Kurzbahn-EM

Goldenes Comeback für Berlinerin Britta Steffen

Ihre ersten internationalen Siege nach dem WM-Desaster registrierte Britta Steffen eher kühl als überschwänglich. Die Kurzbahn-EM in Stettin hakte der Gefühlsmensch mit drei Goldmedaillen wie alle anderen als Zwischenstation auf dem langen Olympia-Weg nach London ab.

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Ihre Teamkolleginnen nennen sie „Mama“, ihre Konkurrentinnen ziehen den Hut: Viereinhalb Monate nach dem WM-Debakel von Shanghai hat sich Britta Steffen mit dreimal Gold sportlich rehabilitiert und auch ihre Rolle im deutschen Team wieder gefunden. Bei der Kurzbahn-EM im polnischen Stettin sorgte die Doppel-Olympiasiegerin als „Mutter der Kompanie“ für gute Stimmung und machte die auch intern kritisierte WM-Flucht fast wieder vergessen.

„Ich werde hier schon wegen meines Alters als 'Mama' bezeichnet“, sagte Steffen. Die mit 28 Jahren älteste deutsche EM-Teilnehmerin kümmerte sich ebenso wie Mannschaftssprecherin Dorothea Brandt (Berlin) rührend um die vielen EM-Debütanten. Vor allem an der 18-jährigen Paulina Schmiedel (Essen) hat sie einen Narren gefressen. „Die Paulina ist 'ne ganz Süße. Sich um die zu kümmern, macht mir Spaß“, sagte die zweifache Weltmeisterin von 2009 und erklärte: „Ich möchte vor allem den Jüngeren den Druck nehmen. Wichtig ist eben auch das Quäntchen Lockerheit.“

Mit dieser Lockerheit hat auch die Berlinerin selbst zurück in die Erfolgsspur gefunden und ihren schon bei der Deutschen Meisterschaft in Wuppertal angedeuteten Aufwärtstrend bestätigt. Am Freitag hatte sie im 100-m-Freistilfinale in Jahresweltbestzeit (51,94) ihre persönliche Durststrecke nach 859 Tagen ohne Titel beendet und die 4x50-m-Freistilstaffel zum 100. Gold bei Kurzbahn-Europameisterschaften geführt. Zum Abschluss am Sonntag siegte Steffen auch über 50 m Freistil in 24,01 Sekunden. Sie siegte vor der Dänin Jeanette Ottesen und der Estin Triin Aljand durch. Die Berlinerin Dorothea Brandt wurde geteilte Vierte.

„Der Stellenwert der EM ist nicht so hoch, weil einige Konkurrentinnen gefehlt haben. Aber man kann immer nur die schlagen, die da sind“, sagte die Ausnahmeschwimmerin, die die EM aus dem vollen Training heraus bestritt und in Stettin viel auf die Technik beim Start und den Wenden achtete.

Steffen und Biedermann auch im Erfolg vereint

Ihr Lebensgefährte Paul Biedermann wählte eine andere Taktik, ging ausgeruhter an den Start und nahm zwei EM-Titel mit. Nach dem Sieg über 400 m Freistil in Jahresweltbestzeit (3:58,65) triumphierte der 25-Jährige auch über die halbe Distanz in 1:42,92 Minuten vor dem Italiener Filippo Magnini und dem Ungar Laszlo Cseh. „Paul ist da Profi durch und durch“, sagte Steffen. Ihre Trainingsarbeit ist dagegen komplett auf Olympia 2012 in London ausgerichtet. Bei der EM genoss Steffen die „gute Stimmung im Team“, für die auch sie selbst sorgte. Nach der Disqualifikation der 4x-50-m-Lagenstaffel tröstete sie die Berlinerin Doris Eichhorn, deren Wechselfehler das Team Bronze gekostet hatte, mit folgenden Worten: „Niemand ist böse auf dich. Im Leben und im Sport fällt man, um dann wieder aufzustehen.“ Hier sprach Steffen aus eigener Erfahrung.

Privat gehen Steffen und Biedermann in der Öffentlichkeit aber lieber weiter auf Tauchstation. Nach Auskunft ihres Managements werden die Beiden in den nächsten Monaten zwar vermehrt bei Werbeaktionen und auch in Hochglanzmagazinen zu sehen sein. Dies aber strikt getrennt. Persönliche Fragen nach einem gemeinsamen Weihnachtsfest blocken sie lieber ab. Der sportliche Erfolg soll im Fokus stehen. In London wollen Steffen und Biedermann dann gemeinsam jubeln.

Neben dem deutschen Sport-Traumpaar sorgte auch die 19-jährige Theresa Michalak bei der EM für Aufsehen. Die Trainingspartnerin von Paul Biedermann schwamm in Stettin zu ihrem ersten internationalen Titel. Nach ihrem Finalsieg am Sonnabend über 100 m Lagen in deutscher Rekordzeit (59,05 Sekunden) strotzte Michalak vor Selbstvertrauen. „Es gibt im Schwimmen nicht nur Paul Biedermann und Britta Steffen, sondern auch eine Theresa Michalak“, sagte sie. Ein ziemlich kesser Spruch für eine junge Schwimmerin, deren größter Erfolg zuvor Bronze bei der Kurzbahn-EM 2010 in Eindhoven gewesen war. Am Sonntag kehrte sie mit dem Vorlauf-Aus über 400 m Lagen auch gleich auf den Boden der Tatsachen zurück. „Eine müde Heldin“, scherzte Michalak: „Ich glaube, mein Trainer wird mir einen Einlauf verpassen.“ Ihr Heimtrainer heißt Frank Embacher, und der war sichtlich stolz: „Mich freut es, dass Theresa so forsch auftritt. Sie ist in ihrer Persönlichkeit gereift.“ dapd/sid