Professor Holsboer

"Deislers Erkrankung sorgte für ein Umdenken"

Professor Holsboer, Direktor des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie, spricht im Interview mit Morgenpost Online über Burn-out und die Lehren für die Bundesliga.

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Felix Zwayer heißt der Schiedsrichter , der am Dienstag die Nachholpartie vom 13. Spieltag zwischen dem 1. FC Köln und dem 1. FSV Mainz 05 pfeifen wird (20.30 Uhr, Sky).

Ursprünglich sollte Babak Rafati vor drei Wochen die Partie leiten. Doch der Unparteiische aus Hannover schnitt sich am Morgen des Spieltags die Pulsadern auf, seine Assistenten retteten ihm das Leben. Eine schwere Depression wurde diagnostiziert, Rafati befindet sich noch immer in stationärer Behandlung.

Im Interview spricht Professor Florian Holsboer (66), Direktor des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie in München, über Burn-out-Erkrankungen, den Fall Sebastian Deisler und warum die Bundesliga ein Vorbild sein kann.

Morgenpost Online: Schiedsrichter Babak Rafati hat vor drei Wochen versucht, sich das Leben zu nehmen. Hätte das verhindert werden können?

Professor Florian Holsboer: Es ist tragisch, dass er diesen Weg gewählt hat, statt sich in Behandlung zu begeben. Offenbar scheint das Präventivsystem im Schiedsrichterwesen noch nicht so gut ausgebaut zu sein wie in den Vereinen. Dort haben Fälle wie der von Ralf Rangnick oder der von Hannover-Torwart Markus Miller gezeigt, dass es gewaltige Fortschritte im Umgang mit psychischen Erkrankungen gibt.

Morgenpost Online: Ist es heute für Profisportler leichter als früher, zu psychischen Problemen zu stehen?

Holsboer: Ja. Wenn man hört, wie viele Sportler mittlerweile offen mit derartigen Problemen umgehen, könnte man denken, dass die Anzahl der Erkrankungen zugenommen hat. Aber das ist nicht nachweisbar, im Gegenteil: Statistisch gesehen gab es in der Gesellschaft früher deutlich mehr Suizide als heute. Das mag unterschiedliche Gründe haben, unter anderem ist sicher die Behandlung von Depressionserkrankungen besser geworden. Aber ich bin sicher, dass sich auch der Umgang mit der Thematik geändert hat. Es ist heute leichter, zu psychischen Erkrankungen zu stehen, weil die Betroffenen nicht mehr stigmatisiert werden. Daran hat der Sport enorme Verdienste.

Morgenpost Online: Weil Sportler sich outen?

Holsboer: Für dieses Umdenken waren die öffentlichen Äußerungen von prominenten Persönlichkeiten sehr wertvoll. Solche Fälle sind – bei aller Tragik – für uns Gold wert. Weil sie den größtmöglichen Präventionseffekt haben, den man sich denken kann. Den kann keine noch so kluge Schrift von Fachleuten oder Kampagne von Versicherungen erzeugen. Wenn ein Sportler zu seinen Depressionen steht, löst sich die Verschwiegenheit, der Druck des Geheimhaltens weicht. Heute ist es keine schlechte Sache mehr zu sagen, dass man nicht am Kreuzband verletzt ist, sondern das Gehirn erkrankt ist. Das ist ja auch ein Körperteil, das – wenn man so will – genau so verletzt werden kann wie jedes andere auch. Wir sollten also glücklich sein, wenn es Menschen wie zum Beispiel Ralf Rangnick gibt, die die Sensibilität und das Verantwortungsgefühl besitzen, zu ihrer Erkrankung zu stehen und zu sagen: „Wie soll ich in meiner Mannschaft ein Feuer entfachen, wenn ich selbst ausgebrannt bin?“

Morgenpost Online: Hat das Umdenken mit Sebastian Deisler begonnen?

Holsboer: Ja. Als Sebastian Deisler seine Erkrankung öffentlich machte, sind Leute zu mir gekommen und haben gesagt: „Jetzt kann ich auch dazu stehen: Ich habe auch so etwas wie der Deisler.“ Da hat ein Umdenken eingesetzt nach dem Motto: Wenn ein junger, erfolgreicher Nationalspieler mit viel Geld und einer hübschen brasilianischen Freundin an Depression erkranken kann, dann kann es wohl jeden treffen. Und man darf eines nicht vergessen: Deisler ist erfolgreich behandelt worden. Er ist nach seiner Erkrankung auf den Platz zurückgekehrt. Seine Karriere hat er nicht wegen seiner Erkrankung beendet, sondern weil Owen Hargreaves ihn im Training gefoult und ihm seine siebte schwere Verletzung zugefügt hat. Und weil er in Felix Magath einen Trainer hatte, der die Spieler wie Schachfiguren behandelt und die harten Typen bevorzugt hat.

Morgenpost Online: Welche Rolle hat der Selbstmord von Robert Enke gespielt?

Holsboer: Ein Suizid ist immer ein furchtbares Unglück. Aber gerade in diesem Fall war eindeutig kein Werther-Effekt zu beobachten, der ja davon ausgeht, dass ein Suizid, über den in den Medien berichtet wird, Nachahmer findet. Durch die Tragödie ist einiges in Gang gekommen, es ist wesentlich offener über das Thema gesprochen worden, und es wurde vielerorts erkannt, dass nur durch frühzeitige Intervention so etwas Schreckliches verhindert werden kann. Der Fußball hat diesbezüglich eine enorme Qualität als Signalgeber. Er zeigt den Fans, dass Depressionen auch bei Superspielern, Supertrainern und Superschiedsrichtern vorkommen und man dazu stehen kann. Wenn es im Fußball akzeptiert wird, können wir erwarten, dass die Akzeptanz in der Bevölkerung größer wird und die Leute mit ihren Problemen zum Arzt gehen.

Morgenpost Online: Die Bundesliga als Impulsgeber für die Gesellschaft?

Holsboer: Im Bezug auf den Umgang mit psychischen Beschwerden ja, absolut! Es ist sehr bemerkenswert, was sich diesbezüglich im deutschen Fußball abspielt. Besonders Uli Hoeneß sehe ich als Vorreiter, weil er im Fall Deisler sehr offen mit dem Thema umgegangen ist. Das hat sich auch wieder bei Breno gezeigt.