Biathlon

Von "Lena" Neuner bleibt mehr als Medaillenruhm

Diese Weltcup-Saison ist ihre letzte als Biathletin. Die nimmermüde Kämpferin bittet ihre Fans um zündende Ideen für die Zeit danach.

Sie sah zum Auftakt dieser Saison in Östersund nicht anders aus als am Ende der vergangenen. Magdalena Neuner (24) ging mit der üblichen Frische und Geschwindigkeit ans Werk und sprach glücklich und ausgeglichen wie das Rosen-Reslie am Samstag über ihren ersten Sieg in diesem Winter. Es gab keine äußeren Anzeichen für das, was Vertraute, Trainer und Teamkolleginnen bereits seit Wochen wussten.

In Neuner war der Gedanke an den Schlussstrich in der Sommerpause gereift, sie wartete nur auf eine passende Gelegenheit, die Wucht der Botschaft zu mildern. Sponsoren mussten zudem überzeugt werden, ihr bis zum Ende des Olympia-Zyklus 2014 die Treue zu halten, obwohl sie schon nach den Heim-Weltmeisterschaften in Ruhpolding Anfang März nicht mehr zu Ski und Kleinkalibergewehr greifen wird. Schließlich hat die erfolgreichste deutsche Biathletin der Gegenwart die Entscheidung über ihr Karriereende am Dienstagmorgen ganz unprätentiös in einer Mitteilung an die „lieben Fans“ auf ihrer Homepage bekannt gegeben. Am Mittwoch wird sie sich vor dem Weltcup in Hochfilzen/Österreich den Nachfragen stellen.

Neuners Motive sind bislang noch undeutlich. Sie teilte lediglich mit, „dass die Zeit reif ist für eine Veränderung“. Ihre Trainer hatten noch versucht, Neuner umzustimmen, denn sie haben Angst davor, ohne ihren Star „in Zukunft kleinere Brötchen backen zu müssen“, wie es Frauen-Bundestrainer Ricco Groß formuliert, aber sie ahnten auch, dass an Neuner Entschluss nicht mehr zu rütteln ist: „Eine wie Lena entscheidet sich mit aller Konsequenz.“

Früher traten Sportler zurück, weil sie sich schwer verletzt hatten oder weil ihre goldenen Zeiten vorüber waren. Beides trifft auf Neuner nicht zu. Das muss nicht weiter verstören, denn manchmal kann eine Sportlerin auch schon mit 16 Jahren ausgelaugt sein, das hat der Absturz des Tennis-Wunderkindes Jennifer Capriati gelehrt.

Die Amerikanerin hatte sich damals in ihrer Teenagerzeit wie Neuner heute nach einem Stück Normalität gesehnt, „nach ein wenig mehr Ruhe und danach, einfach mal die Dinge machen zu können, die ich in meinem Sportlerleben nie machen konnte“. Der Druck der Medien und die Zuneigung der Fans empfand die blonde Skijägerin manchmal als erdrückend, wenn mal wieder die „Gold-Lena“ die Bilanz schönen sollte oder eine Ladung Bustouristen auf dem Grundstück ihrer Heimatgemeinde Wallgau den Star wie ein Naturereignis bestaunen wollte.

Ihre Ziele blieben meist auf fünf schwarze Scheiben beschränkt. Magdalena Neuner brach mit 16 die Schule nach der Mittleren Reife ab, danach heuerte sie beim Zoll an, um Profibiathletin zu werden. Seither trainiert sie sommers wie winters gleich hart. „Sie hat enorme Trainingsumfänge, da fällt eine Weiterentwicklung schwer, besonders auf ihrem Niveau und mit ihren hohen Ansprüchen“, sagt Fachmann Groß.

Das Trügerische ist vielleicht, dass Neuner noch nie auch nur der Hauch einer Erschöpfung anzumerken war. Nachdem sie sich den Speichel vom Mund abgewischt hat, lächelt sie auch nach dem fulminantesten Schlussspurt herzerfrischend in die Fernsehkameras und plappert im heiteren Oberbayerisch drauflos. Verbissen und ausgebrannt sind nur die anderen.

In dem Moment, als Neuner das erste und einzige Mal von einem Burn-out sprach, baumelte bei den Olympischen Spielen in Vancouver eine Goldmedaille um ihren Hals, und die Krise lag schon über ein halbes Jahr zurück.

Dass Biathlon nicht gerade als Antidepressivum taugt, hat ihr Kollege Michael Greis (35) erfahren. Der dreimalige Olympiasieger klagt fast jede Saison mindestens einmal über Motivationsprobleme. Vor zwei Wochen umriss Neuner in einem Interview die Monotonie, in der die Winterzweikämpfer gefangen sind. „Als Biathletin bleibt mir nichts, außer dass ich abends kaputt und müde bin, wenn ich den ganzen Tag durch den Wald gelaufen bin.“ Auch deshalb sucht sie im Stricken einen Ausgleich, „da halte ich abends etwas Schönes in den Händen“.

Von Magdalena Neuner wird mehr bleiben als zehn goldene WM-Medaillen und drei olympische Medaillen, die sie bis vor kurzem noch in einer Glasvitrine von Tchibo aufbewahrt hatte, bevor sie in ein Bankschließfach wanderten. Ihr Ruhm wird unvergänglich sein, preisen die Leute vom Deutschen Ski-Verband. „Mit Lena verliert der Biathlonsport seine Königin“, glaubt Langlauftrainer Joche Behle. Gerald Hönig, der mit Ricco Groß die deutschen Skijägerinnen betreut, erklärt: „Wir verlieren eine Athletin, die nicht zu ersetzen ist. Das ist ein schwerer Schlag für uns.“

Ex-Biathlet Frank Luck sagt: „Das deutsche Biathlon hat eine große Figur verloren, die weit über die Grenzen hinaus gestrahlt hat.“ Und Thomas Bach, Deutschlands oberster Sportfunktionär, liefert bei aller Betroffenheit auch gleich den Grund für Neuners Beliebtheit mit: „Magdalena Neuner ist nicht nur erfolgreich, sondern kommt mit ihrer freundlichen Art, ihrer Offenheit, ihrem Lächeln toll rüber. Sie ist authentisch, und das spüren die Menschen.“

Am Freitag beginnt nun Neuners Abschiedstournee mit dem Weltcupsprint der Frauen in Hochfilzen. Was danach kommt, ist offen. Sie hatte einen Gastauftritt bei der ARD-Soap „Sturm der Liebe“ , vom 2. Januar an werden die Folgen ausgestrahlt. Sie möchte „irgendwann“ Mutter werden, dem Biathlon dabei verbunden bleiben und weiterhin Termine für ihre Sponsoren wahrnehmen. Zurzeit macht sie einen Trainerschein.

Ob sie das ausfüllt, scheint sie jetzt schon zu bezweifeln. So fordert sie ihre Fans auf, „neue Ideen zu entwickeln“, die zu ihr passen. Diese Wirrungen werden ihr gern nachgesehen. Wer sich jahrelang mit der Pulsfrequenz und dem Stockeinsatz beschäftigen musste, dem fällt es schwer, sich nebenbei auf ein völlig neues Leben vorzubereiten.