Karriereende

Magdalena Neuner war "wirklich nah am Burn-out"

Magdalena Neuner hat die Gründe für ihr angekündigtes Karriereende genannt. Die Olympischen Spiele etwa seien zu einer Kommerzmaschine verkommen.

Saß da schon die neue Magdalena Neuner oder noch die alte? Lachte da schon die frühere Biathletin oder noch die aktuelle Weltmeisterin? Als wäre ihr Outfit ein Spiegel der Seele, hatte sie für den ersten Auftritt nach der Rücktrittserklärung eine rote Trainingsjacke über dem schwarzen Poloshirt gewählt, die unterstrich, dass sie sich auf ein Weltcuprennen am Freitag in Hochfilzen vorbereitet, dazu aber Perlohrstecker, Lippenstift und Rouge – Accessoires, die zum Profisport passen wie ein Supertanker nach Duisburg.

Die schulterlangen blonden Haare strich sie sich immer wieder hinter die Ohren. Neuner war, wie sie später erzählte, zur Zerstreuung beim Friseur gewesen. Vorher hatte sie die Rücktrittsnachricht auf ihrer Homepage frei geschaltet , um „dann mal zu sehen, was so passiert“. Als sie wieder zurück nach Hause fuhr, stand in Wallgau ein silberner Mercedes mit Münchner Kennzeichen vor ihrer Tür, die Kamera in Stellung gebracht.

Sie zählte die fremden Fußspuren in ihrem Garten und sprach von ihrer ersten Begegnung mit Paparazzi. Sie hatte „Anstand und Respekt“ erwartet, Werte, die sie aus ihrem Elterhaus kennt. Nun rief ihre Mutter sie besorgt an: „Bei mir waren sie auch schon.“

Magdalena Neuner war wahrscheinlich, wie sie selbst sagte, so naiv zu glauben, der Rücktritt würde sich schnell versenden. Stattdessen schaffte er es sogar in die „Tagesschau“ der ARD. Sie schilderte den Übertritt in ihre Privatsphäre auf einer Pressekonferenz am Mittwoch in Leogang eindringlich, weil er erklären soll, warum sie nach Ende dieser Saison nicht mehr ins Rampenlicht treten will.

Sie habe alle sportlichen Ziele erreicht. Rekordolympiasiegerin zu werden, auf dass sich in Sotschi/Russland 2014 ein Gold ans nächste reiht, ist für Magdalena Neuner nicht erstrebenswert. Sie machte bei den vergangenen Spielen eine geradezu traumatische Erfahrung. In Whistler wurde sie 2010 trotz zweier Goldmedaillen und einer Silberplakette ihrer Illusionen beraubt. „Der Spirit hat total gefehlt“, sagte sie, und es war ihr abzunehmen, dass das Fest von Sportlern für Sportler in Neuners Augen zu einer Kommerz- und Medienmaschine verkommen ist. „Ständig wurde an mir herumgezerrt.“ Nicht ein Moment der Besinnung sei für sie und ihre Familie geblieben.

Ähnlich empfand sie schon im Sommer 2007, als sie nach sechs Weltmeistertiteln schon einmal kurz davor war, alles hinzuwerfen. „Das Wort ist zurzeit groß in Mode, aber ich war wirklich nah am Burn-out-Syndrom.“ Sie wandte sich an einen Mentaltrainer, der sie für die Wettkämpfe stählte.

Über ihre Zukunftspläne schwieg die 24-Jährige, die Chance auf einen Rückkehr siedelte sie lächelnd bei „zwei Prozent“ an. Sie freut sich darauf, dass die Zeit der Entbehrungen bald vorbei ist und listete einen Arbeitsnachweis auf, als wollte sie der Welt beweisen, dass die zehn WM-Titel und zwei olympischen Goldmedaillen nicht vom Himmel fielen. In den 16 Jahren ihrer Sportkarriere sammelten sich 6500 Trainingstage und 12.500 Trainingsstunden an. Sie habe gern verzichtet, auf das alpine Skifahren zum Beispiel oder auf eine besinnliche Adventszeit. Jetzt will sie „endlich richtig leben. Ich freue mich darauf, mit 25 ein neues Leben anfangen zu können“.

Am liebsten würde Magdalena Neuner in den verbleibenden Wochen nur noch über ihren Sport reden. Sie sagte: „Ich fühle mich, als könnte ich Bäume ausreißen. Ich möchte alles, was kommt, mitnehmen.“ Natürlich wird es anders kommen. „Es ist nur ein frommer Wunsch.“