Kolumne "Nachspielzeit"

Die Bayern brauchen die Moral der 74er-Helden

Was vom 16. Spieltag übrig bleibt: Der FC Bayern ist quasi Herbstmeister. In München beginnt die Zeit der großen Sehnsüchte.

In München ist es ein besonders beruhigendes Zeichen, wenn der Chef nichts zu sagen hat. Uli Hoeneß bringt ja gerade ein Halbjahr zu Ende, in dem er außergewöhnlich regelmäßig auf Sendung war.

Im August hielt er eine viel beachtete "Halbzeitansprache" in den Umkleideräumen seiner Angestellten. Die laxe Einstellung im 50-Millionen-Euro-Spiel, der Champions-League-Qualifikation gegen Zürich, missfiel dem Präsidenten und Aufsichtsratsvorsitzenden des FC Bayern.

Am 10. Spieltag hielt Hoeneß nach der zweiten Saisonniederlage gegen Hannover 96 eine wenig schmeichelhafte Laudatio auf den Oscar-würdigen "Schauspieler" Sergio Pinto. Und die vorzeitige Qualifikation für das Champions-League-Achtelfinale als Sieger der so genannten Hammergruppe durch ein 3:1 gegen den FC Villarreal nahm der 59-Jährige zum Anlass, um mit den Robben-Kritikern abzurechnen ("Das geht mir auf den Sa**").

Am Sonntagabend nun fiel Hoeneß nach dem 2:1-Sieg beim VfB Stuttgart zum Abschluss des 16. Spieltags nichts mehr ein. „Wir sind Herbstmeister, was soll ich dazu noch groß sagen." Mit drei Punkten Vorsprung und dem um zehn Treffer besseren Torverhältnis ist dem Rekordmeister die Tabellenführung über den Jahreswechsel quasi nicht mehr zu nehmen.

Der Titelverteidiger hatte unmittelbar vor dem erfolgreichen Münchner Auftritt beim Südgipfel in Stuttgart durch ein überraschend mageres 1:1 gegen den 1. FC Kaiserslautern den Anschluss verloren. "Wir haben 70 Minuten richtig guten Fußball gespielt, waren beflügelt vom Ausrutscher Dortmunds", sagte Mario Gomez, der seine Saisontore 14 und 15 erzielte und eine "tausendprozentige Chance" gleich zu Beginn des Spiels nach Vorarbeit von Arjen Robben ausgelassen hatte.

Der Niederländer war diesmal an keinem Bayern-Tor direkt beteiligt, dennoch zeigte der Flügelstürmer die überzeugendste Vorstellung in seiner durch mehrere Verletzungspausen beeinträchtigten ersten Saisonhälfte. Der Egoist an der rechten Seitenlinie nahm erstaunlich konstruktiv am Münchner Kombinationsspiel teil. Und aus seiner Stärke im Eins-gegen-Eins resultierte diesmal ein unverschämt früher Platzverweis für seinen Gegenspieler. Cristian Molinaro sah nach 29 Minuten die Gelb-Rote Karte.

Offensive Taktik

Gegen Stuttgart testete Bayern-Trainer Jupp Heynckes zum ersten Mal nach der 0:1-Heimniederlage gegen den BVB wieder die Taktik, mit der er all seinen Offensivkünstlern einen Platz in der Startelf verschafft.

Es könnte die Erfolgsformel des Frühjahrs werden mit der Offensivreihe Robben, Thomas Müller, Franck Ribery hinter der Sturmspitze Gomez; abgesichert durch den von Bundestrainer Joachim Löw zum "Zwischenspieler" ernannten Toni Kroos und dem "Sechser" Bastian Schweinsteiger.

Das ist eine fast schon verboten offensive Ausrichtung. Doch ein wirksameres Rezept wird es kaum geben, wenn der FC Bayern in die Verlegenheit kommen möchte, am 19. Mai den großen Traum vom Champions-League-Sieg im eigenen Stadion zu verwirklichen.

Im Sinne der Löw-Doktrin, dass man Spanien nur mit spielerischen Mitteln bezwingen kann, wich sogar Jose Mourinho im "Clasico" am Wochenende von seiner ultradefensiven Taktik aus den bisherigen sieben Spielen gegen den FC Barcelona in seiner Zeit als Trainer von Real Madrid ab. Er ließ angriffslustig wie nie spielen, seine Spieler attackierten Xavi, Iniesta und Co. bemerkenswert zeitig.

Zu schnell fielen seine Spieler nach dem Ausgleich der Katalanen gegen Ende der ersten Halbzeit in die alten Verhaltensmuster zurück, führten überharte Zweikämpfe, verloren ihre Linie. Reals vielversprechender Ansatz hielt keine 60 Minuten.

Spätestens mit der Auslosung des Achtelfinals der Königsklasse am Freitag wird den FC Bayern die Sehnsucht nach dem Finale im eigenen Stadion packen. Nach dem vorzeitigen Scheitern der beiden Klubs aus Manchester bietet das Teilnehmerfeld der K.o.-Runde neben den beiden Top-Favoriten aus Barcelona und Madrid mehrere dankbare Aufgaben (z.B. Nikosia, Basel), einige wenig furchterregende Klubs auf Augenhöhe (FC Chelsea, FC Arsenal, Lyon) und ein paar Angstgegner aus der jüngeren Vergangenheit (Zenit St. Petersburg, Inter und AC Mailand).

Historische Kampagne

Die Münchner wissen natürlich, dass sie für eine historische Kampagne auch auf Glück angewiesen sind. Noch fehlt das Vorstellungsvermögen, mit dieser Abwehr (Rafinha, Daniel van Buyten, Jerome Boateng) Europa zu erobern. Die Ergänzungsspieler haben bei der Niederlage in Manchester gezeigt, dass sie in der Königsklasse kaum behilflich sein können. Eigentlich fehlt dem Münchner Kader die Tiefe für einen Triumph in der Champions League. Eine Verletzung wie der Schlüsselbeinbruch Schweinsteigers würde wohl im Frühjahr das Ende aller Träume bedeuten. Bayerns erste Elf, die zum allerbesten gehört, was der Kontinent zu bieten hat, müsste bis Mai ununterbrochen durchspielen.

Ausgeschlossen? Nicht unbedingt. Schon einmal gab es eine Münchner Elf die quasi eine Saison durchgespielt hat, Deutscher Meister wurde und den Henkeltopf gewann. Eine andere Zeit mit weniger körperlicher Belastung? Ja, vielleicht. Andererseits hatten Hoeneß, Franz Beckenbauer, Sepp Maier, Gerd Müller, Georg Schwarzenbeck und Paul Breitner am Ende einer intensiven Saison genug Kraft, um mit der deutschen Nationalelf im Sommer 1974 Weltmeister zu werden.

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