Kolumne "Querpass"

Deutschland ist der EM-Topfavorit. Oder etwa nicht?

DFB-Teammanager Oliver Bierhoff wehrt sich gegen das Hochjubeln der deutschen Nationalelf. Denn Favoriten müssen nicht zwangsläufig die Sieger sein.

Die Gesellschaft für deutsche Sprache muss sich nicht länger die Stirn zerfurchen und das Hirn zermartern über die Frage, wen sie als würdigen Nachfolger des "Wutbürgers" zum Wort des Jahres wählt. Die Antwort ist: "Topfavorit".

Wir sind nicht mehr nur Papst, wir sind jetzt auch Topfavorit, und zwar bei der Fußball-EM in Polen und der Ukraine im nächsten Sommer – anlässlich der Gruppenauslosung ist das magische Wort gefühlte 376-mal in den Mund genommen worden von Sachverständigen aller Art und von ARD bis ZDF.

"Wir gelten überall als Topfavorit", meldete aus Kiew Matthias Opdenhövel, der Sonderberichterstatter des Ersten, und das "Sportstudio" hat übers Wochenende ergänzt, dass sie die Dinge im Zweiten zwar besser, aber genauso sehen: "Wir sind Topfavorit. Oder etwa nicht?"

Die Zusatzfrage war so überflüssig wie ein Kropf, denn nur Stimmungstöter verirren sich noch in leise Zweifel. Opdenhövel hat den Nerv getroffen und voller Mitleid den Schreck aus den Augen des niederländischen Trainers förmlich herausgelesen.

Haben Sie sich erholt, fragte er ihn ungefähr, worauf Bert van Marwijk sagte : "Ich glaube, alle sind nicht so glücklich." Seine Kollegen, der Portugiese Bento und der Däne Olsen ("Ein Albtraum"), ließen sich ein paar Meter weiter von hinten und vorn kondolieren, und "Jogi" Löw kaute immer noch auf seinem Kugelschreiber, den er sich in den Mund gesteckt hatte, gegen das Zähneklappern.

Doch beim anschließenden Interview musste der Bundestrainer schon nicht mehr gestützt werden, er weiß schließlich, was von ihm erwartet wird. Seine Körpersprache muss passen zur Stimmung im Land, und die ist klar: Wir sind der vorauseilende Europameister.

Uefa kann uns den Pokal schicken

Noch nie war eine EM so früh entschieden wie diesmal, die Uefa kann uns den Pokal schon mal mit der Post zuschicken, den Ukrainern und Polen bleiben dann unnötige Gelder erspart und dem Rest von Europa demütigende Schlappen.

Warum ist es so wichtig und erstrebenswert, Topfavorit zu sein? Tut sich einer damit leichter? Schlottern die Gegner? Weinen sie heulend ins Gras, werfen sie die weiße Eckfahne zum Zeichen der Aufgabe? Nein.

Nehmen wir die Bundesliga! Die Bayern sind Topfavorit , wie immer sind sie als die besten Bayern der Geschichte in die Saison gestartet, zu einem vermeintlichen Spaziergang, und damit das auch vollends der Letzte glaubt, behängen die hinterlistigen Dortmunder den Krösus mit verbaler Lametta – selbst als sie in München gewonnen haben, hat das keiner gemerkt, denn mit seinem üblen Grinsen im Mundwinkel sagt Jürgen Klopp jeden Tag: "Die Bayern sind der haushohe Favorit."

Bierhoff meckert

So zieht Dortmund im Nacken der Münchner unbemerkt seine Kreise, und Uli Hoeneß sagt über Klopp: "Ein ausgeschlafener Bursche." Der Bayern-Präsident weiß also um die Raffinesse der stillen Bescheidenheit, gehört aber trotzdem zu denen, die sich die Favoritenrolle genüsslich einverleiben wie das tägliche Frühstücksbrötchen mit Honig – und in puncto EM ist auch für Hoeneß, salopp gesagt, nur noch die Frage offen, wer im Finale gegen uns verlieren darf.

"Solche Aussagen gefallen mir nicht", hat dieser Tage Oliver Bierhoff gemeckert. Der Manager der Nationalmannschaft ist zwar ein Anhänger des gesunden Selbstvertrauens, allerdings auch der Realität – und er wehrt sich mit gestrecktem Bein gegen "dieses Hochjubeln, als würde die EM ein Durchmarsch für uns".

Bierhoff weiß, wie Titel gewonnen werden, nämlich am leichtesten leise, aus dem Nichts, wie anno ’96. Topfavorit waren die Engländer, bis die deutschen Anschleicher aus der Tiefe des Schattens kamen und Bierhoff gar von der Auswechselbank. Zwei Eier hat er gelegt, und wir waren Europameister. Umgekehrt ist es riskanter.

Favoriten siegen nicht immer

"Diese Mannschaft ist auf Jahre hinaus unbesiegbar", prophezeite der Weltmeistertrainer Franz Beckenbauer 1990 mit der Posaune – und die EM-Topfavoriten seines Nachfolgers Berti Vogts verloren 1992 gegen die Dänen, die als Lückenfüller für die suspendierten Jugoslawen mitten aus dem Urlaub gekommen waren.

Auch Goliath war gegen David Favorit. Und Joe Louis gegen Max Schmeling. Größer als dessen Chance, schrieb damals eine Zeitung, ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie morgens ins Badezimmer treten und Jesus Christus steht vor dem Spiegel und rasiert sich.

Weder Jupp noch Joe oder den Goliath können wir dazu noch befragen, keiner hat die Favoritenrolle überlebt. Einer kann daran zerbrechen. Jürgen Hingsen war Weltrekordhalter im Zehnkampf, der König der Disziplinen, aber gegen Daley Thompson hat er immer verloren und 1988 in Seoul beim 100-Meter-Lauf drei Fehlstarts fabriziert. Disqualifikation. Hohn und Spott. "Hollywood-Hingsen", kicherte Thompson.

Können wir den Experten trauen?

Grinsen auch die Spanier? Wir hören nichts von ihnen. Womöglich staunen sie in aller Ruhe über unsere Zuversicht. Schließlich sind die Welt- und Europameister nicht schlechter geworden, seit sie zweimal zu gut waren für uns im EM-Finale 2008 und im WM-Halbfinale 2010. Findet "Jogi" Löw diesmal die Lösung? Im "Sportstudio" verriet er zuletzt mit Blick auf die EM: "Eigentlich freu ich mich schon." Eigentlich.

Wenn wir den Experten nur trauen könnten. Genauso gut können wir Affen fragen. Vor Jahren ließen Wissenschaftler eine Herde Schimpansen mit Dartpfeilen auf Symbole von Aktien werfen, und das daraus resultierende Wertpapierdepot hielt mit dem der professionellen Börsenanalysten bequem Schritt. Dass die Fachsimpeleien nicht den Simpeln vom Fach, sondern den Schimpansen überlassen werden sollten, steht vollends fest, seit Griechenland 2004 Europameister wurde – im Finale gegen den Topfavoriten Portugal.

Und diesmal? Wenn wir die Stimmung richtig deuten, sind Löw Jungs sogar ein noch größerer Favorit als Silvia Neids Mädels bei der Frauen-WM. Jedenfalls ist nichts mehr zu spüren von dem, was der große Xavi in einem medialen Zwiegespräch als den tieferen Grund der vergangenen Siege Spaniens nannte: "Die Deutschen hatten sehr, sehr, sehr viel Respekt vor uns."

Haben wir diesmal viel, viel, viel zu wenig Respekt vor ihnen? Der einzige, der jetzt schon die Antwort wüsste, ist Paul die Krake. Aber Paul ist tot.