Kolumne "Querpass"

Holt Magath etwa Beckham zum VfL Wolfsburg?

David Beckham würde in das Anforderungsprofil von VfL-Trainer Felix Magath passen. Außerdem könnten der Glamourboy und seine Victoria auch Wolfsburg helfen.

Foto: pa/Sven Simon/abaca

Wenn wir David Beckham richtig verstehen, sitzt er zur Zeit grübelnd im Ohrensessel, zermartert sich das Hirn und lässt sich von seiner Victoria gegen das Kopfweh eimerweise Kamillentee und Klosterfrau Melissengeist bringen – jedenfalls sagt er: „Ich habe eine große Entscheidung zu treffen.“

Geld oder Ruhestand? Zermürbender kann ein Luxusproblem kaum sein. Der weltberühmteste Fußballengländer aller Zeiten ist 36, hat das Verfallsdatum überschritten, will endlich in Rente - aber diverse Klubs von Welt, von Tottenham bis Paris St. Germain, setzen ihm offenbar die Scheckpistole auf die Brust und wollen ihn zum Weitermachen zwingen.

Wie das ausgehen kann, wissen wir seit Muhammad Ali: Den haben sie so lange in den Boxring gelockt, dass er jetzt aussieht wie neulich am Grab von Joe Frazier, wo viele sich bestürzt fragten, bei welcher Beerdigung sie sind.

Scheich Nasser Al-Khelaifi, der Besitzer von Paris St. Germain , hat Beckham cirka 13 Millionen in Aussicht gestellt – der Umworbene soll dafür noch ein bisschen kicken, aber vor allem den Kopf hinhalten, wenn die Kameras klicken. Doch muss er dafür nach Paris? Das kann David Beckham in Wolfsburg billiger haben.

Wir kommen darauf, weil dort spätestens seit Samstag angesichts der Ratlosigkeit von Felix Magath jede Idee willkommen ist. „Wir sind im Abstiegskampf“, hörten wir den entzauberten Altmeistermacher nach dem gefühlten 1:7 in Bremen sagen – und im Abstiegskampf hilft bekanntlich nur Routine.

Die Truppe ist zu jung. Da muss beim Altersschnitt dringend nachgebessert werden, jedenfalls ist es mit den Routiniers, die Magath von den Ersatzbänken und sonstigen Alterssitzen quer durch Europa schon geholt hat, nicht getan – zwar werfen Thomas Hitzlsperger, Hasan Salihamidzic, Alexander Hleb, Chris oder Sotirios Kyrgiakos cirka 160 Jahre in die Waagschale der Unerschütterlichkeit, aber entweder sind sie fußkrank, nicht ganz fit oder nach einem Schwächeanfall in der Kur, zu einem entschlackenden Schlammbad. Und wenn gelegentlich doch einer antritt, halten sich die Gegenspieler die Nase zu, als ob Magaths Mumien schon schlecht riechen.

Logisches i-Tüpfelchen

Deshalb muss jetzt endlich einer her, der nicht nur mit alten Wassern gewaschen ist, sondern sich notfalls auch noch zehn Minuten pro Spiel zutraut, ohne mit Blaulicht ausgelaugt ins nächstbeste Krankenhaus eingeliefert zu werden. Beckham also.

Er wäre das logische Tüpfelchen aufs i der Magathschen Personalpolitik , und dass eine Diva sogar notfalls nach Wolfsburg passt, wissen wir seit Andres d’Alessandro – auch wenn die argentinische Zaubermaus den Charme dieses zur Stadt gewordenen VW-Werks seinerzeit so beschrieb: „Manchmal ziehen wir abends los und schauen, ob in einem Schaufenster ein Schuh umgestellt wurde.“ Gar so abschreckend kann das Gespenst der Provinz aber nicht sein – wäre sonst Stefan Effenberg gekommen, die Ex-Diva vom FC Hollywood?

Nichts spricht auf den ersten Blick also gegen einen Anruf bei Beckham, der Engländer passt ins Magathsche Anforderungsprofil: Auch er wäre alt genug, um die hohen Erwartungen nicht mehr zu erfüllen – allerdings so, dass es keiner merkt.

Perfekte Ablenkungsmanöver

Denn David Beckham ist das perfekte Ablenkungsmanöver mit seinen flexiblen Frisuren, seinem früheren Spice Girl , seinem sanften Lächeln und seinem sexy Outfit war dieser Rechtsfüßer der bekannteste Sportler der Welt, ohne auch nur entfernt deren bester Fußballspieler zu sein. Wenn es um die Wurst ging, ist er entweder bei der Weltmeisterschaft 1998 vom Platz geflogen oder bei der Europameisterschaft 2004 im Elfmeterschießen ausgerutscht, aber das hat keinen interessiert.

Wie dieses Phänomen zu erklären ist? Fragen Sie den Fan, der bei einer Versteigerung ein kleines Vermögen für die von Beckham benutzte Hotelwäsche ausgab (Gütesiegel: „Garantiert mit Beckhams Schweißgeruch“) – oder jene Teenies, die ein Beckham-Auswärtsspiel nutzten, um in seinem Hotelzimmer die Klobrille abzuschrauben.

Beckham mit Frau – dieser Doppeltransfer in der Winterpause würde den Wolfsburgern schlagartig helfen. Keiner würde montagmorgens mehr vom Abstieg reden oder über das konzeptlose Elend, den dazugehörigen Fußball oder über Magaths lustleeres Gesicht – vielmehr stünde der VfL von da an im Mittelpunkt fröhlich-bunter Schilderungen, wie sich der Superstar von Stylistinnen mani- und pediküren und in zerrissene Jeans und sonstige trendy Klamotten stecken lässt, vom Haarreif über den Zopf bis zum Wickelrock aus der Südsee.

Ruft Felix Magath bei David Beckham an? Verspricht er ihm, die Medizinbälle wegzulassen?

Das ist der Knackpunkt, an dem es eng werden könnte. Denn Felix tickt wie Sir Alex, und der Trainer Ferguson, Beckhams Entdecker bei Manchester United, ist früher durchaus geplatzt vor Wut: Einmal pfefferte der knorrige, Kaugummi-kauende Schotte seinem Glamourboy in der Kabine mittels Vollspannstoß einen Kickstiefel dermaßen an den Kopf, dass der die anschließende Platzwunde dem Vernehmen nach mit einem Diamanten-Piercing hat tarnen müssen.

Auch Felix Magath stammt aus einer Welt, in der sich die Fußballspieler noch nicht in der Beauty Farm Gurkenscheiben ins Gesicht legten und die Fingernägel lackierten, und deshalb vergessen wir Beckham jetzt am besten gleich wieder – eher holt Magath für das Geld drei bis vier andere, die alt genug sind, zu wissen, wie eine Mannschaft am besten absteigt.

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