Dieter Thoma

"Richard Freitag hat das Zeug zum Siegspringer"

Ex-Vierschanzentournee-Gewinner Dieter Thoma prophezeit im Interview mit Morgenpost Online Richard Freitag weitere Siege und spricht über dessen Starpotenzial.

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Richard Freitag hat sie alle überflügelt: Am Sonntag gewann der erst 20 Jahre alte Skispringer aus Aue in Harrachov/Tschechien seinen ersten Weltcup. Dieter Thoma (42), Olympiasieger, früherer Weltmeister und Gewinner der Vierschanzentournee 1989/1990, war als Fernsehexperte dabei.

Morgenpost Online: Der Mann hat Nerven, oder?

Dieter Thoma: Es ist das eine, im ersten Durchgang zu führen. Aber wenn du dann das erste Mal als Letzter oben wartest, das Gegröle nach dem weiten Sprung des Österreichers Thomas Morgenstern hörst, und dann gewinnst – das ist etwas ganz anderes. Hut ab, das war cool. Das gelingt nur ganz großen Sportlern. Und es ist das beste Zeichen dafür, dass er das Zeug hat, ein Siegspringer zu sein. Richard Freitag hat unheimliche Qualität – ein cooler Kerl.

Morgenpost Online: Sie standen an der Schanze, kennen selbst das Gefühl, kurz vor einem Sieg zu stehen. Wie haben Sie den Sonntag erlebt?

Thoma: Ich habe mich extrem gefreut. Das ist so schön gewesen! Ich habe mich an meine alten Zeiten erinnert, wie es bei mir damals war. Als ich meinen ersten Weltcupsieg gefeiert habe, war ich auch in etwa in dem Alter von Richard Freitag. Es ist so schön, so etwas dann wieder aus einer anderen Position mitzuerleben. Ich kenne die Jungs ja alle, weiß, wie hart sie arbeiten und was sie auch alles wegstecken mussten – auch die Trainer. Sie stehen immer unter Zugzwang.

Morgenpost Online: Und der Druck wird mit solchen Erfolgen natürlich nicht geringer.

Thoma: Klar, jetzt wird erwartet, dass es in Engelberg wieder ein Podestplatz wird. Das ist schon brutal. Aber diesen Moment des Erfolgs einfach zu genießen, das ist die Kunst. Ich habe ihn Sonntag genossen und mich total gefreut für die Jungs. Sie sind einfach sympathisch und bodenständig – das liebe ich. Freitag ist, glaube ich, auch nicht gefährdet, jetzt abzuheben, nur weil er nun erfolgreich ist.

Morgenpost Online: Könnte er ein Star werden.

Thoma: Ja, ich denke, er hat Starpotenzial, weil er erstens so cool ist, zweitens ein markantes Gesicht hat und einen großen Wiedererkennungswert besitzt. Er ist offen, lacht gern viel, ist ein freundlicher Kerl und bodenständig. Das sind schon einmal viele Eigenschaften, die ein Star haben muss. Richard hat bestimmt auch Ecken und Kanten, die er uns irgendwann zeigt. Starpotenzial sage ich natürlich vor allem aber wegen der Leistung. Und die ist unbestritten.

Morgenpost Online: Was macht ihn so gut?

Thoma: Seine Technik ist super. Er hat eine wahnsinnige Symmetrie im Sprung. Ich vergleiche es immer mit einem Flugzeug: Wenn du auf der einen Seite ein Stück vom Flügel abschneidest, dann brauchen die Düsen mehr Kraft, um das Flugzeug genauso schnell und genauso gerade in der Luft zu halten. Und so ist es bei einem Skispringer auch. Wenn der immer schräg in der Luft liegt, die Symmetrie einfach nicht passt, dann braucht er auch mehr Energie, sprich: mehr Geschwindigkeit, damit er auf die gleiche Weite kommt. Freitag macht am Schanzentisch sehr viel richtig und hat ein sehr gutes Gefühl in der Luft.

Morgenpost Online: Wie überraschend kam Freitags Triumph denn für Sie?

Thoma: Ein Weltcupspringen zu gewinnen, ist immer eine Überraschung. Ich habe nicht jetzt zu diesem Zeitpunkt damit gerechnet, aber schon damit, dass es irgendwann passiert. Ganz einfach, weil die Qualität seiner Sprünge von Mal zu Mal besser wurde. Bereits im vergangenen Winter hat er teilweise richtig gute Sprünge abgeliefert. Jetzt ist er in einer Form, von der ein Skispringer nur träumen kann. Und es ist super, dass es jetzt passiert und auch ganz wichtig, dass andere die Bank der Österreicher so ein bisschen ankratzen.

Morgenpost Online: Das hört sich nach einer guten Portion Genugtuung an.

Thoma: Nein, nein, ich habe ja nichts gegen die Österreicher, ich mag sie gern. Aber bei allem Respekt: Es ist einfach gut für das Skispringen, wenn da ein bisschen Abwechslung hineinkommt. Der Konkurrenzkampf ist wieder ein anderer. Es können mehrere Teams, aber auch mehrere Einzelspringer gewinnen. Ich sage jetzt nicht, dass die Österreicher anfangen zu wackeln – sie haben ein wahnsinniges Team und werden mit geballter Kraft zurückschlagen. Aber sie sind nicht unbesiegbar. Richard Freitag hat das gezeigt. Das motiviert und macht diesen Winter viel, viel spannender als den vergangenen.

Morgenpost Online: Ist Freitag ein künftiger Gewinner der Vierschanzentournee?

Thoma: Da müssen wir aufpassen. Er hat jetzt einen Sieg geschafft, hat ein hohes Niveau, es ist vieles möglich. Ich schließe auch nichts aus. Es bringt aber nichts, zusätzlichen Druck aufzubauen. Der Druck, den sich der Sportler selbst macht, ist eh der größte. Es ist einfach schön, diese Entwicklung zu sehen, und es bringt Spaß, den Jungs beim Skispringen zuzuschauen. Es ist echt alles möglich. Es gibt keine absoluten Favoriten mehr. Auf uns kommen spannende Wettkämpfe zu.

Morgenpost Online: Im vergangenen Jahr waren die Erwartungen vor der Vierschanzentournee recht niedrig. Welche Chancen haben die Deutschen jetzt?

Thoma: Ich habe ein gutes Gefühl. Es muss jedoch nur ein Wettkampf in die Hose gehen, dann sieht es in der Gesamtwertung schon nicht mehr so gut aus. Aber die Unbekümmertheit der jungen Leute kann helfen. Ich will da Severin Freund nicht ins zweite Glied stellen, denn er hat ähnliche Fähigkeiten und kann genauso vorn hinein springen. Es ist schön, nicht nur auf einem, sondern auf zwei Beinen zu stehen. Ich bin voller Spannung und freue mich dieses Jahr ungleich mehr auf die Tournee, weil wir mitmischen können. Das finde ich wirklich klasse!