Karriereende

Magdalena Neuner hört auf ihr Herz

Magdalena Neuner hat Lust auf etwas Neues – und den Mut dazu. Auch wenn ihre Entscheidung den Interessen des Verbandes, der Medien und der Sponsoren widerspricht.

Deutschlands Sportler des Jahres werden in in zwei Wochen in Baden-Baden gekürt. Die Ergebnisse sind noch geheim, aber die meisten Sportjournalisten dürften ihre Stimme Magdalena Neuner gegeben haben. Völlig zu Recht übrigens, die Biathletin war im vergangenen Winter zur Rekord-Weltmeisterin aufgestiegen. Zu bewundern ist sie aber nicht wegen ihrer vielen Goldmedaillen. Mindestens genauso beeindruckend ist es, wie sie trotz öffentlicher Vereinnahmung das Wesentliche immer im Blick behalten hat. Und das sind nun mal nicht die fünf Scheiben am Schießstand.

Es gibt ja hierzulande junge Tennisstars, deren Eltern nach dem ersten Turniersieg des Filius mit eigenen Autogrammkarten aufwarten. Plötzlicher Reichtum oder der neue gesellschaftliche Status haben schon so manchen Sporthelden schwierig im Umgang werden lassen. Neuner dagegen ist immer die Lena von nebenan geblieben.

Dabei hatte es die heute 24-Jährige von Anfang an nicht leicht. Nach ersten WM-Sieg war sie im Spätsommer 2007 zusammen mit Medaillengewinnern internationaler Meisterschaften eine Woche in einen Robinson Club gefahren (die Athleten wählen hier dann immer ihren „Champion des Jahres“) – doch an Urlaub war für die blutjunge Aufsteigerin nicht zu denken. Während sich die Sportkollegen am Strand aalten, musste sie bis zu zwölf Interviews am Tag geben. Ging sie mal baden, war sie von Fotografen umringt, die sie im Bikini ablichten wollten. Es war ein Vorgeschmack auf das, was einer blüht, die neuer Liebling der Nation ist.

Daheim in Wallgau, einer 1400-Einwohner-Gemeinde in Bayern, halten fortan reihenweise Busse mit Touristen vor dem Haus der Familie Neuner, das plötzlich als Sehenswürdigkeit gilt. Dass viele Fans dann sogar aufdringlich klingeln oder gar den Müll durchsuchen, muss man erst mal aushalten. Erst diesen Sommer hat Neuner – längst ins Haus der Oma umgezogen – erst wieder ein Schild gebastelt und aufgestellt, drauf steht höflich die Bitte, ihre Privatsphäre zu respektieren. Vergeblich.

Die Vergötterung scheint im Laufe der Jahre nur immer noch größer zu werden, je mehr Neuner deutlich macht, wie wichtig ihr Normalität ist. Dicke Sportwagen, teure Kleider, wilde Partys – nichts von dem kann sie reizen. Sie schwärmt lieber von denen schönen Stunden zwischen den Weltcups in der Weihnachtszeit, in denen sie daheim ganz traditionell mit der Familie musiziert. Sie bekennt sich öffentlich zu ihrem Faible fürs Stricken – und bekommt natürlich prompt einen Sponsor aus dieser Branche. Gemocht hat sie es nie, wenn öffentlich über ihre ersten Beziehungen getratscht wurde – oder sie immer und überall auf ihre Schwäche beim Schießen angesprochen wird.

Bremsen lassen hat sich davon aber nicht. Meistens jedenfalls. 2009 war sie ohne Einzelmedaille von der WM in Korea zurückgekehrt und danach in Loch gefallen. Plötzlich traten Motivationsprobleme auf. Ein Psychologe half ihr auf dem Weg zum doppelten Olympiasieg. In Vancouver zeigt Neuner dann ihre familiäre Seite. Sie verzichtet auf ihren Staffelplatz (und eine mögliche weitere Goldmedaille) zugunsten von Martina Beck. Die Kollegin, die sich einst mütterlich um die junge Aufsteigerin gekümmert hatte und zur Freundin wurde, sollte nicht mit leeren Händen nach Hause müssen. Herz ist Neuner halt mindestens genauso wichtig wie Erfolg.

Jetzt hört sie auf ihr eigenes. Und verkündet ihr Karriereende. Sie hat sportlich keine Ziele mehr, und keinen Nerv für den ewigen Rummel. Nach einem Wechsel des Managements waren Interviewtermine und öffentliche Auftritte zuletzt zwar noch stärker dosiert worden, aber Neuner hat Lust auf etwas Neues – und den Mut dazu. Sich dafür zu entscheiden, sei es einfach nur Normalität im Alltag, Mutterschaft oder was auch immer, ist ihr gutes Recht. Auch wenn ihre Entscheidung den Interessen des Verbandes, der Medien und der Sponsoren widerspricht.

Und in Zeiten, in denen manch einer am Leistungsdruck des Sportgeschäfts zugrunde geht, taugt sie damit auch zum Vorbild. Fünf Scheiben am Schießstand, eine weitere Goldmedaille oder ein weiterer Werbevertrag sind halt nicht alles im Leben. Auch wenn Sportjournalisten gern mal so tun, als wäre es so.