unfair, nervend.“ Bierhoff weiß, wie wichtig Gomez ist.

Hitzfeld würde Gomez nehmen

Er ist jetzt ein Führungsspieler, bei den Bayern und in der Nationalmannschaft. Nach dem Sieg in Stuttgart kritisierte er, dass seine Mannschaft gegen zehn Stuttgarter (Gelb-Rot für Cristian Molinaro, 29.) zu nachlässig war:

„Wir haben den Anspruch, Meister zu werden und Tabellenführer zu sein. Dann dürfen wir in so einer Situation nicht fahrig werden. Wir haben die Bälle nur noch hin und her gekloppt.“ Die Mannschaft habe aber die Qualität, Deutscher Meister zu werden. „Ich bin überzeugt davon, dass wir es schaffen“, so Gomez.

Für Ottmar Hitzfeld ist der Schwabe mit den spanischen Vorfahren inzwischen sogar der beste deutsche Stürmer. Dürfte sich der Schweizer Nationaltrainer einen Bayern-Spieler für seine Mannschaft aussuchen, würde er ihn wählen. „Klar, das ist eine Torgarantie“, so der ehemalige Bayern-Trainer. Der einstige Bayern-Verteidiger Willy Sagnol meint gar, dass Gomez der einzige Profi des Rekordmeisters ist, der nicht ersetzt werden kann.

Tatsächlich haben die Stürmer Nils Petersen und Ivica Olic derzeit keine Chance auf einen Stammplatz. Olic würde deshalb gern den Klub wechseln, er will bei der Europameisterschaft nächstes Jahr einen Stammplatz in Kroatiens Nationalelf haben. Doch Heynckes lässt ihn nicht gehen. Die Münchner spielen in drei Wettbewerben, und Gomez kann wegen einer Verletzung oder einer Sperre immer mal ausfallen.

Vertrag bis 2013

Gomez’ Vertrag bei den Bayern endet 2013. Der Torjäger kann sich vorstellen, länger in München zu bleiben. Er liebt die Stadt, sitzt gern mit seinen Kumpels Bastian Schweinsteiger und Holger Badstuber in Cafès. Schweinsteiger nannte ihn aus Spaß „Kermit“, weil Gomez grüne Fußballschuhe trug und die Farbe an den Frosch aus der „Muppet Show“ erinnerte. Der Stürmer fand es lustig – und trägt die Schuhe nicht mehr.

Der Traum des alten Gomez war ein Vertrag bei einem spanischen Topklub. Der neue Gomez denkt nicht mehr daran. Er sagt: „Solange ich gebraucht werde, gibt es für mich keinen Grund, woanders hinzugehen.“

In eigener Sache: Neu auf der iPad-App der „Welt“ – eine umfangreiche Sportdatenbank