Franz Beckenbauer

"Klopp steht bei Bayern auf der Kandidatenliste"

Bayern Münchens Ehrenpräsident Franz Beckenbauer spricht mit Morgenpost Online über die Nachfolge von Jupp Heynckes und fordert einen neuen Vertrag für Robben.

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Die Besuche in München sind seltener geworden. Franz Beckenbauer, 66, lebt in Salzburg und schafft es aufgrund seines engen Terminplans kaum in seine Heimat. An diesem Tag freut sich der Ehrenpräsident des FC Bayern umso mehr über den Ausflug in die Stadt, es steht eine besondere Feier an: Sein Enkel wird 18. Vor dem Bundesliga-Spiel in Stuttgart sprach er mit "Morgenpost Online“.

Morgenpost Online: Der FC Bayern hat sich in der Vorrunde der Champions League souverän durchgesetzt, Manchester United und City sind ausgeschieden . Was trennt die Bayern noch von den Favoriten Barcelona und Real Madrid?

Franz Beckenbauer: Der Erfolg. Eine Mannschaft kann gar nicht mehr gewinnen als Barcelona es in den vergangenen Jahren getan hat. Und umso mehr eine Mannschaft gewinnt, umso selbstsicherer wird sie. Es kann aber auch zu einer gewissen Überheblichkeit oder Sättigung führen. Das könnte ein Vorteil für die Bayern sein. Aber dafür müssen sie erst mal dahin kommen, dass sie gegen Barcelona oder Real spielen.

Morgenpost Online: Worauf wird es ankommen?

Beckenbauer: In der K.-o.-Runde werden sie öfter Spiele erleben, in denen die Gegner so aggressiv spielen, wie es kürzlich Mainz in der Bundesliga gegen sie getan hat. Da geht es zur Sache. Im Zweikampfverhalten ist noch Luft nach oben. Zunächst müssen sie sehen, dass sie die letzten Spiele in der Bundesliga gewinnen.

Morgenpost Online: Vor dem Sieg gegen Bremen verlor die Mannschaft zwei Spiele in Folge, zum dritten Mal in Folge gegen Dortmund. Haben wir den FC Bayern zu Saisonbeginn überschätzt?

Beckenbauer: Nein. Er wurde einfach zu wenig gefordert.

Morgenpost Online: Bastian Schweinsteigers Fehlen wirkt sich stärker aus als erwartet.

Beckenbauer: Es sind auch genug andere gestandene Nationalspieler da. Dass er ein wertvoller Spieler ist, wussten wir. Aber dass er so fehlt, das hat selbst mich überrascht. Er hat sich enorm entwickelt, ist ein echter Kapitän geworden.

Morgenpost Online: Arjen Robben ist nicht unumstritten.

Beckenbauer: Robben in einer guten Verfassung ist unbezahlbar. Genauso wie Franck Ribery. Die beiden machen den Unterschied aus, sie sind das Salz in der Suppe.

Morgenpost Online: Robbens Vertrag läuft 2013 aus. Würden Sie ihn verlängern?

Beckenbauer: Ich würde es tun. Wir wissen, dass er empfindlich ist. Aber er kann Spiele allein entscheiden.

Morgenpost Online: Trainer Jupp Heynckes lässt rotieren, sogar Nationalspieler Thomas Müller musste mal auf die Bank. Wird diese Rotation zu Problemen in der Mannschaft führen?

Beckenbauer: Jeder will spielen. Das ist aber ein gutes Zeichen und kein Problem. Bis jetzt hat es gut geklappt, weil der Kader für eine Rotation stark genug ist. Der Jupp wird das schon lösen.

Morgenpost Online: Welche Mannschaft hat Sie in der Hinrunde am meisten überrascht?

Beckenbauer: Borussia Mönchengladbach. In der vergangenen Saison noch in der Relegation, jetzt oben mit dabei – das ist eine Sensation. Und Werder Bremen, die haben sich gefangen und spielen guten Fußball.

Morgenpost Online: Kann Mönchengladbach bis zum Saisonende oben mitspielen?

Beckenbauer: Das ist davon abhängig, wie sie es verkraften, wenn sich mal ein wichtiger Spieler verletzen sollte. Ob der Kader dafür stark genug ist, weiß ich nicht.

Morgenpost Online: Wer hat Sie enttäuscht?

Beckenbauer: Der VfL Wolfsburg müsste weiter oben stehen. Mainz hat vor der Saison wichtige Spieler abgegeben, aber dass sie gleich ins untere Tabellendrittel rutschen, hätte ich nicht gedacht. Und der Hamburger SV. Aber der kommt jetzt, ich erkenne wieder eine Handschrift. In den ersten Spielen war das ja eher ein Hühnerhaufen. Thorsten Fink hat die Stabilität zurückgebracht, er ist ein sehr guter Trainer.

Morgenpost Online: Sie haben zuletzt auch Jürgen Klopp gelobt. 2014 läuft sein Vertrag bei Borussia Dortmund aus. Ist er dann reif für die Bayern?

Beckenbauer: Ich weiß nicht, ob Jupp Heynckes sich den Trainerjob noch die nächsten zehn Jahre antun will. Und ich kann mir gut vorstellen, dass er irgendwann einen Titel als Möglichkeit nimmt, um seine Trainerkarriere zu beenden. Unsere Verantwortlichen machen sich über seine Nachfolge Gedanken. Und ich glaube, dass auf der Kandidatenliste auch Jürgen Klopp steht.

Morgenpost Online: Was würden Sie eigentlich davon halten, wenn die Bayern José Mourinho holen würden?

Beckenbauer: Mourinho kann sich den Verein ja aussuchen. Ich weiß nicht, ob ihn Deutschland reizt. Er kennt sich hier nicht so aus, und die Sprache ist sehr wichtig. Du musst Emotionen zeigen, und das ist ohne Sprache schwer. Eines steht aber fest: Er wäre vom Charakter und vom Auftreten eine Bereicherung für die Bundesliga.

Morgenpost Online: Mourinho schwärmt vom deutschen Fußball. Was macht die Nationalmannschaft so stark?

Beckenbauer: Unser Bundestrainer Joachim Löw hat eine unglaubliche Auswahl an starken Spielern. Schauen Sie doch mal, wer da alles noch nachrückt: Andre Schürrle, Kevin Großkreutz, zuletzt hat mir Moritz Leitner imponiert. Ein sehr hoffnungsvoller Spieler. So leichtfüßig wie Mario Götze. Es ist das erste Mal, dass wir so eine Fülle an guten Nachwuchsspielern haben. Alle können gar nicht spielen, das ist ein Luxusproblem. Löw hat zwei komplette Mannschaften.

Morgenpost Online: Wer ist derzeit der beste deutsche Spieler?

Beckenbauer: Manuel Neuer und Bastian Schweinsteiger.

Morgenpost Online: Wird Deutschland Europameister?

Beckenbauer: Der Spielstil der Nationalmannschaft ist anders als vor ein paar Jahren. Sie nähert sich dem spanischen Fußball, dem FC Barcelona. Die Mannschaft ist stark genug, um sich bei der EM durchzusetzen. Ich sehe zwei Mannschaften als Favoriten auf den Titel. Die Spanier und uns. Die Niederländer sind auch gut, aber mit diesen beiden Mannschaften noch nicht auf Augenhöhe.

Morgenpost Online: Sie gewannen 1990 als Teamchef die WM in Italien mit einer Mannschaft, in der viele Spieler über 25 Jahre alt waren. Das Durchschnittsalter der aktuellen Mannschaft ist 24.

Beckenbauer: Früher hat man immer gesagt: Eine Mannschaft ist reif, wenn sie ein Durchschnittsalter von 26 oder 27 Jahren hat. Das trifft auf unsere Nationalmannschaft gar nicht zu. Sie ist jung – und trotzdem souverän.

Morgenpost Online: Sehen Sie überhaupt noch Schwächen?

Beckenbauer: Ich sehe derzeit keine Baustellen für Joachim Löw. Außer er macht selbst noch eine auf. Bei der EM wird wichtig sein, dass die Nationalelf taktisch flexibel ist. Eine gute Mannschaft muss zwei, drei Systeme spielen können.

Morgenpost Online: So wenig Sorge die Nationalmannschaft bereitet, so sehr tun es einige Fans. Macht Ihnen die Gewalt im deutschen Fußball Angst?

Beckenbauer: Wir müssen reagieren. Diese Chaoten einfach niederzuschlagen, ist keine Lösung. Ich denke dass die eingerichtete Task-Force ein Schritt in die richtige Richtung ist. Der DFB muss sich künftig noch mehr mit Polizei, Fans und Vereinen austauschen.

Morgenpost Online: Reicht eine Task-Force?

Beckenbauer: Auch Fanklubs spielen eine wichtige Rolle. Es muss ein Säuberungsprozess stattfinden. Ein Beispiel: Der FC Bayern hat rund 2500 Fanklubs, die Proteste gegen Manuel Neuer gingen aber nur von einem oder zwei aus. Da müssen auch die anderen Fans sagen: Ihr nicht! Euch wollen wir nicht haben!

Morgenpost Online: Generalsekretär Wolfgang Niersbach hat seine Kandidatur für das Amt des DFB-Präsidenten bekannt gegeben. Ist er der richtige Nachfolger für Theo Zwanziger?

Beckenbauer: Wolfgang Niersbach ist in meinen Augen die beste Lösung. Er wird von allen Seiten akzeptiert und besitzt absolute Fachkompetenz. In den vergangenen Jahrzehnten hat er sich ein unglaubliches Netzwerk bei den nationalen Verbänden, aber auch bei der Uefa und Fifa aufgebaut. Ein wirklich würdiger DFB-Präsident.

Morgenpost Online: Was wünschen Sie sich für 2012?

Beckenbauer: Persönlich wünsche ich mir, dass das neue Jahr so läuft wie dieses. Es gab keine Klagen. Allgemein wünsche ich mir Verständnis und Respekt im Umgang miteinander, nicht nur im Fußball.

Morgenpost Online: Ist das im Fußball besonders vonnöten? Kürzlich wollte sich Schiedsrichter Babak Rafati wegen Depressionen umbringen.

Beckenbauer: Von Rafatis Problemen hat nicht einmal die Familie etwas gewusst. Die Schiedsrichter stehen unter größerem Druck als früher. Dabei treffen sie zu 90 Prozent die richtigen Entscheidungen, wie ich kürzlich erfahren habe. Ich dachte, dass die Fehlerquote viel höher wäre. Respekt, ich bewundere die Schiedsrichter. Sie haben das schwerste Amt. Wir müssen ihnen helfen, vor allem die Spieler.

Morgenpost Online: Wie?

Beckenbauer: Das Erscheinungsbild der Profis auf dem Spielfeld ist nicht gut. Vor allem das der Ersatzspieler. Bei jeder Entscheidung springt mindestens einer von ihnen auf und reklamiert. Das ist eine furchtbare Unart geworden und muss aufhören. Sie haben eine Vorbildfunktion. Der müssen sie sich mehr bewusst und ihr gerecht werden.

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