Silvano Beltrametti

"Vielleicht war es richtig, dass es passiert ist"

Seit einem Sturz vor zehn Jahren ist Skifahrer Silvano Beltrametti querschnittsgelähmt. Bei Morgenpost Online spricht darüber, wie er sein Leben meistert und anderen hilft.

Foto: picture-alliance / dpa/dpaweb / picture-alliance / dpa/dpaweb/KEYSTONE/epa

Silvano Beltrametti galt als das größte Schweizer Skitalent, am 7. Dezember 2001 fuhr der damals 22-Jährige beim Super-G in Val d’Isere/Frankreich als Dritter noch auf das Podest. In der Abfahrt tags darauf stürzte er bei Tempo 120, durchschlug den Sicherheitszaun und prallte dahinter gegen einen Stein.

Seither ist er vom siebten Halswirbel abwärts an gelähmt. Mit seiner Frau Edwina leitet Beltrametti heute das traditionsreiche „Berghotel Tgantieni“ im Graubündner Wintersportort Lenzerheide. Ein Gespräch über sein heutiges Leben, den Umgang mit den katastrophalen Folgen des Sturzes und das Risiko im alpinen Skisport.

Morgenpost Online: Herr Beltrametti, Sie wirken so fröhlich. Sind Sie ein glücklicher Mensch?

Silvano Beltrametti: Ja. Jetzt haben wir in den vergangenen Tagen den ersten Schneefall gehabt, endlich schaut es bei uns nach Winter aus. Die Skifahrer können so langsam kommen.

Morgenpost Online: Und abgesehen vom Schnee?

Beltrametti: Es könnte mir nicht besser gehen. Privat läuft es rund, mit meiner Frau Edwina war ich gerade noch im Urlaub in Dubai, in der Wärme, um Kraft zu sammeln. Die nächsten Monate im Berghotel werden sehr harte Arbeit, da ist es wichtig, mit viel Energie in den Winter zu starten. Auch gesundheitlich geht es mir ausgezeichnet, darum auch hier: Ja, ich bin ein glücklicher Mensch. Der Unfall ist natürlich gegenwärtig, auch ich spüre, dass diese zehn Jahre seither brutal schnell vergangen sind.

Morgenpost Online: Waren Sie in diesen zehn Jahren oft verzweifelt?

Beltrametti: Nein, nie. Ich habe bessere und schlechtere Tage wie jeder andere Mensch auch. Sicher, ich spüre immer wieder, was es heißt, gelähmt zu sein, mit Barrieren und Hindernissen zu kämpfen, das wird das ganze Leben da sein. Aber Hindernisse sind da, um sie zu überwinden – oder nicht? Deswegen hadere ich nicht mit dem Schicksal. Es gibt Menschen, die hat es viel mehr erwischt. Wenige Tage nach meinem Unfall habe ich in der Klinik ein junges Mädchen getroffen, die war von oben an gelähmt, die konnte nicht einmal mehr ihre Hände bewegen. Das ist noch wesentlich schlimmer.

Morgenpost Online: Sie haben nie nach dem „Warum“ gefragt? Warum der Sturz an dieser Stelle, warum hielten die Fangzäune nicht, warum war genau dahinter der Stein, auf dem Sie aufprallten?

Beltrametti: In der ersten Zeit nach dem Unfall schon. Aber bald habe ich gesehen, dass ich nie eine Antwort bekommen werde. Darum habe ich es abgehakt.

Morgenpost Online: Sie sind auch noch einmal zur Unfallstelle in Val d’Isere.

Beltrametti: Das war für mich ein wichtiger Abschluss. Zu sehen, wo es passiert ist. Das war wie in einer Beziehung, wenn etwas auseinander geht, ohne dass man sich ausgesprochen hat. Der Unfall war so abrupt, da konnte ich mich erst nicht verabschieden vom Skifahren. Bei meiner Rückkehr an den Ort konnte ich es. Mit diesem Gang zurück konnte ich Frieden schließen, mit dem Ort, mit dem Skifahren. Jetzt, zehn Jahre nach dem Unfall, habe ich meinen Weg gemacht, und es ist der richtige Weg.

Morgenpost Online: Ein anderer Weg in jedem Fall. Als Sportler hätten Sie noch viele Erfolge feiern können, vermissen Sie das Rennfahren, den Kitzel, das Adrenalin ?

Beltrametti: Die Geschwindigkeit brauche ich immer noch. Auf dem Monoski fahre ich auch zügig, morgens, wenn noch keiner unterwegs ist und die Piste präpariert. Das Tempo zu spüren, die Fliehkraft in der Kurve, das löst noch ein ähnliches Kribbeln aus wie früher, als ich auf den Skiern noch stehen konnte. Anders als früher ist, dass mein Leben breiter gefächert ist. Als Sportler lebst du in einem Tunnel, da lebst du nur für den Wettkampf, es geht um Hundertstel, und wenn dir zwei Zehntel fürs Podest fehlen, bist du am Boden zerstört. Heute sehe ich das anders. Mein neues Leben, mein Leben im Rollstuhl hat mich stabiler gemacht, ruhiger, gelassener. Das heißt nicht, dass ich glücklich darüber bin, dass der Unfall geschehen ist, aber ich kann es eh nicht ändern. Es ist anders. Und so wie es ist, ist es gut, sehr gut.

Morgenpost Online: Fragen Sie sich aus Ihrer jetzigen Sicht dann manchmal, wie sich ein Sportler über einen vierten Platz aufregen kann, wo es doch größere Probleme gibt?

Beltrametti: Nein, das nicht, ich kann das schon noch einschätzen. Als Spitzensportler musst du so denken. Wenn du mit einem zehnten Platz zufrieden bist, dann machst du etwas falsch.

Morgenpost Online: Der Druck auf die Sportler scheint aber größer, die Zeit verlangt mehr Spektakel , das Material wird extremer, die Radien enger, die Verletzungen folgenschwerer. Ist der Alpinsport schon über die Grenze des Machbaren hinaus?

Beltrametti: Beim Riesenslalomski besteht Handlungsbedarf, absolut. Es gab viele schwere Kreuzbandverletzungen, das Material war so gut ausgetüftelt, dass die Bänder bei einem Sturz nicht mehr mitkamen. Was es bringen wird, die Skier so zu bauen, dass die Radien wieder weiter werden, bleibt abzuwarten. Und was die Abfahrt angeht, da hat es früher genauso schlimme Unfälle gegeben wie jetzt. Wenn einer mit 120 stürzt, dann ist es wichtig, dass die Netze halten, dass der Helm stabil ist.

Morgenpost Online: Einer der schlimmsten Stürze der jüngeren Vergangenheit war der von Daniel Albrecht vor knapp drei Jahren in Kitzbühel. Mit ihm haben Sie jetzt ein soziales Projekt ins Leben gerufen.

Beltrametti: Es heißt „Never give up“, und es ist mehr ein Motivationsprojekt, mit dem wir Menschen nach Schicksalsschlägen – welcher Art auch immer – ermutigen wollen, das Leben aktiv weiter selbst zu gestalten. Ihnen Impulse geben, die Kraft, den Alltag positiv zu gestalten. Im Leben musst du oft unten durch. Wichtig ist nur, dass du nicht unten bleibst, und dafür können Vorbilder und Idole wie Dani und ich gut sein. Wenn ich manchmal von Menschen angesprochen werde und höre, dass wir ihnen tatsächlich indirekt helfen konnten, dann macht mich das stolz und glücklich, dann ist das wertvoller als jedes Olympiagold.

Morgenpost Online: Daniel Albrecht kam um eine Lähmung herum, er kann wieder Rennen fahren. Hoffen Sie, dass es die Forschung auch Ihnen eines Tages ermöglichen wird, wieder gehen zu können?

Beltrametti: Für viele Gelähmte wäre das wunderschön, für mich ist das kein Thema. Bis dahin ist es noch ein langer Weg, und ich bin mir unsicher, ob ich mehr Lebensqualität hätte, wenn ich wieder ein, zwei Schritte machen könnte. Ich bin im Rollstuhl schnell und wendig, meine Technik ist mit den Jahren immer besser geworden. Da kommen wir auch wieder zu dem „Warum“, nach dem Sie mich vorher fragten, die Suche nach der Antwort.

Morgenpost Online: Und?

Beltrametti: Die Antwort, die ich mir gebe, ist dann nicht das, was ich nicht mehr kann. Sondern das, was ich erreicht habe. Nein, es war keine schöne Situation, als junger Skirennfahrer mit 22 Jahren aus dem Leben gerissen zu werden. Aber so habe ich erreicht, mein Leben bewusster zu leben. Ich bin reifer geworden und reicher an Erfahrung. Vielleicht war es sogar richtig, dass es passiert ist.